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Kino: „Wild Nights with Emily“ – Von wegen alte Jungfer!

Die Komödie der lesbischen Regisseurin Madeleine Olnek räumt mit dem Klischee auf, dass die Dichterin Emily Dickinson eine schrullige alte Jungfer war. Tatsächlich – das ist belegt – liebte sie ihre beste Freundin und spätere Schwägerin. Jetzt im Kino.

Edition Salzgeber Emily (Molly Shannon, r.) und Susan (Susan Gilbert)

Von Paula Lochte

8.12.2019 - Es ist, als würde in Deutschland ein Film über Johann Wolfgang von Goethe gedreht, in dem rauskommt: „Faust“ erzählt eigentlich eine schwule Liebesgeschichte, und Goethe hatte eine lebenslange Affäre mit dem Mann seiner Schwester. Ein queeres Update für einen Klassiker also, dessen Werke Schülerinnen und Schüler landesweit spätestens in der Oberstufe lesen. Denn genau das ist die hierzulande wenig bekannte Dichterin Emily Dickinson in den USA: ein Klassiker.

Der Film Wild Nights with Emily ist deshalb für die einen so etwas wie Gotteslästerung und für die anderen ein lesbisch-feministischer Meilenstein. Denn das im 19. Jahrhundert spielende Biopic erzählt mit wenig Geld und viel Witz von der schon in der Jugend beginnenden Liebesbeziehung zwischen Emily Dickinson (Molly Shannon) und ihrer späteren Schwägerin Susan Huntington Gilbert (Susan Ziegler).

Die lesbische Affäre ist historisch belegt

Das Beste daran: Die lesbische Affäre ist historisch relativ gut belegt. Denn zahllose Gedichte und Briefe von Dickinson waren Susan gewidmet – deren Name wurde aber nach dem Tod der Dichterin aus vielen Liebesbekundungen getilgt, was die Literaturwissenschaftlerin Martha Nell Smith mithilfe von Infrarotlicht und Computertechnik über 100 Jahre später sichtbar machte.

Eine der Zensorinnen war Mabel Todd (im Film gespielt von Amy Seimetz), die Dickinsons Gedichte posthum veröffentlichte und sie sowohl inhaltlich als auch stilistisch den gesellschaftlichen Konventionen anpasste. Denn die 1886 im Alter von nur 56 Jahren verstorbene Dichterin war ihrer Zeit weit voraus. Ihre Gedichte reimten sich nicht immer, waren voller Gedankenstriche, kamen ohne Titel aus und ließen damit Raum für Interpretationen. Zu Lebzeiten wurden nur zehn ihrer fast 1.800 Gedichte veröffentlicht. Heute gilt sie als Vorreiterin der Moderne.

Dickinson hat bis in die Gegenwart hinein das Image eines poetischen Genies, aber auch einer alten Jungfer, die nie heiratete, sich deshalb einsam nach der Liebe eines Mannes gesehnt und schrullige Angewohnheiten entwickelt habe. So soll sie nur weiße Kleider getragen und ihr Zimmer nicht verlassen haben.

Olnek: „Frauenfiguren werden für ihre Stärke bestraft“

Filmemacherin Madeleine Olnek (die auch so schräge Filme wie Codependent Lesbian Space Alien Seeks Same drehte) sieht in dieser Lesart ein wiederkehrendes Narrativ, wenn es um starke Frauen in der Geschichte oder Literatur geht: „Frauenfiguren werden für ihre Stärke bestraft“, sagte sie der Webseite Indiewire. „Sie werden geköpft, fallen vom Pferd oder gelten, wie Emily Dickinson, als erbärmliche Workaholics.“

Mit diesen Klischees räumt Wild Nights with Emily Szene für Szene auf. Den Rahmen der Handlung bildet ein Vortrag von Dickinsons Herausgeberin und Zensorin Mabel Todd. Den Halb- und Unwahrheiten, die diese über das Leben der Dichterin verbreitet, stellt die Regisseurin Aufnahmen entgegen, die das Gegenteil zeigen. Susan sei nichts als eine gute Freundin gewesen? Die „Freundinnen“ küssen sich und schlafen miteinander (wobei der Film, was das Zeigen von Sexszenen angeht, ähnlich puritanisch ist wie Dickinsons Vater). Emily Dickinson habe freudlos gelebt? Der Film zeigt sie voller Witz, Spott und unbeschwert lachend beim Backen oder Familienpicknick. Sie habe sich nicht getraut, ihre Gedichte zu veröffentlichen? Der Film zeigt, wie sie an sexistischen Zeitungsredakteuren scheitert, denen schreibende Frauen suspekt sind.

Genau recherchiert, aber die Inszenierung schwächelt

Man will diesen Film lieben! Weil er so aufklärerisch und genau recherchiert ist. Weil er die lesbische Seite einer amerikanischen Ikone zeigt. Weil er mit so wenig Geld auskommen musste, dass die Perücken schlecht sitzen, Blumengestecke aus Plastik und Tiere aus Stoff sind. Weil eine trashige Kostümfilm-Komödie über Lesben doch ein vielversprechendes Genre ist.

Doch leider ist der Film weniger lustig als langatmig. Die Pointen sind vorhersehbar (Ein betagter „Liebhaber“ liegt in Dickinsons Armen – weil er einen Schwächeanfall hatte). Und sie wiederholen sich (ach, Unterröcke sind unpraktisch bei Quickies!). Die Rollen sind eigentlich gut besetzt. Hauptdarstellerin Molly Shannon etwa ist zumindest in Amerika bekannt aus der Comedy-Show Saturday Night Live. Doch die Grimassen und schmachtenden Blicke, die sie und die anderen Schauspielerinnen einander zuwerfen, sind manchmal witzige Satire – meist wirken sie einfach nur schlecht gespielt.

Man sollte den Filmstart deshalb als Anlass nehmen, mehr über die Dichterin und ihr Werk zu erfahren, das es mittlerweile auch unzensiert gibt. Und ob man sich den Film nun anguckt oder nicht, eines macht wirklich Spaß: Die Gedichte von Emily Dickinson mit lesbischen Augen zu lesen. Zum Beispiel dieses Gedicht, das auch den Filmtitel inspirierte:

Wilde Nächte – Wilde Nächte!

Wär ich bei dir

Wilde Nächte würden

Uns Elixier!

Was will – der Wind noch –

Das Herz liegt im Hafen –

Fort mit dem Kompaß –

Fort mit den Karten!

Landen in Eden –

Ach, das Meer!

Dürft ich doch ankern – Heute Nacht–

In Dir!

(Übersetzung: Werner von Koppenfels)

Wild Nights with Emily (USA 2018); Regie & Drehbuch: Madeleine Olnek; mit Molly Shannon, Susan Ziegler, Amy Seimetz u.a.; 84 Minuten; englische Fassung mit deutschen Untertiteln; aktuelle Screening-Termine/ Orte 

 

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