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Kinotipp: „Glück“ – Wenn sich zwei Sexarbeiterinnen verlieben

Unaufgeregt, ungeschönt und genau recherchiert erzählt die Filmemacherin Henrika Kull in „Glück“ die Liebesgeschichte zweier Sexarbeiterinnen, die sich in einem Berliner Bordell kennen lernen. Jetzt kommt ihr Berlinale-Spielfilm ins Kino.

Salzgeber Katharina Behrens und Adam Hoya in „Glück“

Von Paula Lochte

21.7.2021 - Sascha ist fahrig. Ihre Zigarettenschachtel ist leer, und in den Schubladen der Kommode findet sie zwar jede Menge CDs, aber kein Nikotin. Als ihr Blick den ihrer Kollegin Maria kreuzt, muss sie schmunzeln. Maria legt sich zwei Finger an die Lippen und tut so, als würde sie Rauch auspusten. Nach zwei weiteren Zügen an der Fantasiezigarette beugt sich Sascha zu ihr vor und zündet sich selbst eine an. Nun brennen zwei Zigaretten aus Luft. „Vorstellen bitte in Zimmer acht“, platzt da die Hausdame des Bordells in den verspielten Flirt.

Sascha (Katharina Behrens) arbeitet schon seit Jahren im Berliner Bordell Queens. Maria (Adam Hoya) ist dagegen die Neue, gerade erst von Italien nach Deutschland gezogen. Ihrem Vater erzählt sie, sie verdiene viel Geld – aber nicht womit. Beide Frauen sind Einzelgängerinnen, sie trennen fast zwei Jahrzehnte, und doch ist da gleich eine Anziehung zwischen der 42- und der 25-Jährigen.

Ein etwas anderes Candle-Light-Dinner

Die beiden kommen einander immer näher, was Regisseurin und Drehbuchautorin Henrika Kull in ihrem zweiten Spielfilm in so schönen wie originellen Szenen erzählt. Beim ersten Date in einem Fischimbiss etwa kramt Sascha einen Kerzenständer aus ihrer Handtasche, Maria hat eine lila Kerze mitgebracht. Ein etwas anderes Candle-Light-Dinner, das die beiden vorher abgesprochen haben müssen. Das Publikum war hingegen nicht eingeweiht.

Wir begleiten die beiden Frauen über Monate, wenn nicht sogar Jahre. Dass viel Zeit vergeht, wird allerdings nicht durch plumpe Texteinblendungen wie „Drei Monate später…“ verraten, sondern lässt sich durch den Wechsel der Jahreszeiten nur erahnen. Mal tragen die beiden dicke Wintermäntel, mal tanzen sie leicht bekleidet auf dem sommerlichen Dorffest in Saschas Heimatort irgendwo im Nirgendwo Brandenburgs.

Zärtliche, aber fragile Verbindung

Die Verbindung der zwei Frauen ist zärtlich, aber fragil. Auch deshalb bleibt der Film interessant, obwohl nicht viel passiert. Man möchte wissen: Schaffen es die beiden, sich wirklich aufeinander einzulassen?

An mehreren Stellen verschwimmen in Glück Realität und Fiktion. Beispielsweise in dieser Szene: Sascha hängt an Marias Lippen, als die ihr eines ihrer Gedichte vorliest. Es handelt von Weiblichkeit als Gefängnis, Trotz und Subversion. Man könnte es als Kommentar auf die Sexarbeit verstehen, die beide verrichten.

Trans Hauptdarsteller: Aus Eva wurde Adam

Das Gedicht stammt von Hauptdarsteller Adam Hoya. Der trans Mann ist Poet, Model und war früher selbst in der Sexarbeit tätig. Über sein Leben zwischen Prostitution, Drogensucht und Feminismus erschien 2019 der Dokumentarfilm Searching Eva. Dadurch wurde auch Glück-Regisseurin Henrika Kull auf ihn aufmerksam. Als der Dokumentarfilm gedreht wurde, nannte sich Adam noch Eva, das Coming Out als trans folge erst nach der Filmpremiere.

Nun spielt Hoya in Glück eine Frau – für ihn kein Problem: „Theoretisch kann jeder jeden spielen – das ist Schauspielerei“, sagte er dem Tagesspiegel. Als ehemaliger Sexarbeiter, so Hoya weiter, sei ihm eine realistische Darstellung von Sexarbeit wichtig gewesen. Gedreht wurde in einem echten Berliner Bordell, bei laufendem Betrieb. Filmemacherin Henrika Kull hatte dort zuvor zu Recherchezwecken der Hausdame assistiert.

Sexarbeiterinnen auf Augenhöhe begegnen

Über ihren Film sagt Regisseurin und Drehbuchautorin Kull, dass dieser Sexarbeiterinnen auf Augenhöhe begegnen und sie weder abwerten noch vorführen wolle, „sondern den Arbeitsplatz Bordell in seiner alltäglichen Normalität zeigen will.“ Folgerichtig wirken die Szenen im Bordell unaufgeregt, ungeschönt und glaubwürdig.

Glück erzählt vom Glück einer Liebe, die nicht einfach ist. Von zwei Frauen, die schnell nur noch miteinander leben wollen, aber zugleich nicht wirklich miteinander können. Die einander anziehen und wegstoßen.

Glück ist ein Film, der seinen Spannungsbogen nicht aus einer dramatischen Geschichte zieht, sondern aus der Schauspielkunst von Katharina Behrens und Adam Hoya, und den kleinen Beobachtungen und Einfällen der Regisseurin. Er lief bereits im Panorama der Berlinale, nun kommt der sehenswerte Film in die Kinos.

GLÜCK (Deutschland 2021); Regie/ Drehbuch: Henrika Kull; mit Katharina Behrens, Adam Hoya u. a.; 90 Minuten; in der queerfilmnacht & ab 22. Juli im Kino: die Termine gibt es hier.

 

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