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Kinotipp „Nelly und Nadine“: Eine unglaubliche Liebesgeschichte

Der Dokumentarfilm „Nelly & Nadine“ erzählt von einer lebenslangen lesbische Liebe, die in einem KZ begann - ein eindrucksvolles Lebens- und Liebeszeugnis, das vom Gestern ins Heute strahlt. Ab 24. Nov. im Kino.

Auto Images Nadine Hwang (l.) und Nadine Mousset-Vos

Von Sarah Stutte

23.11.2022 - Nelly Mousset-Vos und Nadine Hwang lernen sich während des Zweiten Weltkriegs als Häftlinge im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück kennen und verlieben sich dort ineinander. Später werden sie getrennt und unabhängig voneinander befreit. Sie finden sich wieder und leben fortan gemeinsam in Venezuela. Eine unglaubliche Liebesgeschichte, die der schwedische Filmemacher Magnus Gertten hier erzählt.

In seiner Dokumentation Nelly & Nadine schickt er Sylvie Bianchi, die Enkelin von Nelly Mousset-Vos, auf eine persönliche Reise in die Vergangenheit. Zwar zögert diese erst, sich der Vergangenheit zu stellen, aus Angst vor den Emotionen, die dadurch zutage gefördert werden. Schließlich hat ihre Familie nie über den Krieg, die Konzentrationslager und schon gar nicht über die lesbische Beziehung von Nelly gesprochen.

Nellys Enkelin begibt sich auf Spurensuche

Dann aber öffnet Sylvie Bianchi die alte Holztruhe auf ihrem Dachboden mit der Hinterlassenschaft ihrer Großmutter. Sie sieht die Fotos und Dokumente durch, liest Nellys bewegende Tagebucheinträge und reist zu Gesprächen mit Weggefährt:innen. Dadurch schafft Gertten eine Brücke in die Gegenwart, in der Bianchi und andere Angehörige vieles an die Oberfläche bringen, was vorher lange im Verborgenen ruhte.

Die Zuschauer:innen erfahren indes, dass die in Belgien geborene Nelly Mousset-Vos eine hervorragende klassische Sängerin war. Sie wurde 1943 verhaftet, weil sie auf ihren Tourneen vertrauliche Informationen außer Landes geschmuggelt hatte, und nach Ravensbrück gebracht. Dort nutzte sie ihre musikalischen Fähigkeiten, um zu überleben.

Heimliche Liebe an einem unvorstellbar grauenhaften Ort

Während eines Weihnachtskonzerts in der Baracke wünscht sich jemand von ihr „Madame Butterfly“. Die Stimme gehört der Frau, mit der Nelly den größten Teil der nächsten drei Jahrzehnte verbringen wird. Nadine Hwang, die Tochter eines Diplomaten, ist inhaftiert, weil sie Menschen auf der Flucht vor den Nazis half.

Der Film erzählt auch davon, wie es ist, an einem Ort solch unvorstellbaren Grauens in aller Heimlichkeit eine Zuneigung am Leben zu erhalten, die unmöglich erscheint und die sich nur von der Sehnsucht und stillen Blicken nährt. Als Nelly in das Lager Mauthausen verlegt wird, scheint dies das Ende ihrer Geschichte zu sein. Doch das Leben gibt den beiden Frauen eine neue Chance.

Für zwei Sekunden stach ein androgynes Gesicht heraus...

Genauso spannend wie der Film selbst ist dessen Entstehung: Magnus Gerrten stieß 2007 auf das Archivmaterial, das am Anfang von Nelly & Nadine zu sehen ist. Diese Bilder zeigen Tausende aus den deutschen Konzentrationslagern befreite Frauen und Kinder bei ihrer Ankunft 1945 im Hafen von Malmö.

Auf der Grundlage dieser gut erhaltenen Wochenschau-Aufnahmen schuf Gertten 2011 die Dokumentation Harbour of Hope, mit dem Ziel, die Personen im Film zu identifizieren. 2015 entstand eine zweite Doku mit dem Titel Every Face Has a Name, für die sich Gertten auf die Suche nach einigen Frauen machte, um deren Wege nachzuerzählen.

In diesem zweiten Film stach für ungefähr zwei Sekunden ein androgynes Gesicht heraus: das von Nadine Hwang. Dazu war zu lesen: „Gehörte zu einer Künstlergemeinschaft in Paris. Ging 1945 nach China und verschwand spurlos.“ Wie das Leben so spielt, saß bei der Pariser Premiere des Films Sylvie Bianchi im Publikum, die danach auf Gertten zukam und ihm mitteilte, dass Nadine Hwang sehr wohl eine Spur hinterlassen habe – und diese zu ihrer Großmutter führte.

Ein wahrhaftiges und inspirierendes Lebens- und Liebeszeugnis

Mit Nelly & Nadine erbringt Gertten zwei bedeutende Leistungen. Einerseits gibt er den Stab des Erzählens an Sylvie Bianchi weiter, womit sich auch für sie eine Lücke schließt, die zuvor mit Scham und Trauer behaftet war. Zugleich gelingt es Gertten, alle vorhandenen Quellen zu einem nahbaren, wahrhaftigen Lebens- und Liebeszeugnis zusammenzufügen, das vom Gestern ins Heute strahlt. Das belegt unter anderem das Geständnis einer jungen Frau, die erzählt, wie diese Lovestory sie selbst zu ihrem Coming-out inspirierte.

Ferner wird das Tagebuch, das Nelly führte und in dem sie ihre Gefühle – auch für Nadine – in wunderschönen Worten zum Ausdruck brachte, hier erstmals einem Publikum zugänglich gemacht. Ein großer Wunsch des Paares, das schon zu Lebzeiten eine Veröffentlichung versuchte, dies aber nicht schaffte.

Nelly & Nadine ist aus all jenen Gründen ein vielschichtiger Film über Widerstandskraft, queeres Leben in den 1940er-Jahren und eine lesbische Liebe, die alle dunklen Zeiten überdauerte.

Nelly & Nadine, Schweden/ Belgien/ Norwegen 2022, Regie: Magnus Gertten, 92 Min., Kinostart: 24. November

Lest hier auch unser Interview mit Magnus Gertten, dem Regisseur des Films

 

Dieser Artikel erschien zuerst in L-MAG 6/2022 - hier als E-Paper erhältlich.

 

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