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Kinotipp: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ - Wenn lesbische Liebe leidenschaftlich lodert

Eine Malerin und ihr Modell verlieben sich ineinander: Das historische Drama der lesbischen Regisseurin Céline Sciamma ist aber noch viel mehr als nur eine wunderschöne Lovestory und hat schon jetzt das Zeug zum Lesbenklassiker. Ab 30. Okt. im Kino.

Alamode Film Héloïse (Adèle Haenel, l.) und Marianne (Noémie Merlant)

Von Karin Schupp

29.10.2019 - Frankreich, 1770. Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) reist auf eine kleine Insel vor der bretonischen Küste. Ihr ungewöhnlicher Auftrag: Sie soll heimlich die junge Adelige Héloïse (Adèle Haenel) porträtieren, denn die weigert sich beharrlich, Modell zu sitzen. Das Gemälde soll nämlich ihrem künftigen Ehemann, den sie noch nie gesehen hat, geschickt werden – eine arrangierte Ehe, gegen die sich Héloïse widersetzt.

Bei gemeinsamen Spaziergängen studiert Marianne Héloïses Gesicht, um es abends aus dem Gedächtnis zu malen. Doch je besser sie ihr Modell kennen lernt, desto schwerer fällt es ihr, sie zu hintergehen. Zumal die anfangs spröde Héloïse Vertrauen zu ihr fasst und beginnt, über ihre Wünsche und Träume zu sprechen. Langsam wächst eine starke Anziehungskraft zwischen ihnen, und als Héloïses Mutter (Valeria Golino) für eine Woche verreist, bleiben die beiden Frauen mit Hausmädchen Sophie (Luàna Bajrami) zurück und können endlich ihren Gefühlen freien Lauf lassen…

Wie man sich verliebt - „das pure Erlebnis, die ganze Wonne“

Dabei ist für Regisseurin Céline Sciamma der Weg das Ziel: „Ich wollte Schritt für Schritt zeigen, wie es ist, wenn man sich ineinander verliebt. Das pure Erlebnis, die ganze Wonne“, erklärte sie in den Produktionsnotizen, und ihren Hauptdarstellerinnen gelingt es ganz wunderbar, die steigende erotische Spannung so spürbar zu machen, dass fast die Leinwand beschlägt. Wie sich Marianne und Héloïse gegenseitig anschauen, wie die Beobachterin zur Beobachteten und Blicke zum Vorspiel werden: Das macht das Warten auf die Entladung ihres Begehrens zwar fast unerträglich lang, aber nie langweilig.

Doch Porträt einer jungen Frau in Flammen ist so viel mehr als nur eine leidenschaftliche, bittersüße Lovestory: Sciamma erzählt eine feministische Geschichte in einer Zeit, in der es für Frauen schon ein rebellischer Akt war, nur davon zu träumen, aus dem vorgegebenen Rollenkorsett auszubrechen.

Wie wenig Freiheiten Frauen damals hatten

Héloïse lebt auch schon vor ihrer Zwangsehe in einem Gefängnis - ob karge Insel oder urbane Großstadt macht für sie keinen Unterschied -, und das Kloster, aus dem sie für die Eheschließung geholt wurde, ist für sie geradezu ein Sehnsuchtsort: Hier wurde sie in Ruhe gelassen, und es gab, anders als zu Hause, wenigstens Bücher und Musik.

Deshalb verzichtet auch der Film auf einen Soundtrack, abgesehen von zwei Momenten, die für die Handlung eine Rolle spielen. Musik sei für ihre Figuren „eine seltene, ersehnte, wertvolle Sache“, erklärte Sciamma. „Und damit wollte ich die Zuschauer in denselben Zustand versetzen.“

Nicht nur Héloïses Schicksal, sondern auch eine Nebenhandlung um das Hausmädchen Sophie zeigt, wie wenig Freiheiten Frauen damals hatten, und selbst die berufstätige und unverheiratete Marianne muss sich gesellschaftlichen Konventionen unterwerfen.

Mit ihr bringt Sciamma noch ein weiteres Thema ins Spiel, das ihr am Herzen liegt: Im 18. Jahrhundert gab es viele, auch beruflich erfolgreiche Malerinnen. Aber nach der Französischen Revolution - die eben nicht für alle einen Fortschritt brachte - gerieten die meisten von ihnen in Vergessenheit und die Kunstwelt verschloss sich den Frauen wieder. „Das ist zyklisch“, stellte Sciamma der Zeitschrift Trois Couleurs fest. „Denn den Effekt des Unsichtbarmachens findet man auch heute wieder.“

„Als Frauen können wir niemals im Leben nicht kämpfen"

Auch Sciammas Lebensgefährtin Haenel, die schon in deren Coming Out-Film Water Lilies (2007) mitspielte, schlägt einen Bogen zur Gegenwart. „Als Frauen können wir niemals in unserem Leben nicht kämpfen. Die Frage ist also nicht: Müssen wir kämpfen? Sondern: Wie kämpfen wir?“, sagte die zweifache César-Gewinnerin in einem Interview.

In Cannes 2019 war Porträt einer jungen Frau in Flammen ein Publikums- und Kritikerliebling, sodass es fast eine Enttäuschung war, dass nur Sciammas Drehbuch eine Goldene Palme gewann, nicht aber ihre Regie, die schauspielerischen Leistungen und die Kamerafrau Claire Mathon, deren beeindruckende Einstellungen opulenten Gemälden dieser Zeit gleichen.

Mit klassischen Stilmitteln und konsequent weiblichem Blick hat Sciamma einen wunderschönen und starken Film geschaffen, der auf vielen Ebenen Eindruck hinterlässt – in den ewigen Top 10 der besten Lesbenfilme ist Porträt einer jungen Frau in Flammen damit schon heute ein Platz sicher.

Porträt einer jungen Frau in Flammen (F 2019), Buch/ Regie: Céline Sciamma, mit: Adèle Haenel, Noémie Merlant, Valeria Golino u.a., 120 min., Kinostart: 31. Oktober

 

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