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Lesbenfeindliche Gewalt sichtbar machen

In Deutschland nehmen Frauenhass, Homo- und Transphobie zu, auch jede zweite Lesbe hat körperliche Übergriffe erlebt. Wir sprachen mit Gewaltexpertin Constance Ohms über die Ursachen, die Folgen und die Frage, wieso Lesben seltener zur Polizei gehen.

Victor BS/ CC-BY-NC-ND

Von Anette Stührmann

22.8.2019 - Im Juni ging der Fall eines Frauenpaars durch die Welt, das in einem Londoner Nachtbus zusammengeschlagen worden war (wir berichteten). Die Täter, vier männliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17, wurden kurz darauf gefasst und stehen ab dem 21. August wegen „schwerem Hassverbrechen“ vor Gericht, zwei von ihnen müssen sich außerdem wegen Cannabisbesitzes bzw. Hehlerei verantworten. Auch in Berlin wurden im Juni zwei Berliner Lesben von einem Mann homophob beschimpft und geschlagen, und am Rande des CSD in Amsterdam wurde im August ein Lesbenpaar von zwei Männern verprügelt (wir berichteten).

Diese Fälle lenken den Fokus auf ein Thema, das sonst eher vernachlässigt wird: Gewalt gegen Lesben. Wir sprachen mit der Soziologin und Expertin Constance Ohms.

Constance, das auf Facebook gepostete Foto der angegriffenen Lesben in London stieß auf große Anteilnahme. Es gab aber auch Kritik, zum Beispiel wegen vermeintlicher Zurschaustellung weiblicher Opfer. Wie siehst du das?

Diesen beiden Frauen ist es gelungen, mittels digitaler Medien die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu legen, das auch in queeren Medien so gut wie nicht aufgegriffen wird, nämlich vorurteilsmotivierte Gewalt gegen Lesben. Insofern ist es wichtig, diesem Angriff mediale Präsenz zu geben.

Wie sehen die Untersuchungen zu homophob motivierter Gewalt gegen Lesben aus, auch im Vergleich zur Gewalt gegen Schwule?

Eine US-Studie von 2010 belegt, dass 46 Prozent der befragten lesbischen Frauen in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erlebt haben, aber auch 40 Prozent der schwulen Männer. Die europäische Studie aus 2012 zeigt, dass in Deutschland 68 Prozent der Schwulen und 51 Prozent der Lesben wegen ihrer sexuellen Orientierung körperliche Gewalt erlebt haben. Wir müssen uns das mal vergegenwärtigen: Jede zweite Lesbe hat körperliche Übergriffe erlebt, weil sie lesbisch ist, und drei von fünf Schwulen. Das ist ein unglaubliches Ausmaß.

Gibt es Merkmale homophober Gewalt, die sich speziell auf Lesben beziehen?

Frauen sind vor allem sexualisierter Gewalt ausgesetzt, von „nur“ geiferndem Zungerausstrecken über Griff in den Schritt oder an die Brust bis hin zur Vergewaltigung. Das Geschehen in London hat einen eindeutig sexistischen Hintergrund. Die Frauen wurden aufgefordert, sexualisierte Handlungen vorzunehmen, und sind nach ihrer Weigerung zusammengeschlagen worden. Sexualität zwischen Frauen wird nicht als solche vollwertig angesehen, allenfalls als Vorspiel für „ihn“.

Bei dem Übergriff in London sahen die Opfer sehr jung und „feminin" aus. Denkst du, dass der Aufschrei auch so laut ausgefallen wäre, wenn es sich bei den angegriffenen Frauen um Butchlesben gehandelt hätte?

Bevor ich die wichtige Debatte aufmache, ob die Gewalt gegen Lesben ein weltweit derartig großes mediales Echo erhalten hätte, wenn sie nicht heterosexistischen Vorstellungen von Weiblichkeit entsprochen hätten, zeigt doch dieses Geschehen, dass jede Frau* sexistische und/oder lesbenfeindliche Gewalt erleben kann. Dass wir, auch wenn wir bestimmten kulturell verankerten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit entsprechen, nicht geschützt sind vor heteropatriarchaler Gewalt. Gerade diese beiden Frauen verdeutlichen das in besonderem Maß. Physische Schönheit ist stark normiert, und grundsätzlich – das gilt für Homos, Trans*, Queers und Heteros gleichermaßen – leiden wir mehr mit, wenn „schönen“ Menschen etwas Schreckliches widerfährt. Entspricht man dem Schönheitsideal, hat man in dieser Gesellschaft deutliche Vorteile. Der Umstand, dass die beiden Frauen einem europäischen Schönheitsideal entsprechen, kann dazu beigetragen haben, dass die Gewalt gegen sie eine derartig große mediale Resonanz erfahren hat – mit der Folge, dass lesbenfeindliche Gewalt sichtbar geworden ist. Wir erleben seit einigen Jahren eine Auflösung der Geschlechtergrenzen; Männlichkeiten, Weiblichkeiten und andere Geschlechtsrepräsentationen finden sich neu. Wir leben in einer erodierenden heteropatriarchalen Gesellschaft, zunehmender Frauenhass, zunehmender Rassismus, zunehmende Homo- und Transfeindlichkeit sind Ausdruck dessen.

Du hast in deinem Buch „Gewalt gegen Lesben“ (2000) festgestellt, dass es fast immer junge Männer in Gruppen sind, die Lesben* und Lesbenpaare angreifen. Wieso ist das so?

Der Angriff in London hat möglicherweise etwas mit der Selbstvergewisserung einer bestimmten Form von Männlichkeit zu tun. Mit dem heteropatriarchalen Bild von Weiblichkeit andererseits geht die Annahme einher, Frauen* seien willfährige Opfer, d. h. ihnen wird die Fähigkeit zur Gegenwehr oder gar zu eigenem gewalttätigem Handeln abgesprochen. Bei normabweichenden Geschlechtsrepräsentationen entfällt die vermeintliche Gewissheit, ein „gutes“ Opfer vor sich zu haben. Allgemein greifen Täter nur Menschen physisch an, wenn sie vermuten, diesen körperlich überlegen zu sein; sonst würde das Verhalten keinen Sinn ergeben.

Privat Constance Ohms

Andererseits ist die Gekränktheit der männlichen Angreifer vielleicht sogar noch größer, wenn die Frauen männlicher auftreten und damit dem männlichen Angreifer Konkurrenz machen?

Butches und trans* Frauen erfahren meist sehr schwere körperliche Gewalt; hier geht es häufig auch darum, das Überschreiten von Geschlechtergrenzen zu sanktionieren. Binäre trans* Frauen gelten als „Verräterinnen“ der heteropatriarchalen Ordnung, sie sind bereit, männliche Privilegien für ihre Kerngeschlechtsidentität zu „opfern“. Im wahrsten Sinne des Wortes. Butches stellen, ebenso wie queere oder nicht binäre Menschen, die binäre Geschlechterordnung generell infrage. Darauf reagieren einige mit Wut und Hass. Ich vermute, weil ihr ganzes Sein auf dem „Zwei-Schachtel“-System aufbaut.

Welche Traumata haben speziell lesbische Frauen, die zu Opfern gemacht wurden?

Lesbische Frauen, die physische, sexualisierte oder psychische, verbale Übergriffe erleben, werden grundsätzlich in zwei Aspekten ihres Seins infrage gestellt, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Geschlechtlichkeit. Bei einigen Frauen kommen noch andere Faktoren hinzu, beispielsweise eine Beeinträchtigung oder eine Migrationsbiografie. Das Wissen um die Verwobenheiten ist für die psychosoziale Arbeit mit lesbischen Opfern von Gewalt von besonderer Bedeutung. Immer wieder muss ich erleben, dass Klient*innen zu mir kommen und von Therapeut*innen berichten, die das Erleben von sexuellem Missbrauch in Verbindung bringen mit ihrer sexuellen Orientierung. Es stellt ja auch niemand infrage, warum eine Frau, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurde, heterosexuell geworden ist. Es geht also zuvorderst darum, das eigene Sein bedingungslos zu akzeptieren und die mögliche tief greifende Erschütterung des Selbstbildes, des Selbstwerts und des eigenen Seins als Folge der Gewalt wahrzunehmen.

Wie werden Hilfsangebote für lesbische Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, angenommen?

Meiner Erfahrung nach erstatten lesbische Frauen in der Regel seltener Anzeige als schwule Männer – auch wenn hier die Dunkelziffer ebenfalls sehr hoch ist. Aber es gibt nach wie vor die Befürchtung, an den „Falschen“ zu geraten. Auch wenn sich inzwischen durchgesetzt hat, dass Frauen von Beamt*innen befragt werden können, geschieht das meist nur im Kontext von sexualisierter Gewalt oder häuslicher Gewalt. Lesbische Gewaltopfer richten sich auch nur sehr, sehr selten an Opferhilfeeinrichtungen oder an Frauenberatungsstellen, wenn diese nicht offensiv mit ihrer Zugänglichkeit für lesbische Frauen werben. Ein Leben mit Diskriminierungen und möglichen Gewalterfahrungen lässt Menschen vorsichtig gegenüber Einrichtungen des Mainstreams werden.

Constance Ohms schrieb unter anderem die Bücher „Gewalt gegen Lesben“ (2000) und „Mehr als das Herz gebrochen. Gewalt in lesbischen Beziehungen“ (1993, beide Titel sind leider vergriffen), in Frankfurt/ Main leitet sie die Beratungsstelle gewaltfreileben für lesbische, transsexuelle und queere Menschen. Für ihre Arbeit und ihr Engagement gewann sie 2018 den CouLe-Preis für couragierte Lesben (wir berichteten).

Speziell an lesbische, bisexuelle und queere Frauen mit Gewalterfahrungen richtet sich das Berliner Projekt L-Support.

Weiterlesen:  Homo- und transphobe Hasskriminalität in Deutschland gestiegen

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