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LFT 2021 in der Kritik: „Transphobie ist genauso wenig eine Meinung wie Lesbenfeindlichkeit“

Von der Diskussion um Transfeindlichkeit beim Lesbenfrühlingstreffen 2021 ist unsere Autorin Franziska Schulteß persönlich betroffen, denn sie lebt in einer cis-trans* Beziehung. Und dafür will sie weder ausgegrenzt werden noch sich verteidigen müssen.

Franziska Schulteß

Dieser Text ist Teil 5 unserer Debatten-Reihe zum Thema Transfeindlichkeit in der lesbischen Community, in der bereits Mahide Lein vom Lesbenfrühlingstreffen, Marion Lüttig vom Lesbenring e.V. , die trans Aktivistin Lou Kordts und die Autorin Ahima Beerlage zu Wort kamen. Weitere Interviews und Artikel werden folgen.

Gestern Abend begann - online - das 47. Lesbenfrühlingstreffen (21.-23. Mai), dem im Vorfeld Transfeindlichkeit vorgeworfen wurde. Einige Vereine und Verbände haben ihre Unterstützung zurückgezogen, auch queere Medien übten Kritik. Franziska Schulteß kommentiert diesen Konflikt aus einer sehr persönlichen Sicht, denn sie und ihre Freundin sind ein cis-trans* Paar. „Ich habe mich in meine Freundin verliebt, weil ich lesbisch bin – und sie eine Frau ist“, schreibt sie, „und will mich nicht dafür verteidigen müssen.“ 

 

Von Franziska Schulteß

22.5.2021 - Meine Freundin kommt mit hängendem Kopf nach Hause. Was ist denn los, frage ich. Schon wieder am U-Bahnausgang, sagt sie. Jemand hat sie verfolgt, ihr sexistische Sprüche nachgerufen.

Nachmittags: wir versuchen, uns durch die Gesetzeslage bezüglich gemeinsamer Kinder zu wühlen. Das deutsche Recht zwingt lesbische Frauenpaare, hierfür einen demütigenden bürokratischen Prozess zu durchlaufen. Wir rufen bei einer queeren Beratungsstelle an, die kann uns aber erst mal nichts sagen. Unser Fall sei zu komplex. Denn uns macht nicht nur das deutsche Abstammungsrecht das Leben schwer, sondern auch noch das diskriminierende „Transsexuellengesetz“.

Zum Glück sind wir in Berlin - und haben hier eine lesbisch-queere Szene, der wir uns zugehörig fühlen, wo wir uns Unterstützung holen können. Oder... doch nicht?

Entzug der Solidarität, weil wir ein cis-trans* Paar sind

Sagen wir: nicht immer. Das wäre auch völlig okay, eine Szene ist uns schließlich keine Wohlfühl-Garantie schuldig. Was allerdings schmerzt, ist der Grund. Manche lesbisch-feministischen Mitstreiterinnen entziehen uns ihre Solidarität nicht deshalb, weil wir etwas bestimmtes gesagt oder getan haben. Sondern allein aufgrund der Tatsache, wer wir sind: ein cis-trans* Paar.

So hätten wir auch gern am diesjährigen LFT teilgenommen. Dort sind aber einige Referentinnen und Organisationen vertreten, die nicht nur aktiv gegen die Grundrechte von trans* Personen arbeiten, sondern die auch offen sagen: trans Frauen sind keine Lesben.

„Tragt ´ne Handtasche oder nicht“, lautet z.B. ein Facebook-Post auf der Seite der deutschen LGB Alliance. „Aber nennt euch bitte nicht lesbisch, wenn ihr nicht weiblich auf die Welt gekommen seid.“ Auf Buttons des teilnehmenden Wild Woman Workshops lesen wir: „Lesben haben keine Penise“ oder „Transition = Konversionstherapie“. Von Transidentität als einem „Irrweg“ ist im Ankündigungstext zum Vortrag von Gunda Schumann die Rede.

Transfeindlichkeit ist nicht einfach eine Meinung

Im Statement des Orga-Teams zu Vorwürfen der Transfeindlichkeit weisen sie diese von sich und sprechen sich für einen „Dialog auf Augenhöhe“ aus. Unbeantwortet lassen sie dabei, warum die kritisierten Inhalte denn nicht transfeindlich seien. Diese werden als Teil von Debattenbeiträgen dargestellt, mit denen man zwar nicht unbedingt übereinstimme; präsentiert werden sie dennoch als legitime Meinungsäußerungen in einem feministischen „Richtungsstreit“.

Transfeindlichkeit ist aber nicht einfach eine Meinung - ebenso wenig wie Lesbenfeindlichkeit oder Homophobie Meinungen sind. Sie ist eine gewaltförmige Art und Weise, über Minderheiten zu sprechen. Wie sie sich zeigt und auswirkt, darüber fehlt oft noch das Bewusstsein. Und ja: auch pauschale Aussagen wie „trans Frauen sind keine Frauen“ sind transfeindlich, denn sie negieren, dass es eine bestimmte Gruppe geschlechtlicher Minderheiten gibt, urteilen über das existenzielle Sein von anderen. Das Minderheiten-Stigma als „krank“ oder „gefährlich“ geht damit oft einher.

In Sprüchen wie den oben genannten sehen wir dieselbe platte Transphobie, wie wir sie aus der Mehrheitsgesellschaft bereits zur Genüge kennen. Sie von jenen zu hören, die unsere Mitstreiter*innen sein sollten, fühlt sich manchmal an wie das sprichwörtliche Messer in den Rücken.

Den Zorn aufs Patriarchat kriegen die Falschen ab

Und dass Feminismus herangezogen wird, um LGBTIQ*-Feindlichkeit zu rechtfertigen, macht mich fassungslos. Den - berechtigten - Zorn auf das Patriarchat kriegen dann ausgerechnet jene ab, die noch zu den am meisten diskriminierten LGBTIQ*-Gruppen gehören.

Ich weiß, dass das Subjekt feministischer Bewegungen immer schon umkämpft war, ebenso wie Frauen- und Lesbenorte. Dass diese Orte meist über sehr wenig Ressourcen verfügen – viel weniger als im Vergleich etwa schwule Räume. Dass Menschen, die Events ehrenamtlich organisieren, dafür oft zu viel und zu aggressiv vorgebrachte Kritik und zu wenig Anerkennung bekommen. All das entschuldigt aber nicht, das kleine Ein-mal-Eins der Antidiskriminierung zu vergessen, so als wüssten wir nicht, wie das geht.

Denn ich weiß auch aus erster Hand, wie absurd es ist, wenn unsere geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung von außen infrage gestellt werden. Ich habe mich in meine Freundin verliebt, weil ich lesbisch bin – und sie eine Frau ist. Für diese unsere tiefste und persönlichste Wahrheit will ich mich, bei aller Liebe zum feministischen Streit, nicht verteidigen müssen.

 

Franziska Schulteß lebt in Berlin und ist Redakteurin unseres Schwestermagazins Siegessäule. Dort schrieb sie zuletzt einen Artikel über das Scheitern des Selbstbestimmungsgesetzes für trans* und inter* Personen am Mittwoch im Deutschen Bundestag.

Lesbenfrühlingstreffen Bremen: 21.-23. Mai 2021, in diesem Jahr komplett online. Alle Informationen und das Programm stehen auf der Webseite des LFT.

 

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