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LFT 2021 in der Kritik: „Wie kommen wir aus dem toxischen Kreislauf heraus?“

Im Streit um die Transphobie-Vorwürfe gegen das Lesbenfrühlingstreffen fragt sich die Autorin Ahima Beerlage, wie sich der Konflikt so hochschaukeln konnte, und mahnt eine empathischere Diskussionskultur an, die unterschiedliche Bedürfnisse akzeptiert.

L-MAG/ Karin Schupp

Dieser Text ist Teil 4 unserer Debatten-Reihe zum Thema Transfeindlichkeit in der lesbischen Community, in der bereits Mahide Lein vom Lesbenfrühlingstreffen, Marion Lüttig vom Lesbenring e.V. und die trans Aktivistin Lou Kordts zu Wort kamen. Weitere Interviews und Artikel werden folgen.

Dem 47. Lesbenfrühlingstreffen (21.-23. Mai) wird im Vorfeld Transfeindlichkeit vorgeworfen. Einige Vereine und Verbände haben ihre Unterstützung zurückgezogen, auch queere Medien übten Kritik. Über das Thema wird jedoch nicht erst seit heute gestritten, und die Autorin Ahima Beerlage fragt sich in ihrem Beitrag, wie sich der Konflikt so hochschaukeln konnte. Sie verortet die „ideologischen Gräben“ vor allem zwischen der genderqueeren und der lesbisch-feministischen Szene und fragt sich, ob sie wirklich so tief sein müssen. Und sie mahnt eine empathischere und offenere Diskussionskultur an.

Von Ahima Beerlage

16.5.2021 - Mit dem Streit, der das älteste bundesweite Lesbentreffen an den Rand des Ruins bringt, ist der Höhepunkt eines jahrelang schwelenden Konflikts erreicht. Wie kommen wir aus dem toxischen Kreislauf gegenseitiger Beschuldigungen heraus, bevor der ganze Organismus, sprich das Bündnis LGBTQIA+, vergiftet ist und wir nicht mehr miteinander reden können?

Vor vier Jahren geriet ich selbst in einen ähnlichen Streit. Ich erhielt online Todesdrohungen gegen mich und meine Frau. Ich fragte mich entsetzt, wie es so weit kommen konnte, und kam zu dem Schluss, dass wir innerhalb der verschiedenen Generationen und Szenen zu wenig voneinander wissen, so dass sich solche Konflikte aufschaukeln.

Als Dialogangebot schrieb ich meine politische Biografie unter dem Titel „Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte“. Leider kam es nie zu dem Gespräch. Ich geriet durch den Titel des Buches in den Verdacht, TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminist = Radikalfeministinnen, die Trans-Personen ausschließen, Anm. d. Red.) zu sein.

Ohne reales Gegenüber eskaliert in den Sozialen Medien die Wut

Doch müssen diese ideologischen Gräben zwischen der genderqueeren und der lesbisch-feministischen Szene wirklich so tief sein? Ich habe versucht, mich einmal von allen Zuschreibungen zu lösen und die gelebte Realität mit der virtuellen Realität zu vergleichen. Seit wenigen Jahren kochen Konflikte in der Gesellschaft unverhältnismäßig hoch, und die Ursache sehe ich in den Sozialen Medien.

Frei zugänglich für alle, lesen die unterschiedlichen Gruppen mit teilweise konträren Lebensentwürfen und Vorstellungen, was andere über sie denken. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie verletzend das sein kann, und aus Verletzung erwacht Wut, die in Abgrenzung zu Andersdenkenden mündet. Ohne ein reales Gegenüber eskaliert die Wut, bis sie in den Wunsch mündet, die vermeintlichen Gegner*innen mundtot zu machen.

Offene Genderdefinitionen kollidieren mit der realen Welt

Gleichzeitig regt die Queer-Therorie an, die Definitionen von Geschlecht zu dekonstruieren. Das mündet in Bestrebungen, Geschlechterdefinitionen so offen und vielfältig zu gestalten, dass jede Person ihre gefühlte individuelle Wirklichkeit benennen und leben kann.

Dass das in der realen Welt zu Konflikten führen kann, ist dabei vorprogrammiert, denn die Utopie dieser allseits befreiten Geschlechterwelt kollidiert mit der realen binären Welt des Patriarchats und des Kapitalismus.

Das Wort „Feministin“ befreite aus der doppelten Unsichtbarkeit

„…die Gegenwart umschließt die Vergangenheit, und in der Vergangenheit ist alle Geschichte von den Männern gemacht worden. In dem Augenblick, in dem die Frauen anfangen, sich an der Gestaltung der Welt zu beteiligen, gehört diese Welt noch den Männern: sie, die Männer, zweifeln nicht, die Frauen zweifeln kaum daran“, schrieb Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht, Sitte und Sexus der Frau“ 1949.

Die Frauen (damals noch nicht inklusiv) fingen langsam an, ihre Rolle zu überdenken. Später begannen sie sich „Feministinnen“ zu nennen. Vielen Lesben wurde nach und nach dieser Name „Feministin“ vertraut, denn er befreite sie aus der doppelten Unsichtbarkeit in einer Gesellschaft, in der nur die Frau Geltung und Schutz erhielt, die sich zur Komplizin und Förderin ihres männlichen Partners macht.

Erste Lesbentreffen feierten die abgewerteten weiblichen Körper

Mit den ersten feministischen Theorien befreiten sich auch die frauenliebenden Frauen* von dem Hass, der ihnen entgegenschlug. Das wichtigste Signal war es, das bisher toxische Wort „Lesbe“ als Kampfbegriff zu übernehmen und sich autonom zu organisieren.

Es entstanden die ersten lokalen und landesweiten Lesbentreffen in Westdeutschland. Auf diesen ersten Treffen waren Männern kein Thema, sondern nur die Vielfalt und Möglichkeiten von Frauen*. Hier konnten die lesbischen Feministinnen die abgewerteten weiblichen Körper feiern und ihre Lust aufeinander ohne den vereinnahmenden männlichen Blick zum Ausdruck bringen.

Für viele Lesben, die aus ihrer Lebensform Gewalterfahrungen mitbrachten, war das manchmal sogar überlebenswichtig, auf diesen Treffen ebenbürtige Betroffene zu treffen, die ihnen halfen, wieder zu sich zu finden.

Wütende Diskussionen, aber keine pauschale Verurteilung

Mit den Jahren erweiterte sich der Kreis der Diskussionspunkte. Es wurde auch über alle anderen Faktoren gesprochen, die negativ oder positiv auf die Biografien von Lesben Einfluss nahmen. Das lief oft auch laut, schmerzhaft und wütend ab. Ich erinnere an Diskussionen über die feministische Zulässigkeit von sexuellen Praktiken.

Auf diesen Treffen lernten wir voneinander. Ob Rassismus, Klassismus, Antisemitismus oder Behindertenfeindlichkeit und Bodyshaming – wir stießen immer wieder an Grenzen. Und jede betroffene Lesbe wurde auf die ein oder andere Weise auch einmal verletzt, denn die Normen der Mehrheitsgesellschaft haben uns alle im Griff.

Ein Punkt hat autonome Treffen aber immer ausgezeichnet: Wir haben uns gestritten, ohne dass Lesben pauschal verurteilt wurden, die Auseinandersetzung aus dem Kreis der Betroffenen getragen wurde und ihr berufliches und privates Leben vernichtet wurde. Diese negative Dimension ist neu, und sie wurde von Transaktivist*innen in unsere Zusammenhänge gebracht.

Übergriffiger Aktivismus mit Opfer-Rhetorik

Und da unterscheide ich deutlich und entschieden: Es gibt eine Form von übergriffigem Aktivismus, oft nicht einmal von betroffenen trans Personen selbst ausgeübt, der mit Opfer-Rhetorik und autoritären Methoden jede Diskussion unterdrücken will, die die schwierige Gemengelage der Bedürfnisse und Ängste unter Lesben thematisieren will.

Trans Frauen hingegen haben schon viele Jahrzehnte zu diesen Treffen gehört, ihre spezifische Situation mit uns geteilt und auch Gehör gefunden.

Ein bundesweites Lesbentreffen bietet einen großen geschützten Raum, über unterschiedliche Lebenswelten zu streiten. Es muss und soll aber auch Räume geben, in denen sich Lesben über ihre spezifischen Situationen austauschen können.

Lesbentreffen: Geschützter Raum, aber kein offener queerer Raum

Ein autonomes Lesbentreffen ist bewusst kein offener queerer Raum, sondern ein Lesbenraum, weil die Vermischung einer Utopie von einer geschlechterdiversen Gesellschaft mit der realen patriarchalen Welt immer wieder dazu führt, dass die teilweise gefährliche und ökonomisch nachteilige Realität von Frauen* und besonders darunter Lesben relativiert wird. Und da eine lesbische Liebe zwischen zwei oder mehreren Frauen* stattfindet, vervielfachen sich auch diese Nachteile.

Viele Lesben feiern weibliche Körper, weil sie sie lieben und begehren und weil diese Körper in der patriarchalen Gesellschaft oft abgewertet oder misshandelt werden. Für trans Frauen, die nicht oder nicht ganz transitioniert sind, kann das schmerzhaft sein. Aber nicht nur für sie.

Ich bin geh- und schmerzbehindert. Tanz, Sport und überhaupt Bewegung sieht für mich komplett anders aus. Ich habe Bewegungsverluste und hatte mit dem Gefühl, unzureichend zu sein, zu kämpfen. Das ist allein meine Situation. Salopp in den Worten meiner Oma gesagt „Ich bin über 18“ und kann daher meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich gehe also nicht dorthin, wo ich mein Anderssein schmerzhaft wahrnehme. Das tue ich auch jenseits solcher Treffen nicht.

Kann ich mich einfühlen in die andere Lebenswelt?

Es ist eine Frage der Perspektive. Kann ich als behinderte Frau* oder trans Frau akzeptieren, dass nicht alle Workshops und Vorträge so gestaltet sind, dass sie meine Traumata oder Verletzungen berücksichtigen, aber anderen Frauen helfen oder Freude bereiten? Kann ich mich einfühlen in die andere Lebenswelt? Wo sehe ich aber auch die Notwendigkeit, mich lautstark zu streiten, wo wehre ich mich lautstark gegen irrtümliche oder bewusst falsche Aussagen über meine Lebensform, mein Dasein?

Sprechverbote und Tabus sind kein Weg, Konflikte zu beseitigen. Die falschen Bilder oder durch Unwissenheit geprägten Vorurteile werden hinter verschlossenen Türen nur vertieft und gefestigt, wenn die Betroffenen und ihre Unterstützenden keinerlei Einfluss darauf haben, wohin sich die Diskussion bewegt.

Doch unterdrückte Konflikte sind der Beginn jeder Spaltung. Wir werden immer verschiedener Meinung sein, denn das einzige, was wir miteinander teilen, ist das lesbische Begehren.

Alle Frauen* sollen sich streiten können, ohne gemobbt zu werden

Aber es gibt einfach auch Dinge, die wir uns als feministische Lesben erkämpft und sichtbar gemacht haben: Das Patriarchat und seine Gewaltherrschaft über alle Frauen* existiert. Homosexualität wird in mehr als 60 Ländern in der Welt gesetzlich bestraft. Die Dunkelziffer ist noch weit höher. Viele Religionsgemeinschaften und konservative Gesellschaftskreise lehnen die Liebe unter Frauen* ab.

Lesben haben das vielfältige Frauen*bild mit verändert, und cis Mädchen, die ein männliches Sozialverhalten an den Tag legen und andere Mädchen* lieben, sind nicht automatisch trans Männer, sondern sollten als Lesben leben können. Lesben, die ausschließlich cis Frauen begehren, sind lesbisch, aber politisch und sozial nicht automatisch TERF (besonders nicht, wenn dies als Beleidigung benutzt wird). Alle Frauen* jeder Ausprägung haben immer und überall das Recht, selbst zu bestimmen, in welchem Rahmen sie über ihre Lebenswirklichkeit und ihre Bedürfnisse austauschen wollen.

Alle Frauen* können und sollten sich immer über verschiedene Utopien und reale Gesellschaftszustände streiten können, ohne dafür von Religionsgemeinschaften, Parteien, ideologischen Gemeinschaften oder „Szenen“ bedroht, gemobbt oder verhöhnt zu werden.

 

Ahima Beerlage ist Autorin, war unter anderem Radiomoderatorin, Storylinerin bei einer Fernsehserie, Galerie-, Content- und Kultur-Managerin und engagiert sich seit Jahrzehnten in der Frauen- und Lesbenbewegung. Nach 30 Jahren in Berlin lebt sie seit einigen Monaten als Frührentnerin in Bad Kreuznach. Im März erschien ihr neuer Roman „Riss in der Zeit“, beim LFT 2021 liest sie aus ihrem Buch „Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte“ (2018).

Lesbenfrühlingstreffen Bremen, 21.-23. Mai 2021: Alle Informationen und das Programm stehen auf der Webseite des LFT. Ein Wochenend-Ticket kostet ab 30 Euro (Normalpreis) bzw. 15 Euro (Studierende/ Erwerbslose)

 

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