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LGBTQ-Quote gegen Hetero-Hollywood?

So wenige LGBTQ-Charaktere wie 2017 gab's im US-Kino schon lange nicht mehr - und nur fünf Filme zeigten lesbische oder bisexuelle Frauen. "Wir verdienen es, gesehen zu werden", kritisiert der US-Medienverband GLAAD und verlangt daher eine Quote von 20%.

Sony/ Macall Polay Finden im Laufe von "Girls Night Out" wieder zueinander: Frankie (Ilana Glazer, Mitte) and Blair (Zoe Kravitz, r.) mit Pippa, gespielt von der lesbischen Schauspielerin Kate McKinnon

Von Karin Schupp

16.6.2018 - Hollywood hängt schwer hinterher, was LGBTQ-Charaktere angeht. Trotz des liberalen und progressiven Images, mit dem sich die Filmfabrik gerne umgibt, ist die Welt im Mainstream-Kino immer noch viel heterosexueller, als sie in der Realität längst ist.

Nur in 14 ihrer 109 Premieren im Jahr 2017 präsentierten die sieben Major Studios* lesbische, schwule oder bisexuelle Figuren (Trans-Charaktere waren gar keine dabei). Das entspricht einem Anteil von 12,8 Prozent – weniger waren es noch nie, seit die LGBT-Medienorganisation GLAAD 2012 zum ersten Mal die großen Hollywood-Produktionen auswertete. Im Vorjahr etwa waren es noch 23 Filme bzw. 18,4 % (wir berichteten).

Schwul, unwichtig oder Zielscheibe für Spott

Zufrieden war GLAAD nur damit, dass über die Hälfte der 28 gezählten LGBTQ-Charaktere People of Color waren, aber da hört das Lob dann auch schon auf. Vor allem die Frauen kommen - wie so oft im Kino - zu kurz: Die große Mehrheit der Rollen war männlich (71 %), nur 29 % weiblich.

Hinzu kommt, dass nach wie vor viele dieser Figuren nur unwichtige Nebenrollen sind - die Hälfte von ihnen war weniger als fünf Minuten auf der Leinwand zu sehen - und häufig als Zielscheibe für schlechte Witze dienen.

Entsprechend bestanden nur neun der 14 Filme den „Vito Russo Test“, der drei Dinge fordert: 1) Die Person wird eindeutig als LGBTQ identifiziert, aber 2) nicht ausschließlich über ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität definiert und hat 3) eine Bedeutung für den Fortlauf der Handlung. Immerhin: 2016 traf das sogar nur auf eine einzige Figur, Taco Teresa in Sausage Party, zu (K-Word #167).

Warner Bros. "Wonder Woman": Eine ganze Insel voller Frauen - und alle sind hetero? Das glaubt doch nicht mal Beatrix von Storch!

Lesbische und bisexuelle Frauenfiguren 2017:

Nur fünf Filme zeigten lesbische oder bisexuelle Frauen, und nur drei davon bestanden den „Vito Russo-Test“: Ein Okay bekamen die Junggesellinnen-Abschieds-Komödie Girls' Night Out, in der sich zwei Ex-Loverinnen, gespielt von Ilana Glazer und Zoe Kravitz, wieder neu ineinander verlieben, und der Mysterythriller Get Out (der den Oscar fürs beste Original-Drehbuch bekam). Hier war die Haushälterin Georgina (Betty Gabriel) lesbisch, diente allerdings die meiste Zeit nur als „Hülle“ für das Gehirn einer anderen Figur. Und auch Scharfschützin Adele Wolff in xXx: Die Rückkehr des Xander Cage wurde als lesbisch gewertet, auch wenn deren Darstellerin Ruby Rose in einem Interview sagte, dass ihrer Rolle im Drehbuch keine sexuelle Orientierung zugeschrieben wurde und ihre flirtigen Dialogzeilen das Resultat von Improvisationen am Set waren.

Glatt durchgefallen im "Vito Russo-Test" ist die lesbische Cynthia Rose (Ester Dean) in Pitch Perfect 3, die zwar in allen drei Teilen der Komödie dabei war, aber immer nur eine Randfigur blieb und nie eine Lovestory bekam. Zu unwichtig war auch die Rolle von Christians lesbischer Arbeitskollegin Ros (Robinne Lee) in Shades of Grey 2, die man nur mal im Hintergrund mit einer Frau sieht.

LGBTQ-Charaktere sollte man nicht suchen oder erahnen müssen

GLAAD wertete strenger als in den Vorjahren und sortierte daher mehr potenzielle Kandidaten als zuvor ganz aus (wies aber darauf hin, dass die Zahlen 2017 auch bei mehr Großzügigkeit nicht gut gewesen wären). „Ohne zusätzliches Wissen (…) oder eine externe Bestätigung in der Presse gelesen zu haben, bemerkt das Publikum möglicherweise nicht, dass es einen LGBTQ-Charakter sieht. Das genügt nicht", lautet die Begründung. "Unsere Geschichten verdienen es wie jede andere auch, auf der Leinwand gesehen zu werden, ohne versteckt zu sein oder erahnt werden zu müssen.“

Nicht als LGBT gewertet wurden Trini (Becky G) in Power Rangers, da ihre sexuelle Orientierung bestenfalls als „questioning“ bezeichnet werden kann (K-Word #192), und die Komödie Mädelstrip, in der ein vermeintliches Frauenpaar (gespielt von Joan Cusack und der lesbischen Schauspielerin Wandy Sykes) überraschend zu „platonischen besten Freundinnen“ erklärt wird.

20th Century Fox Schade: Barb (Joan Cusack, l.) and Ruth (Wanda Sykes, r.) dürfen in "Mädelstrip" (mit Amy Schumer, Mitte) nur beste Freundinnen sein

Ghost in the Shell verpasste seine Chance, indem ein Kuss zwischen Hauptdarstellerin Scarlett Johansson und einer Prostituierten, der im Trailer noch enthalten war, in der Manga-Verfilmung nicht mehr auftauchte. Und auch andere Comic-Adaptionen enttäuschten: In Thor: Tag der Entscheidung wurde eine Szene geschnitten, die die Bisexualität von Valkyrie (Tessa Thompson) gezeigt hätte (K-Word #224), und auch in Wonder Woman (K-Word #204) war – entgegen der Vorlage – keine der Amazonen und schon gar nicht Hauptfigur Diana (Gal Gadot) lesbisch oder bisexuell. Dabei hätte es ihrem Charakter völlig entsprochen, „offen und stolz bisexuell zu sein“, kritisiert GLAAD. „Sie als bi zu zeigen, wäre zudem ein willkommenes Zeichen des Fortschritts in Comicverfilmungen gewesen.“

Trailer Im Trailer von "Ghost in the Shell" gab's hier noch einen Kuss...

LGBTQ-Quote von zunächst 20 Prozent gefordert

„Bei so unglaublich erfolgreichen Filmen wie Wonder Woman und Black Panther, die beweisen, dass das Publikum facettenreiche und noch nicht erzählte Stories sehen will, haben die Major Studios schlicht keinen Grund für solch niedrige Werte“, kritisierte GLAAD-Chefin Sarah Kate Ellis in einem Statement.

GLAAD fordert daher eine Quote: Bis 2021 sollen 20 Prozent der Film-Charaktere in Mainstream- und Independentfilmen LGBTQ sein, bis 2024 sollte der Anteil auf stolze 50 Prozent steigen.

Die kleineren Art House-Filme machen's besser

Die Art House-Töchter der großen Studios (z.B. Focus Features oder Fox Searchlight), die mit ihren kleineren Produktionen allerdings in der Regel nur selten ein breites Publikum erreichen, haben die 20 Prozent-Quote im letzten Jahr bereits übertroffen: In 11 ihrer 40 Premieren (28 %) fanden sich LGBTQ-Charaktere, zudem überwiegend in Hauptrollen – sowohl quantitativ als auch qualitativ ein klarer Anstieg gegenüber den Vorjahren.

Universal Pictures International Besteht hier gerade den "Vito Russo Test" mit fliegenden Fahnen: Charlize Theron (l.) mit Sofia Boutella in "Atomic Blonde"

Dazu gehören etwa der Oscar-nominierte schwule Liebesfilm  Call Me By Your Name und das mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnete Transdrama Eine fantastische Frau. Queere Frauenfiguren in Hauptrollen gab es in Battle of the Sexes  mit Emma Stone als lesbischen Tennisstar Billie Jean King, Atomic Blonde mit Charlize Theron als bisexuelle Agentin, Professor Marston und the Wonder Women  mit einer Dreierbeziehung zwischen zwei Frauen und einem Mann und in dem Nonnendrama Novitiate

* Bei den sieben Major Studios handelt es sich um: 20th Century Fox, Lionsgate, Paramount, Sony, Universal, Walt Disney und Warner Brothers.

Alle Filme stehen bei Streaminganbietern (hier checken) und sind meist auch auf DVD erhältlich.

Hier steht der "GLAAD Studio Responsibility Index" als PDF (auf Englisch).

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