L-Mag

„LGBTQ-Vielfalt muss eine feste Größe bei jedem Sender, Studio, Produktionsfirma sein“

In US-Serien gibt es zurzeit 488 LGBTQ-Charaktere – so viele wie nie zuvor! Und fast die Hälfte sind lesbische und bisexuelle Frauen! Der US-Medienverband GLAAD erklärt, weshalb er dennoch mehr, nämlich einen LGBTQ-Anteil von 20 Prozent, fordert.

The CW/ Screenshot Lesbische Superheldin im Mainstream-TV: „Batwoman“ mit Ruby Rose (r.) - einen deutschen Starttermin gibt's leider noch nicht

Von Karin Schupp

10.11.2019 - Jede_r Zehnte ist lesbisch oder schwul, lautet eine alte Schätzung, und hinter dem weiter gefassten Begriff LGBTQ sammeln sich noch weitaus mehr Menschen – nur sind wir in der Öffentlichkeit und den Medien nicht im gleichen Maße sichtbar.

Außer im US-Fernsehen: In der TV-Saison 2019/ 2020* sind 488 Serien-Charaktere lesbisch, schwul, bisexuell, trans oder queer: Alex, Kelly und Nia in Supergirl, Foster in Chicago Fire, Elodie und Sabine in Diebische Elstern, Rosa in Brooklyn Nine Nine, um nur einige zu nennen - mehr denn je und eine hervorragende Entwicklung: Noch 2005 waren es nur zwölf!

Das Nachzählen übernimmt jedes Jahr der US-Verband GLAAD, der sich für die Sichtbarkeit von LGBTQ in den Medien einsetzt und die Ergebnisse immer im Herbst in seinem „Where Are We on TV“-Bericht vorstellt.

10 Prozent der festen Seriencharaktere sind LGBTQ

Vor allem der Anstieg bei den fünf großen Broadcast-Sender (ABC, CBS, Fox, NBC und The CW), die die allermeisten Haushalte empfangen, ist erfreulich: Hier liegt der LGBTQ-Anteil allein bei den festen Seriencharakteren bei 10,1 Prozent (2018/19: 8,8 Prozent), womit die Zielmarke von 10 Prozent, die GLAAD im letzten Jahr ausgegeben hatte, sogar knapp übertroffen wurde.

Das erfreut nicht nur die Community und insbesondere den nach Rollenvorbildern suchenden Nachwuchs, sondern dient auch der Aufklärung und Akzeptanzförderung bei Zuschauern, die persönlich keine LGBTQ-Menschen kennen und/ oder Berührungsängste und Vorurteile haben.

ABC/ Screenshot Cobie Smulders (l., „How I Met Your Mother“) spielt in der neuen Serie „Stumptown“ (noch ohne dt. TV-Starttermin) eine Privatdetektivin, die bisexuell ist - zur Sprache kommt das allerdings erst in Folge 6

Die wichtigsten Ergebnisse:

• Die 111 Serien der Broadcast-Sender zeigen insgesamt 120 feste und wiederkehrende LGBTQ-Charaktere.

• Weitere 215 LGBTQ-Charaktere gibt es in den Serien des Cable-TV (vergleichbar mit unseren Digital- und Pay TV-Angeboten).

• Die drei Streamingdienste Amazon, Hulu und Netflix steuern mit ihren selbst produzierten Serien 153 LGBTQ bei.

• Zum ersten Mal seit der GLAAD-Zählung sind die Frauen in der Mehrheit: 53 Prozent der LGBTQ-Figuren sind weiblich.

• Wie auch in den Vorjahren ist die Gruppe der Schwulen die größte (38 Prozent), während lesbische Frauen nur zu 31 Prozent vertreten sind.

• Zählt man allerdings die lesbischen (151) und bisexuellen (90) Frauen zusammen, machen sie 49 Prozent aller LGBTQ-Charaktere aus. Bisexualität wird übrigens nach wie vor eher den Frauen zugeschrieben: Sieben von zehn Bi-Charakteren sind weiblich.

• Bei Transgender gab es einen deutlichen Anstieg: 38 der LGBTQ-Charaktere sind trans (2018/19: 26), die meisten davon trans Frauen (21), aber die Zahl der trans Männer stieg immerhin von 5 auf 12; weitere 5 Rollen sind nonbinär. Die Mehrheit der trans Charaktere (22) ist hetero.

• Gelobt werden die drei schwulen bzw. lesbischen „Power Player“ Greg Berlanti (z.B. die Arrowverse-Serien, Black Lightning), Ryan Murphy (z.B. The Politician, Pose, 9-1-1), Lena Waithe (z.B. The Chi, Boomerang) und die Star-Produzentin Shonda Rhimes (z.B. Grey’s Anatomy, Seattle Firefighters): Stolze 14 Prozent aller LGBTQ-Charaktere tummeln sich in ihren 22 Serien.

Showtime „The L Word: Generation Q“ steuert 18 LGBTQ-Rollen bei - in den USA startet die Serie im Dezember, bei uns voraussichtlich erst im April

Die besten Sender/ Streaminganbieter:

• Auf Platz 1 der Broadcast-Sender landet The CW, dessen Zielgruppe ein eher jüngeres Publikum ist: 15,4 Prozent seiner Primetime-Charaktere (etwa in Supergirl, Batwoman und Riverdale) sind LGBTQ. The CW hat mit 49 Prozent auch insgesamt den höchsten Frauenanteil in seinen Serien.

• Am schlechtesten schneidet der Sender CBS ab, der für eher brave Serien-Ware wie Navy CIS und Young Sheldon bekannt ist. Hier sind es nur 5,5 Prozent, etwa in God Friended Me und Madam Secretary.

• Bester Cable-TV-Sender ist Showtime mit 38 Charakteren, vor allem dank dem kommenden Reboot The L Word: Generation Q mit 18 LGBTQ-Rollen, aber auch mit schon länger laufenden Serien wie Ray Donovan, Billions und Shameless. Showtime bietet gemeinsam mit FX (Pose) und Freeform (The Bold Type) fast die Hälfte der LGBTQ-Charaktere (44 Prozent) im Cable-TV auf - da hat die Konkurrenz noch deutlich Luft nach oben.

• Streaminganbieter: Netflix liegt mit seinen 121 LGBTQ-Charakteren (z.B. in Stadtgeschichten, Orange is the New Black) mit großem Abstand auf Platz 1. Der nur in den USA empfangbare Dienst Hulu (The Handmaid’s Tale, Marvel’s Runaways) hat nur 24, Amazon (Carnival Row, The Expanse) sogar nur 8 (wobei das Finale von Transparent nicht mitgezählt wurde, da es sich nicht um eine reguläre Folge, sondern um ein Spielfilm-Musical handelte).

Netflix In „The Politician“ (Netflix) sind die meisten Hauptfiguren LGBTQ, darunter auch (v.l.n.r.) Payton (Ben Platt), Skye (Rahne Jones), McAfee (Laura Dreyfuss) und James (Theo Germaine)

Wünsche und Forderungen:

Alle Verantwortlichen sind gefragt: GLAAD-Boss Sarah Kate Ellis lobt im Bericht die „kleine Handvoll“ Serien-Verantwortlicher, „die Inklusion in ihren Formaten priorisieren“, entlässt den großen Rest aber nicht aus der Verantwortung: „Vielfältige und korrekte Inklusion muss eine feste Größe bei jedem Sender, Studio und jeder Produktionsfirma sein.“

Einfach nur einen LGBTQ-Charakter einzubauen, genügt nicht, „um die Aufmerksamkeit des LGBTQ-Publikums zu gewinnen“, mahnt Ellis an. „Ihre Storys müssen Nuancenreichtum und Tiefe habe, und die Charaktere müssen die ganze Vielfalt unserer Community widerspiegeln.“

• Mehr LGBTQ-Serien auch bei Mainstream-Sendern: Auch wenn die Sender glücklicherweise immer mehr davon abkommen, sich nur auf „die eine Lesbe“ oder „den einen Schwulen“ im Ensemble zu beschränken, ist noch mehr drin, findet GLAAD: „Wir würden es gerne sehen, wenn die Sender dem Beispiel von Pose, The L Word, Queer as Folk, Stadtgeschichten usw. folgten, die LGBTQ-Charakteren in den Mittelpunkt stellen.“

Mehr trans Rollen und mehr Diversität wünscht sich GLAAD von den Streamingdiensten, die zwar im LGBTQ-Vergleich sehr gut abschneiden, aber vergleichsweise weniger trans Charaktere (7,2 Prozent vs. alle Serien/ Sender gesamt: 7,8 Prozent) und People of Color bieten (41 Prozent vs. 47 Prozent).

Nicht nachlassen! Sorgenvoll merkt GLAAD an, dass etliche LGBTQ-Charaktere in der Saison 2020/21 nicht mehr dabei sein werden, da sie entweder rausgeschrieben werden oder die ganze Serie endet. Im Cable-TV ist das jetzt schon von 48 Figuren bekannt, bei Netflix von 30 (vor allem, weil Stadtgeschichten und Orange is the New Black nicht fortgesetzt werden).

Bis 2025 sollen 20 Prozent der Serien-Charaktere LGBTQ sein! Dieses unbescheidene Ziel formuliert GLAAD auf Basis aktuellen Statistiken, laut der sich in den USA rund 20 Prozent der 18-34-Jährigen als LGBTQ identifizieren

Wir drücken die Daumen und wünschen uns derweil bescheiden, dass deutsche Primetime-Serien im nächsten Jahr wenigstens die Anzahl von 20 LGBTQ-Charakteren bieten…

Der GLAAD-Report „Where are we on TV 2019-2020“ steht hier als PDF.

* Anm.: Das US-Serienjahr verläuft vom 1. Juni 2019 bis zum 31. Mai 2020.

 

Weiterlesen:  

7 neue Serien und Staffeln mit lesbischen und bisexuellen Charakteren

Hollywood ein kleines bisschen weniger hetero (GLAAD-Studie zur Sichtbarkeit von LGBTQ in Kinofilmen 2018)

 

Die aktuelle L-MAG: jetzt an jedem Bahnhofskiosk, bei Readly, im Abo oder als e-Paper-Abo.

Finde deinen Weg zum Heft…

L-MAG.de finde ich gut!

Wir wollen, dass möglichst viele K-Word, unsere News, Filmtipps und internationalen Berichte lesen können.
Die Sichtbarkeit von lesbischen News im Netz ist uns sehr wichtig.
Deshalb werden L-MAG.de und mobil.l-mag.de weiterhin kostenlos bleiben!

Aber guter Online-Journalismus kostet genauso wie guter Print-Journalismus. Allein durch Werbebanner kommt nicht genug Geld rein. Wenn du L-MAG.de und unsere Service-Seiten (wie L-Dating) gut findest und lesbische Online-Inhalte unterstützen willst, kannst du das ganz einfach tun: Spende einmalig 1 Euro oder gleich 10 Euro fürs ganze Jahr.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

L-MAG.de finde ich gut!

Diese Website verwendet Cookies, Google Analytics und den Adserver Google DFP. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie dem zu.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK

L-MAG.de finde ich gut!

Wir wollen, dass möglichst viele K-Word, unsere News, Filmtipps und internationalen Berichte lesen können.
Die Sichtbarkeit von lesbischen News im Netz ist uns sehr wichtig.
Deshalb werden L-MAG.de und mobil.l-mag.de weiterhin kostenlos bleiben!

Aber guter Online-Journalismus kostet genauso wie guter Print-Journalismus. Allein durch Werbebanner kommt nicht genug Geld rein. Wenn du L-MAG.de und unsere Service-Seiten (wie L-Dating) gut findest und lesbische Online-Inhalte unterstützen willst, kannst du das ganz einfach tun: Spende einmalig 1 Euro oder gleich 10 Euro fürs ganze Jahr.

Vielen Dank! Dein L-MAG-Team

Nein Danke, möchte ich nicht | Hab schon!

L-MAG.de finde ich gut!
x