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„May, die dritte Frau“: Sichtbares Begehren

Neu im Kino: Sinnlich und mit malerischen Naturaufnahmen: Der vietnamesische Film „May, die dritte Frau“ spielt im 19. Jahrhundert und erzählt von einer 14-Jährigen, die mit einem Gutsbesitzer verheiratet wird und sich in dessen zweite Frau verliebt.

jip Film & Verleih

Von Theresa Rodewald

9.6.2021 - Vietnam im 19. Jahrhundert: Die 14-jährige May (Nguyễn Phuong Trà My) wird mit dem Gutsbesitzer Hung (Lê Vu Long) verheiratet – als dessen dritte Ehefrau. Kurz darauf ist May schwanger und hofft auf einen Sohn, nicht nur, weil sich damit ihre Stellung im Haushalt verbessern würde, sondern auch, weil sie inzwischen erkannt hat, wie eingeschränkt die Möglichkeiten von Mädchen in der damaligen vietnamesischen Gesellschaft sind.

Gleichzeitig verliebt May sich in Xuan (Mai Thu Huong Maya), die zweite Ehefrau. Schon bald muss sie entscheiden, ob sie still duldend weiterleben will oder doch versucht, sich ihre Freiheit zu erkämpfen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Ash Mayfair legt mit „May, die dritte Frau“ ein beeindruckendes Debüt hin. Gemeinsam mit Kamerafrau Chananun Chotrungroj und Cutterin Julie Béziau zeichnet sie das Bild einer Gesellschaft, in der die Rechte der Frauen stark beschränkt sind, ohne dabei die weiblichen Figuren in eine passive Opferrolle zu zwängen.

Sinnlich, taktil und atmosphärisch

Der Film ist sinnlich, taktil und atmosphärisch, die Hitze des vietnamesischen Sommers und die Seidengewänder der Figuren nahezu spürbar. Einerseits komponieren Szenenbild und Kameraarbeit jede Einstellung wie ein perfektes Aquarell.

Andererseits ansteht die dichte Atmosphäre des Films durch die Tonaufnahmen. Zusammen mit Kameraarbeit und Szenenbild erzeugen die Geräusche den Eindruck, das Geschehen nicht nur hören und sehen, sondern mit allen Sinnen erleben zu können.

Mays Begehren ist sichtbar, aber nicht spürbar

Deshalb überrascht es, dass trotz allem eine Distanz zu den Figuren und insbesondere zu May bestehen bleibt. Ihre Gefühle sind zwar nachvollziehbar, aber fürs Publikum nur schwer zugänglich, worunter letztlich der dramatische Höhepunkt des Films leidet. Die malerischen Naturaufnahmen bleiben oft rätselhaft und stellen eine Distanz zu den Figuren her. Es wäre schön gewesen, nicht nur die Seide auf Mays Haut zu spüren, sondern auch ihre Liebe zu Xuan. Mays Begehren ist sichtbar, aber nicht spürbar.

Die junge Hauptdarstellerin wurde beschimpft und bedroht

In Vietnam lief der Film nur kurz in den Kinos. Ash Mayfield selbst ließ ihn aus dem Programm nehmen, nachdem Hauptdarstellerin Nguyễn Phuong Trà My beschimpft und bedroht wurde. Grund dafür war eine Kontroverse um die Darstellung intimer Szenen zwischen der damals 13-jährigen Schauspielerin und ihren wesentlich älteren Co-Stars.

Während der Film eine historische Realität aufgreift, die heute Unbehagen auslöst, ist er zugleich bemüht, May nicht nur zuzusehen, sondern bei ihr zu sein. Ash Mayfield betonte außerdem, dass die Grenzen der jungen Schauspielerin bei den Dreharbeiten stets respektiert worden seien. Die Beschimpfungen, mit denen sich die Künstlerinnen konfrontiert sahen, zeigen: Den Kritikerinnen und Kritikern ging es nicht um die Darstellung der Sexszenen, sondern um ihre Ideen von Anstand.

Das wiederum zeigt, welche Erwartungen heute noch an Frauen gestellt werden und dass Filme wie May, die dritte Frau wichtig sind, weil sie die historischen Wurzeln dieser Frauenbilder freilegen.

May, die dritte Frau, Vietnam 2018, Regie: Ash Mayfair, mit: Nguyễn Phương Trà My, Tran Nu Yên Khê, Mai Thu Huong Maya u. a., 94 Min., Kinostart: 10. Juni

 

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