L-Mag

Mit Fahrrad, Freundin und Zelt um die Welt - Wenn Lesben reisen (Teil 5)

Seit 15 Monaten radelt Ex-L-MAG-Chefredakteurin Dana Müller mit ihrer Freundin um die Welt. Zum Abschluss ihrer Reise erkundet sie drei Monate lang die Süd- oder Ostküste Australiens und berichtet heute von einer Farm in der Nähe der Sunshine Coast.

Dana Müller Zelten am Strand von Stradbroke Island: Dana (r.) und Anke

Von Dana Müller

23.4.2023 - Australien! Was für ein Traum. Wie viele Deutsche wollte auch ich seit meiner Jugend nach Australien reisen. Aber es war immer zu teuer, zu weit, zu wenig Zeit… und nun bin ich mit dem Fahrrad bis hierher gekommen. Wahnsinn!

Die Erwartungen waren also hoch. Vor allem nach drei Monaten Südostasien. Auch wenn wir in Asien sehr viel leckeres Essen hatten (Laksa, Curry, Fried Rice und sehr viele Shrimps), vermissten wir Brot, Milch und Käse sehr. Doch, ups, kaum kamen wir in Sydney an und stürzten uns auf das westliche Essen mit reichlich Kohlenhydraten und Lactose, streikte unser Verdauungssystem. Anscheinend haben sich unsere Körper in den drei Monaten tatsächlich an milch- und kohlenhydratarmes Essen gewöhnt. Aber zum Glück ging auch das nach ein paar Tagen vorbei.

Farmarbeit an der Sunshine Coast: Kookaburra und Kettensägen

Nun sitze ich auf einer gemütlichen kleinen Couch, direkt an der offenen Terrassentür, schaue bei strahlendem Sonnenschein den Pferden auf der Koppel beim Grasen zu und staune über den Schwarm weißer Kakadus, der kreischend über die Wiese flattert. Im Hintergrund lacht ein Kookaburra. Wir wwoofen (= Farmarbeit gegen Kost und Logis) bereits zum dritten Mal auf unserer Reise (siehe Teil 2: Griechenland und Türkei).

Unsere Farm liegt 90 km von Brisbane entfernt und 50 km zum Strand an der Sunshine Coast. Obwohl die Küste eines der beliebtesten Reiseziele weltweit ist, spüren wir hier in den Bergen, zwischen grünen Hügeln und Regenwald nix vom Tourismus. Die Arbeit hier ist wunderbar, unsere Hosts Christine und Brian versorgen uns für unseren Einsatz mit reichlich Essen, und wir haben ein eigenes kleines Cottage, direkt am Pferdestall, für uns alleine.

Dana Müller Endlich wieder eine Gelegenheit, das lesbische Holzfällerinnenhemd anzuziehen...

Zwischen Kängurus, Wombats und Pinguinen

Bilderbuch Australien: Wir haben bereits unzählige Kängurus und Wallabies (kleine Kängurus) gesehen, einen wilden Wombat gestreichelt (er kam von ganz alleine auf uns zu und knabberte Ankes Schuhe an, da konnten wir nicht widerstehen) und die abendliche Pinguin-Parade am Strand von Phillips Island bewundert. Hier auf der Farm entdeckten wir sogar Equitnas (dt.: Schnabeligel).

Und als wir auf der kitschigen Insel Stradbroke Island (Straddie) vor Brisbane zelteten, öffnete ich das Zelt und stand mit den Worten auf: „Guten Morgen, Australien. Wo ist mein Känguru?“ Und wirklich: auf dem Weg zum Bad hüpfte ein ziemlich großer Geselle über den Campingplatz, den ich - verschlafen wie ich war - dennoch beinahe übersah (s. Foto unten). Hinter jeder Ecke wartet in Australien eine Überraschung: Schildkröten, Delfine, Seerobben, und beim Eisessen auf Straddie waren wir umgeben von den hüpfenden Beuteltieren.

Aber ganz ungefährlich ist es hier nicht

Allerdings lauern auch einige Gefahren. In der Hauptstadt Canberra lernten wir, dass sogar einst ein Primeminister, Harold Holt (1966/67) für immer im Ozean verschwand. Auf unserer Farm wurde eine drei Meter lange Schlange gesichtet, und in der Nähe vom Great Barrier Reef – das wird der Abschluss unseres World-Trips - wartet nicht nur eine faszinierende Unterwasserwelt auf uns, auch riesige Krokodile, Haie und sehr giftige, schmerzhafte Quallen leben dort.

Da Australien das letzte Ziel unserer Reise ist, haben wir in den vergangenen zwei Monaten unsere Räder größtenteils stehen lassen und sind bisher nur einige Tagestouren gefahren. Wir tanzten zwei Wochen in Sydney auf dem WorldPride und fuhren mit Freunden und einem Mietwagen die Südküste bis nach Melbourne entlang. In Sydney zelteten wir dank „Warmshowers“ (Couchsurfing für Radreisende) mitten in der Innenstadt im Hof eines Radbegeisterten und konnten von dort aus einfach zu Fuß zur großen WorldPride-Parade schlendern.

Zum „Nachbarn“ fährt man mit dem Auto

Obwohl Australien der zweitkleinste Kontinent ist, schaffen wir es partout nicht, alles zu erkunden. Einmal an der Küste entlang wären über 34.000 km, und im Outback ist auf zig Kilometern keine Zivilisation bzw. - für uns wichtig - Trinkwasser zu finden. Die Bevölkerungsdichte beträgt nur 3,3 Menschen pro Quadratkilometer (Deutschland: 236 Personen pro km²). Eine kleine Farm wie unsere hat mal eben 13 Hektar, zum „Nachbarn“ fährt man mit dem Auto. Obwohl wir für Australien drei Monate Zeit haben, müssen wir Tasmanien (wo Comedian Hannah Gadsby herkommt), den Uluru im Outback und die komplette West- und Nordküste auslassen.

Dana Müller Kängurus können bis zu neun Meter weit springen - aber rückwärts gehen können sie nicht

Morgen werden wir aber wieder auf die Räder steigen und am Ende mit weiteren rund 1.000 Fahrrad-Kilometern doch noch die 12.000 km-Marke knacken.

Reisen in Down Under: Mit Zug oder Bus wird's schwierig

Überraschend für uns: Öffentliche Verkehrsmittel sind sehr schlecht ausgebaut, die Züge sind langsam und alt. Allein für die Strecke Sydney – Brisbane (900 km, soweit wie Kiel - München) brauchten wir trotz Direktverbindung 13 Stunden. Busse kosten mehrere hundert Dollar für lange Strecken und sind lange im Voraus ausgebucht.

Jeder Bundesstaat hat seine eigene Zuggesellschaft. Im Queensland-Train ist auf der kompletten Strecke nur EIN (!) Fahrrad erlaubt. Für uns heißt das, dass wir an unterschiedlichen Tagen fahren müssen, noch dazu fährt er nur an vier Tagen in der Woche. Nie wieder schimpfe ich über die deutsche Bahn!

In Australien wird geflogen oder mit dem Auto gefahren. Sogar am Strand sind die 4 WD (4-Radantrieb) erlaubt. Es lohnt sich also definitiv, ein Auto oder Camper zu mieten. Und es gibt zahlreiche Campingplätze. Aber noch besser sind die Stellplätze in den Nationalparks. Dort gibt es zwar keine Facilities, dafür atemberaubende Natur. So zelteten wir an einem einsamen 38 km langen Strand auf Stradbroke Island ganz legal… und alleine.

Und noch etwas erstaunt uns: die unfassbare Freundlichkeit der Australier:innen. Bei all dem Sonnenschein und dem „Hey Mate, wie geht's?“ ist es einfach unmöglich, schlechte Laune zu haben. Nach zwei mal Shoppen im Supermarkt mitten in Sydney fragt uns die Verkäuferin, wie es unseren Fahrrädern geht. Smalltalk halt.

Zurück nach Deutschland: Was kommt danach?

Nach 15 Monaten auf Reisen rückt das Ende näher, und langsam stellen sich die ernsten Fragen: Was kommt danach? Wo wollen wir leben? Was wollen wir arbeiten? Eigentlich möchten wir nicht zusammenwohnen, zu groß ist unser Drang nach Freiraum. Doch wie soll das gehen?

Ich komme zurück in meine Wohnung, und Anke muss auf Unterkunft-Suche gehen? Denn sie hat ihre letzte WG verlassen. Es ist erstaunlich: Wir dachten 14 Monate Auszeit - und dann geht es einfach weiter. Erst haben wir um zwei Monate verlängert, und jetzt sehnen wir uns zwar nach gewohnten Strukturen, gleichzeitig ist nun ein guter Moment, alles zu ändern.

Wollen wir wirklich wieder zurück in normale Jobs? Als Journalistin war mein Alltag ohnehin nie „9 to 5“, aber reicht mir das noch? Wo soll es hingehen? Wollen wir wirklich in Deutschland leben? Jetzt sind wir einmal raus aus der Routine, warum nicht die Chance nutzen und etwas ganz anderes anfangen? Ich weiß es noch nicht. Das wird die Zeit dann zeigen…

Dana berichtet regelmäßig von ihrer Weltreise. Hier könnt ihr Teil 1 (Juni 2022), Teil 2 (September 2022), Teil 3 (Jan. 2023), Teil 4 (März 2023) und ihre Reportage vom World Pride in Sydney (Feb. 2023)  lesen.

Danas und Ankes Reise könnt ihr auch in ihrem Blog Fabulous Female Cyclists und auf Instagram begleiten.

 

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