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Neu im Kino: „Blackbird“: Von Familienkonflikten, Geheimnissen und dem Sterben

Ohne Melodramatik erzählt „Blackbird“ von dem letzten Wochenende, das eine todkranke Mutter mit ihrer Familie verbringt. Im hochkarätigen Cast: Susan Sarandon, Kate Winslet und Mia Wasikowska und Bex Taylor-Klaus als lesbisches Paar. Ab 24. Sept. im Kino.

Leonine Studios Rainn Wilson, Sam Neill, Bex Taylor-Klaus, Mia Wasikowska, Lindsay Duncan, Susan Sarandon und Anson Boon (v.l.n.r.)

Von Karin Schupp

23.9.2020 - „Anna, Chris, ich bin bald tot, kommt ihr runter?“, ruft Lily (Susan Sarandon) und setzt damit den Ton fürs Wochenende. Sie und ihr Mann Paul (Sam Neill) haben ihre Familie in ihr schickes Sommerhaus am Meer eingeladen, es wird geplaudert, gekocht, gegessen, gekifft, gestritten – und am Ende steht Lilys Tod.

Das ist kein Spoiler: Die eintreffenden Gäste - die zwei Töchter mit Anhang und die beste Freundin Elizabeth (Lindsay Duncan) - wissen Bescheid, und auch wir erfahren es bald: Lily ist unheilbar krank und möchte über ihr Sterben selbst entscheiden, solange sie es noch kann.

Der gelösten Stimmung nach zu schließen, scheinen alle den Plan zu akzeptieren und Lily ein schönes letztes Wochenende schenken zu wollen. Nur die unübersehbaren Spannungen zwischen den Schwestern, der biederen, spaßbefreiten Jennifer (Kate Winslet) und der lesbischen Anna (Mia Wasikowska), die offenbar nie etwas auf die Reihe kriegt und sich aus dem Familienleben raushält, stören die Harmonie dezent, ohne allzu große Wellen zu schlagen.

Anna bringt unangekündigt ihre Freundin Chris mit

Das ändert sich natürlich im Laufe des Films, wenn Geheimnisse und unterdrückte Gefühle zu Tage kommen und vor allem der Streit zwischen Jennifer und Anna eskaliert.

Die neben Lily zentrale Figur in Blackbird ist definitiv das „Sorgenkind“ Anna, die von Anfang die Planung unterläuft, indem sie unangekündigt ihre On/ Off-Freundin Chris (gespielt von der lesbischen, nichtbinären Schauspieler:in Bex Taylor-Klaus) mitbringt. Chris ist erfreulicherweise nicht nur ein Anhängsel, sondern ein eigenständiger Charakter und spielt für den Fortgang der Handlung keine unwichtige Rolle.

Schade nur, dass – anders als bei Jennifer und ihrem Langweiler-Mann – nichts über den gegenwärtigen Stand ihrer Beziehung erfährt und sie nur in seltsamer Distanz sieht: Anna und Chris interagieren kaum als Paar, berühren sich fast nie, ja, sitzen nicht mal in der Couchrunde nebeneinander - während sich die eheliche Anspannung zwischen Jennifer und Michael (Rainn Wilson) unvermittelt in einer wilden Sexszene entlädt.

Star-Ensemble, aber recht stereotype Charaktere

Die Adaption des dänischen Films Silent Heart – Mein Leben gehört mir (2016) würde auch gut als Theaterstück funktionieren, und was das Star-Ensemble (Anson Boon als Enkel Jonathan ist das einzige unbekannte Gesicht) hier auffährt, ist höchste Schauspielkunst, die man sich gerne ansieht.

Doch so authentisch das Miteinander auch wirkt, mit der wohlhabenden, liberalen Akademiker-Familie – er war Arzt, sie Architektin - wird mal wieder ein allzu abgenutztes Milieu mit recht stereotypen Charakteren bedient (natürlich ist die rebellische und nicht die brave Tochter lesbisch!), und das Publikum wird zusätzlich durch das fast sterile Ambiente des Sommerhauses auf Abstand gehalten (von Mutter Lily, die als warmer Ex-Hippie gezeichnet wird, hätte man nun wirklich ein gemütlicheres Domizil erwartet!)

Ohne Melodramatik, ohne den ganz großen Knall

Ohne Melodramatik, aber auch ohne den ganz großen Knall oder völlig überraschende Wendungen geht’s in Blackbird nicht nur ums Sterben, sondern auch um Lebensträume, Generationen-, Beziehungs- und Mutter-Tochter-Konflikte. Am Ende hat man perfekt inszenierte Bilder gesehen und sich nicht gelangweilt, fragt sich aber schon, was Drehbuchautor Christian Torpe und Regisseur Roger Michell (Notting Hill) uns jetzt eigentlich vermitteln wollten - außer der universellen Botschaft „Am wichtigsten ist die Liebe“.

Zwar senkt der Film mit seinem leichten Ton die Schwelle, sich mit Sterbehilfe bzw. Suizid überhaupt beschäftigen zu wollen, trägt aber inhaltlich nichts Neues zum Thema bei. Gut möglich, dass es nach dem Kinobesuch bei der Diskussion in der Kneipe höher hergeht – es wäre dem Film wirklich zu wünschen, dass er mehr hinterlässt als die Erinnerung an eine edle Kulisse mit Blick aufs Meer.

Blackbird – Eine Familiengeschichte, USA 2019, Buch: Christian Torpe, Regie: Roger Michell, mit: Susan Sarandon, Sam Neill, Kate Winslet, Mia Wasikowa u.a, 97 min., Kinostart: 24. Sept. 2020

 

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