O’zapft is! Lesbischer Montag auf dem Oktoberfest
Im Bräurosl-Zelt auf der Münchener Wiesn gibt’s am 21. September das erste FLINTA*-Event. Wir haben mit den Organisatorinnen Sina Scherer und Silke Völling gesprochen.
Nina Etspüler Die Frauen hinter der FLINTA* Wiesn 2026: Ricarda Hofmann („Busenfreundin“), Sina Scherer und Silke Voelling von „Lost Girls“ (v.l.n.r.)Von Franziska Schulteß
12.7.2026 - Am 21. September gibt es ein Novum auf dem Münchner Oktoberfest: Mehr als 500 lesbische Frauen und andere FLINTA* werden zusammen feiern. Organisiert wird das Event vom Kollektiv Lost Girls mit dem Podcast Busenfreundin. Wir sprachen mit Sina Scherer und Silke Völling vom Orga-Team.
L-MAG: Sina und Silke, in eurer Pressemitteilung nennt ihr euch „Lesben für Söder” – also für Markus Söder, den bayrischen Ministerpräsidenten von der CSU. Ist das ernst gemeint?
Sina: Das ist mit einem Augenzwinkern. Die CDU-CSU steht nicht unbedingt für queere Sichtbarkeit, auch wenn man sich bemüht hat, beim Münchner CSD mit einem Wagen präsent zu sein. Die Union gehörte viele Jahre zu den Gegnern der Ehe für alle, Markus Söder positioniert sich gegen das Gendern. Darin sehe ich ein Signal mangelnder Inklusion. Deshalb haben wir diese Überschrift gewählt.
Was macht ihr, wenn Markus Söder sich eingeladen fühlt und zu euch ins Bierzelt kommt?
Sina: Dann soll er kommen, freue ich mich. Mona Fuchs, unsere zweite Bürgermeisterin in München von den Grünen, wird ja für uns den „Anstich” machen (traditionelles Öffnen des Bierfasses auf dem Oktoberfest, Anm. d. Red.). Sie setzt sich für queere Sichtbarkeit ein; darüber kann Söder sich dann mit ihr unterhalten.
Euer Ziel ist, einen „Lesbischen Montag“ auf dem Oktoberfest zu etablieren?
Silke: Ja, so könnte man das sagen. Wir haben dieses Jahr für Montag, den 21. September, 500 Plätze für FLINTA*-Personen in der Bräurosl reserviert. Das ist das Bierzelt, in dem schon seit 1979, immer am ersten Sonntag der Wiesn (Mundart für Oktoberfest, Anm. d. Red.), der „Gay Sunday” stattfindet. Im letzten Jahr hat die Leitung der Bräurosl angekündigt, dass sie den Montag nach dem „Gay Sunday” jetzt auch als queeren Raum öffnen wollen. Irgendwann können wir vielleicht das ganze Zelt voll kriegen mit Lesben. Das wäre natürlich eine Traumvorstellung. Aber erstmal ist unser Ziel, einen Raum zu schaffen, in dem FLINTA* sich willkommen fühlen.
Was hat den Ausschlag gegeben, dass ihr euch gesagt habt: Das braucht München?
Sina: Die Idee ist 2021 entstanden, als Corona wütete. Da saß ich mit ein paar Mädels am Viktualienmarkt, auf einer Ersatzveranstaltung zur Wiesn mit vielen schwulen Jungs. Wir waren der einzige Frauentisch. Das hat mich dazu gebracht, zu sagen: ich mache meine eigene Brand. Kurz darauf habe ich mein Unternehmen Lost Girls gegründet und angefangen, Veranstaltungen für FLINTA* zu machen. Anfangs waren wir auf der „Oidn Wiesn” mit einem kleinen Kontingent von 50, 60 Plätzen. Dann kam Silke letztes Jahr nach ein paar Radlermaß auf mich zu. Oder ich weiß gar nicht, was du getrunken hast an dem Tag, Silke?
Silke: ...auf jeden Fall waren wir etwas angeschäkert...
Sina: …und haben gemeinsam entschieden, wir ziehen das größer auf. Ende letzten Jahres haben wir einen Pitch rausgeschickt an viele Festzelte. Davon gab es nur zwei, die sich offen gezeigt haben. Und die Bräurosl ist es am Ende geworden.
Wie erklärt ihr euch, dass es so wenig Rückmeldung von den anderen Festzelten gab?
Sina: Ich glaube, das hat nicht unbedingt mit Queerfeindlichkeit zu tun. Sondern damit, dass es einfacher ist, bereits bestehende Reservierungen weiter laufen zu lassen, als neue anzunehmen. Es war sehr schön zu sehen, dass Franziska und Peter Reichert - die Wirt:innen der Bräurosl - trotzdem sofort Feuer und Flamme waren.
Das Oktoberfest hat einen Ruf, was das Biertrinken betrifft. Ist euer Event denn vor allem ein „Besäufnis mit Lesben”?
Silke (lacht): Die Wiesn ist halt ein Volksfest. Sie hat ihren Ursprung in der Hochzeit auf der Theresienwiese (des bayerischen Kronprinzen Ludwig mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen im Jahr 1810, Anm. d. Red.) Man isst, trinkt, feiert zusammen. Wir weisen aber darauf hin: Achtung, das ist Starkbier! Bitte auf den Konsum achten. Wir möchten nicht, dass das bloß ein Saufgelage wird, sondern ein Miteinander.
Sina: Wir wollen Frauen miteinander vernetzen - die Kölnerin mit der Berlinerin und den Münchnerinnen. Das Land mit der Stadt. Vor allem auch die, die nicht so viel Möglichkeiten haben auszugehen wie wir Menschen aus der Großstadt. Die Wiesn war mir selbst suspekt, bevor ich nach München gezogen bin. Ich komme aus NRW. Ich war dann aber nach dem ersten Besuch begeistert. Das hat so viel Charme. Du isst gebrannte Mandeln, gehst „Wilde Maus“ fahren…. Das ist eine Kirmes, nicht nur Trinken. Und spätestens wenn die Band im Festzelt Vicky Leandros „Ich liebe das Leben“ anstimmt, geht einem das Herz auf.
Wollt ihr mit den Oktoberfest-Klischees auch ein bisschen brechen?
Silke: Ja. Ich trage zum Beispiel gerne Tracht. Und das kann man sehr queer gestalten.
Sina: …guck dir einen Bill Kaulitz an, wie der auf die Wiesn geht, mit rosa Lederhosen...
Silke: Ich habe selbst immer ein Klämmerchen am Rock mit Regenbogenfahne drauf.
Sina: Wir wollen weg vom Bild „Besoffene Typen, Brathendl und Layla-Gegröle“. Wir sind im Austausch mit Franziska Reichert über die Musikauswahl. Und wir werden vegan-vegetarische Brotzeitteller haben.
Das Oktoberfest zieht jährlich über sechs Millionen Besucher:innen an. Ihr hättet auch ein alternatives Event in einem ruhigeren Rahmen machen können. Warum habt ihr euch entschieden, da reinzugehen?
Sina: Ich komme aus einer Festanstellung bei einem großen Unternehmen. Einmal habe ich vorgeschlagen: Lasst doch zum CSD-Monat unser Logo in Regenbogenfarben machen. Das Feedback: Sina, glaubst du, mit einer Regenbogenflagge gewinnen wir einen Kunden mehr? Am nächsten Tag habe ich gesagt, ich mach hier nicht mehr weiter. Bei Lost Girls buttern wir ehrenamtlich rein, auch an dem Wiesn-Event verdienen wir selbst ja nichts. Aber ich kann jetzt hundertpro hinter dem stehen, was ich tue. In Zeiten des Rechtsrucks wollen wir ein Statement setzen. Es geht um Sichtbarkeit - und da ist das Oktoberfest ein großes Zugpferd. Klar, das beinhaltet auch ein Risiko. Wenn du dich zeigst, wirst du angreifbar. Aber wir möchten uns nicht in einem Zelt im Nachbardorf auf einem Alternativ-Event verstecken. Sondern wie jeder andere auf der Wiesn feiern. Mit dieser Sicherheit, die uns ebenso zusteht wie jeder und jedem anderen.
Stichwort Sicherheit: Wie wollt ihr damit umgehen, wenn zum Beispiel Außenstehende an die Zelttür kommen, um zu gaffen?
Sina: Wir haben durch die Leute aus der Bräurosl Securities vor Ort, die sind entsprechend gebrieft. Wenn einer blöd kommt, wird man ihn darauf hinweisen, dass er dies bitte unterlässt. Wir bieten einen Safer Space. Einen hundertprozentigen Safe Space können wir nicht garantieren – das kann leider niemand.
Silke: Es sind ja aber auch schwule Männer und andere Queers mit uns in dem Zelt an dem Tag. Und wir werden eine große Anzahl an FLINTA* sein. So können wir uns gegenseitig schützen.
Mit Dominik Krause gibt es in München seit Mai einen offen schwulen Oberbürgermeister. Hofft ihr, dass der Wind sich dreht in Bayern?
Sina: Herr Krause ist mit seinem Partner beim CSD mitgelaufen. Da muss ich sagen: Hut ab, das hat bis jetzt noch keiner so gemacht. Natürlich hoffen wir, dass dadurch mehr Akzeptanz auch in die Politik kommt.
Und wie empfindet ihr die lesbische Szene in München? Was fehlt noch?
Silke: Letztens fragte mich eine ältere Dame auf einem Event: Wo kommt ihr denn alle her? Sie sei schon seit fünfzig Jahren in der Stadt und habe gar nicht gewusst, dass es so viele von uns hier gibt. Wir merken: umso präsenter wir werden, umso mehr trauen sich, nach draußen zu gehen. Im Vergleich zu Berlin oder Köln sind wir hinterher. Aber ich finde, es geht in die richtige Richtung.
Sina: Viele, gerade jüngere FLINTA* können sich München kaum mehr leisten. Das hat Auswirkungen auf die Szene. Dennoch haben wir auch bei Lost Girls viele Jüngere am Start, was mich sehr freut. Uns ist wichtig, dass alle FLINTA* in ihrer Vielfalt eingeladen sind. Und die Generationen in einen Austausch miteinander gehen können.
Kann man sich für euren Wiesn-Event noch anmelden?
Sina: Die 500 Plätze sind bereits ausgebucht. Aber dank Franziska Reichert können wir das Kontingent noch etwas aufstocken. Wir sind schon jetzt fast 600 FLINTA* in der Bräurosl! Im kommenden März planen wir übrigens unser nächstes Event: das skiHER-Festival für FLINTA* in Mayrhofen in Österreich, rund um den Weltfrauentag vom 07. bis 14. März 2027.
Lost Girls x Busenfreundin: FLINTA* Wiesn 2026 - O'Zapft is!
21. September 2026, 10:00 – 17:00, Festzelt Pschorr-Bräurosl auf dem Oktoberfest, München - Tickets gibt hier

Bleibt out und proud!
Nur mit euch, unseren Leser:innen und online-Nutzer:innen, bekommen wir das hin! Helft uns, damit wir diese Zeiten durchstehen, die in politischer wie finanzieller Hinsicht nicht einfach sind. Journalismus, der nicht nur in Social Media Bubbles stattfindet, unabhängig ist und dialogbereit bleibt, hat es zunehmend schwer.
Unterstützt unsere Arbeit!
Vielen Dank!
Euer L-MAG-Team


