Peaches im Interview: Mehr Gleitmittel, bitte!
Die queere Electroclash-Ikone Peaches spricht mit L-MAG über „No Lube, So Rude“, ihr erstes Album nach zehn Jahren, das Älterwerden, den Backlash gegen Queerness – und was ihre kommende Tour mit Hämorrhoiden zu tun hat
The Squirt Deluxe Von Lara Hansen, 18.3.26
Peaches, wie geht es dir heute?
Peaches: Gut, gut. Viele Interviews. Ich habe um neun Uhr morgens angefangen, erst französische Interviews gemacht, dann welche aus England und jetzt auf Deutsch.
Wow, voller Tag.
Ich empfinde das aber als Privileg.
Es sind über zehn Jahre seit deinem letzten Album vergangen. Wann war der Moment, in dem du gemerkt hast: Jetzt ist es Zeit für eine neue Platte?
Ich war sehr beschäftigt. Mit meinem Album „Rub“ war ich wahrscheinlich drei Jahre auf Tour. Dann gab es „Teaches of Peaches“, die Tour, die 2022 und 2023 lief. Und die gleichnamige Doku (Anm. d. Red.: kostenlos bei Arte TV). Ich überließ Judy Landkammer, der Co-Regisseurin und Cutterin, dafür mein ganzes Archivmaterial. Sie ist alles durchgegangen und hat daraus eine wirklich starke Geschichte gemacht. Und dann, eher gegen Ende 2024, war klar: Okay, los geht’s, wir steigen richtig in das neue Album ein. Aber meine Mutter hatte dann einen schweren Schlaganfall und ich war drei Monate in Kanada. Anfang 2025 habe ich mich dann wirklich intensiv an das Album gesetzt.
Hattest du die neue Platte all die Jahre schon im Hinterkopf?
Nein, damals noch nicht. Während der Pandemie kamen erste Ideen auf, die haben sich aber alle wieder verändert.
Der Titel „No Lube, So Rude“ ist sehr prägnant. Was hat für dich daran Klick gemacht?
Die Welt ist voller Reibung. Sie ist sehr irritierend, sehr trocken und alles prallt ständig aufeinander. Und ich denke, wenn wir so etwas wie Gleitmittel hätten, um unsere Gefühle zu schmieren, würde uns das helfen, überhaupt erst in Gespräche zu kommen, die Perspektiven anderer wahrzunehmen. Und wenn man es sexuell denkt: Ich bin eine postmenopausale Frau, die eigentlich verschwinden soll, weil sie angeblich keinen Nutzen und keine Sexualität mehr hat, weil sie trocken ist und „vorbei“. Gleitmittel hilft natürlich, das wieder zu aktivieren. Nicht nur für menopausale Frauen oder Männer, denen die Poppers ausgehen, ist das relevant.
Zieht sich diese Metapher vom Gleitmittel durch das ganze Album?
Ja. Auch als Unterhaltung zwischen den Generationen. Hier bin ich, 25 Jahre später, eine sechzigjährige Frau, bekannt für diese sehr direkten sexuellen Anfänge. Inzwischen sind mindestens zwei Generationen nachgekommen, das ist also alles keine Anomalie mehr. Gleichzeitig war mir sehr wichtig, dass die Musik nicht zu retro klingt. Für mich fühlt sie sich sehr nach 2026 an.
Dein Stil wirkt gerade extrem zeitgemäß. Die frühen 2000er sind ja wieder im Trend.
Genau deshalb musste ich darauf achten, nicht einfach in den 2000ern steckenzubleiben, sondern das Ganze in die Gegenwart zu holen.
Wie hast du das gemacht?
Ich habe einfach darauf geachtet, dass die Produktion knallt, dass es gute Clubmusik ist.
Du hast dafür auch mit einem neuen Produzenten gearbeitet, richtig?
Genau, ich habe mit dem Spirit gearbeitet. Und der Spirit heißt „The Squirt Deluxe“.
Hast du persönliche Lieblingssongs?
Sie sind alle meine Babys. Ich mag „No Lube, So Rude“ wegen der Botschaft. „Not Your Mouth, None Of Your Business“ ist für mich ein klarer „Call to Action“. „Fuck Your Face“ ist einfach ein richtig harter Track. „Hanging Titties“ macht Spaß, weil er mich zeigt – wie fotzig ich bin, auch mit hängenden Titten, und dass ich es liebe.
Auch optisch fällt das Album auf. Wie bist du an die Bildwelt herangegangen?
Ich mache bewusst keine klassischen Musikvideos, sondern mindestens drei Videos pro Song. Zum Beispiel bei „Fuck Your Face“: In einem Clip ist es einfach dieser verstörende Blick in den Spiegel, die Konfrontation mit dir selbst und damit, wie du darauf reagierst. Mir gefällt diese Arbeitsweise, bei der man kein einziges Musikvideo machen muss, in das man alles hineinpackt. Stattdessen kann man verschiedene Aspekte eines Songs erforschen, sehen, wie unterschiedlich er wirken kann.
Deine Arbeit war immer laut und politisch. Wie fühlt sich das heute an im Kontrast zu vor zwanzig Jahren?
Es fühlt sich dringlicher an. Es gibt zwar mehr Sprache für Queerness und Gender, aber auch extrem viel Backlash. Weiße Vorherrschaft klammert sich mit alten, aderigen Fingern an die Macht. Mein Punkt war von Anfang an derselbe: Menschen sollen die sein können, die sie sein müssen. Niemand anderes hat darüber zu entscheiden.
Zum Abschluss: Was können wir visuell von der kommenden Tour erwarten?
Früher ging es viel um Inventare von Vulven, Penissen, Brüsten. Dieses Mal geht es eher um Prolaps, um Dinge, die herauskommen. Weißt du, was ich damit meine?
Erkläre es gern.
Sorry, das ist kein besonders sanftes Topic. Wenn man zum Beispiel Hämorrhoiden hat, also am Arsch, und es so aussieht, als würde alles nach außen kommen; das ist ein Prolaps. Es geht also weniger um einzelne Körperteile, sondern eher um etwas Krankhaftes, um Prolaps: Dinge, die mutieren und wachsen, sich ausbreiten.
... und im Frühjahr können wir das auf deiner Tour live sehen.
Peaches: „No Lube So Rude“ (Kill Rock Stars Bertus)
Livetermine:
27. April 2026, Hamburg, Große Freiheit 36
28. April 2026, Köln, Live Music Hall
30. April 2026, Frankfurt am Main, Zoom
05. Mai 2026, Berlin, Astra Kulturhaus
06. Mai 2026, Berlin, Astra Kulturhaus

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