L-Mag

Queer und sichtbar im Gesundheitssystem

Beim Arztbesuch ganz selbstverständlich für hetero gehalten zu werden – das kennen wir alle. Um queere Patientinnen im Gesundheitssystem, wie man sie sichtbar und ihre Bedürfnisse umsetzen kann: Darum ging es bei einer Tagung in Dortmund.

pumpkincat210, CC-BY

Von Dana Müller

l-mag.de, 20.2.2017 - „Bringen Sie beim nächsten Mal doch einfach ihren Mann mit!“ oder „Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht?“ - Als lesbische Patientin bei ärztlichen Untersuchungen einen dieser Sätze zu hören, ist anstrengend.

Doch wir leben nun mal in einer heteronormativen Gesellschaft – der Großteil der Bevölkerung geht also grundsätzlich von einer heterosexuellen Umwelt aus, und Homos sind dabei die abweichende Minderheit von der Norm. Auch medizinische Fachpersonal ist davon nicht frei. Wenn beispielsweise bei einer gravierenden Diagnose der behandelnde Arzt oder die behandelnden Ärztin ganz selbstverständlich von einem heterosexuellen Patientin ausgeht und nach dem „Ehemann“ fragt, kann das für die lesbische Erkrankte eine doppelte Belastung sein. Und wer hat schon die Kraft angesichts einer schweren Diagnose, auch noch das hunderste Coming Out hinzulegen?

Bedürfnisse und Probleme queerer Frauen im Gesundheitssystem

Dieses Beispiel verdeutlicht worum es bei der Fachtagung "Partizipation schafft Gesundheit - Strategien zur Gesundheitsförderung lesbischer, bisexueller und queerer Frauen". Am letzten Freitag und Samstag trafen sich in der FH Dortmund Aktivistinnen aus der Community, Wissenschaftlerinnen und Fachpersonal, um über Lesben im Gesundheitssystem zu Debattieren und nach Lösungsstrategien zu suchen.

Ausgangspunkt war das Forschungsprojekt „Queergesund* - Gesundheitsförderung für lesbische, bisexuelle und queere Frauen*“ dar. Darin wurde nach Bedürfnissen und Problemen nicht-heterosexueller Frauen im Gesundheitssystem gesucht. Über ein Online-System wurden 95 Expertinnen aus Community oder Gesundheitsbereich zwischen 16 und 65 Jahren gefragt: „Welche Anliegen, Themen und Probleme haben lesbische, bisexuelle und queere Frauen in Bezug auf Gesundheit und Gesundheitsversorgung?“

Imke Schmidt-Sari/ 123comics.net Die Tagung wurde von der Zeichnerin Imke Schmidt-Sari dokumentiert

Am Ende konnten 1.263 Aussagen ausgewertet werden, die letztlich in neun Cluster eingeteilt und schließlich in 3 Meta-Ebenen zusammengefasst werden: „Belastung und Ungleichstellung abbauen“, „Ressourcen ausbauen“ und „Versorgungsstrukturen akzeptierend gestalten“.

Wichtiges Fazit der Forschungsarbeit: Diskriminierung in Gesellschaft und Gesundheitswesen muss erkannt und abgebaut werden!

Weg von der Theorie - hin zur Praxis!

Der ersten Schritt weg von der theoretischen Forschung und hin zur konkreten Umsetzung, wurde mit der Tagung geschaffen. Zentraler Teil: die Gründung des Netzwerkes „Sexuelle und geschlechtliche Diversität in Gesundheitsforschung und -versorgung“. Mit Hilfe dieses Netzwerkes soll in Zukunft eine Veränderung im Gesundheitswesen vorangetrieben und Stück für Stück der heteronormative Blick abgebaut werden. Aber auch Themen wie Lesben und Krebs, Alter, Diskriminierung und Kinderwunsch wurden behandelt.

Ulrike Janz vom „Kompetenzzentrum Frauen und Gesundheit NRW“ war begeistert: „Ein paar Sachen wurden bei mir im Kopf angetriggert“, so die Aktivistin, „Ich nehme eine Menge mit nach Hause, auch zum Weitererzählen. Es gab einige Anstöße, was man jetzt tun kann und da möchte ich auch mit dran arbeiten.“

Auch wer nichts mit dem Thema zu tun hat, soll erreicht werden

Am Ende blieb die Frage: „Wie weiter?“ Susanne Hildebrandt von der „Koordinierungstelle Lesben, Schwule und Transidente der Stadt Dortmund“ beantwortet für sich die Frage so: „Ich glaube, dass die Herausforderung des Netzwerks vor allem darin besteht, diese Themen in die Fläche zu bekommen. Dass eben auch diejenigen, die mit dem Thema nichts zu tun haben oder haben wollten, damit irgendwie in Kontakt gebracht werden, um es eben möglichst niederschwellig zu machen.“

Insgesamt brachte die Tagung jede Menge Fachkräfte und Community zusammen, schaffte vielfältigen Input und regte zu Vernetzung an. Für Tagungsleiterin und Initiatorin Prof. Dr. Gabriele Dennert ist nun ein wichtiger Schritt geschafft: „Für mich ist in den letzten zwei Tagen eine Menge passiert. Das war ein Meilenstein, diesen Abschluss von der Studie zu finden und jetzt zu überlegen, wie kann es weitergehen und wie können wir ins Handeln kommen?“

Auf jeden Fall rumort es in dem neuen Netzwerk und es wird demnächst sicher einige Fortschritte im Gesundheitswesen geben, damit in Zukunft unangenehme Situationen für Lesben bei ärztlichen Untersuchungen vermieden werden.

Die L-MAG war Medienpartner der Tagung.

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