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Queeres Altern: Den Kopf senken wir nur, um unsere schönen Schuhe zu betrachten

Wie möchten queere Frauen ihr Alter gestalten? Sabine Arnolds vom Dachverband Lesben und Alter schreibt, warum Ältere auf den Pride-Paraden nicht fehlen dürfen und wie wir einander mit Respekt begegnen können.

stevepb/ Pixabay

Von Sabine Arnolds

11.12.2019 - „Falten sind Falten. Aber alle Menschen möchten, dass ihr individuelles Leben im Alter wahrgenommen und respektiert wird, und genau darum geht es uns auch“, sagt Reingard Wagner, Vorstandsfrau im Dachverband Lesben und Alter und Beirätin im bundesweiten Projekt „Queer im Alter“ des Sozialverbands AWO (Arbeiterwohlfahrt). So selbstbewusst, taff und gleichzeitig leise, aber beharrlich lerne ich Reingard und ihre Vorstandskolleginnen im Januar 2019 kennen.

Seit Mitte Februar begleite ich den Verband als Referentin, darf den ehrenamtlichen Vorstandsfrauen und den Mitgliedsorganisationen zuarbeiten. Für mich ist das ein Traumjob. Unterbezahlt, wie alle Jobs im sozialen Bereich. Dafür habe ich viel Spielraum, kann Ideen einbringen und die Anliegen des Verbands durchsetzen helfen.

Etwa eine halbe Million Lesben über 65, Tendenz steigend

Aktuellen Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa eine halbe Million lesbischer Frauen im Alter von über 65 Jahren, Tendenz steigend, die zunehmende Alterspyramide eingerechnet. Wir kämpfen darum, ihre Bedürfnisse hör- und sichtbar zu machen, streiten leidenschaftlich mit Politik, Sozialverbänden und in der eigenen Community, gehen Bündnisse ein und kooperieren.

Gemeinsam mit BISS, unserem schwulen Pendant, haben wir im Frühsommer dieses Jahres die Kampagne „CSD ist für Alte da“ gestartet. Denn die Generation, die als erste out and proud auf die Straße ging und für die Rechte von LSBTIQ*-Menschen kämpfte, verschwindet mit dem Alter zunehmend aus den Pride-Demos und -Festivitäten.

Vorbild für diese Anregungen an die Pride-Organisator*innen war eine ähnliche Aktion der US-amerikanischen queeren Alten-NGO SAGE. Viele der Vorschläge können einfach und schnell umgesetzt werden. Ob Fahrrad-Rikscha für diejenigen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, oder Senior*innen-Beiräte, die mit vorbereiten – verschiedene Prides setzen sich bereits dafür ein, den Vorkämpfer*innen unserer Freiheiten Raum und Sichtbarkeit zu geben. Der Zusammenschluss der Prides CSD Deutschland e. V. unterstützt „CSD ist für Alte da“.

Lesbische Ältere und Alleinstehende finden nicht statt

Die Sache mit der Sichtbarkeit ist gerade für lesbische Frauen* eine immer wiederkehrende Geschichte: „Sichtbarkeit von Lesben ist ein Dauerbrenner innerhalb der lesbisch-feministischen Community“, konstatiert Carolina Brauckmann, ebenfalls Vorstand im Dachverband, in ihrem Beitrag „Alt, sichtbar, autonom? Ein Generationenthema“ in „Lesben raus!: Für mehr lesbische Sichtbarkeit“ (Hrsg.: Stephanie Kuhnen, Querverlag 2017).

Ältere und alleinstehende Frauen kommen in der Öffentlichkeit kaum vor. Als Werbezielgruppe werden ihnen höchstens verstärkte Damenbinden zugetraut. Lesbische Ältere und Alleinstehende finden gar nicht statt – abgesehen von Comedy- und Schauspielikone Maren Kroymann, die gerade die 70 überschritten hat. Und so manche verkriecht sich im heterosexuellen Umfeld zurück in den Schrank, erlebt quasi ihr Coming-in. Ob Senior*inneneinrichtungen, Pflegeheime oder Pflegedienste: Unausgesprochen setzen die meisten auch heute noch voraus, ihre Klient*innen seien heterosexuell.

Das Pikante daran: Lesben waren unter den ersten queeren Aktivist*innen der Stonewall-Generation, der Frauen- und Lesbenbewegung, die diese Fragen stellten und zu beantworten suchten: Wie wollen wir im Alter leben? Wie behalten wir nach der bleiernen Zeit der 50er die gerade erst gewonnene Autonomie möglichst lange?

Wie wollen wir im Alter leben?

Bereits in den 1980er-Jahren gründete sich SAFIA Lesben gestalten ihr Alter, daraus entstand schnell das erste Wohnprojekt. Die Initiative RuT, ein Berliner Lesbenberatungszentrum, wurde 1989 von älteren Lesben gegründet. Sie luden vom Start weg die ältere Zielgruppe in ihre barrierearmen Räume ein.

Seit dem Millenniumswechsel nahm die Bewegung weitere Fahrt auf. Es entstanden verstärkt Gruppen, Projekte wie Besuchsdienste, fachlicher Austausch und 2004 aus einer Mailingliste der erste bundesweite Fachtag Lesben & Alter. Fast alle thematischen Schwerpunkte, die auch heute noch die queere Altersarbeit umtreiben - Gesundheitsförderung, passende Freizeitangebote, Pflege, alternatives Wohnen -, kamen in Vorträgen und Workshops vor. Carolina Brauckmann war ebenso maßgeblich beteiligt wie Reingard Wagner, Jutta Brambach, Sabine Thomsen und Kirsten Plötz, die aktuell den Vorstand des Dachverbands bilden.

Im gleichen Jahr veröffentlichte das Kuratorium Deutsche Altershilfe erstmals ein Fachmagazin zu „Homosexualität im Alter“ mit Interviews und Hintergrundberichten. Und eine Diplomarbeit beschäftigte sich mit den Lebenslagen lesbischer Frauen im Alter (Marion Worthmann: Aspekte der Lebenslage lesbischer Frauen im Alter, 2004).

Es beginnt mit der richtigen Ansprache

Gespannt verfolge ich die Schilderungen, wie vor 15 Jahren – wie wohl ebenso in den Jahren zuvor und heute wieder – um den Begriff Lesbe gerungen wurde. Durchgehend alle Initiativen berichten von den Schwierigkeiten, diejenigen zu erreichen, die sich so nicht bezeichnen mögen, den Begriff gar ablehnen oder jegliche beschreibende Begrifflichkeit umgehen. Die Historikerin Kirsten Plötz stellt die Frage, wen das Wort Lesbe ein- und wen ausschließt und ob ein alle ansprechender Begriff überhaupt möglich sei.

Eine Geschichte berührt mich so sehr, dass es ohne Relevanz erscheint, den richtigen Begriff zu finden. Sozialarbeiterin Bea Trampenau erzählt von zwei älteren Damen, die zusammen in einem Zimmer wohnten und Nacht für Nacht ihre Betten aneinander schoben, um die Nähe der anderen zu spüren. „Dies ging solange gut, bis sich eines Nachts die Betten auseinanderschoben und eine der beiden Frauen aus dem Bett fiel.“ (Lesben und Alter, Dokumentation der bundesweiten Fachtagung 2004, herausgegeben vom Intervention e. V.)

Queerness im Pflegeheim

Wen interessiert an dieser Stelle, wie sich die beiden definier(t)en? Ich bewundere ihre Beharrlichkeit. Sie sorgen für sich. Und ich wünsche mir, das Pflegeheim stellte sicher, die beiden mögen künftig unfallfrei ihrem Wunsch nach Nähe zur Partnerin/ Freundin/ Liebsten nachgehen können. Deutlich wird, Lesben setzen sich dafür ein, dass Pflegekräfte sensibel mit Bewohner*innen und Klient*innen umgehen, auf Zwischentöne hören und im Zweifel um Community-Angebote wissen.

Meine Schwiegereltern leben seit einiger Zeit in einem Pflegeheim. Immer wenn ich sie besuche, frage ich mich, ob unter den überwiegend alleinstehenden Frauen auch frauenliebende sein mögen. Wo sie wohl mit ihren Bedürfnissen bleiben. Meine kleine, sanfte Schwiegermutter hat sehr hartnäckig und bestimmt am ersten Tag durchgesetzt, dass die Betten der beiden Ehegatten nebeneinander gestellt werden. Festverankert. Zwischen die Betten kann keiner fallen. Ob einem Frauen- oder Männerpaar das gleiche Kunststück gelungen wäre? Wer ein Beispiel kennt, lasse es mich gern wissen.

Die Früchte der Arbeit reifen nun

Von Anfang an suchten queere Altersprojekte die Zusammenarbeit mit Institutionen der Pflege und den Einfluss auf Pflegestrukturen, den Kontakt zu Sozialverbänden und der Wohnungswirtschaft.

Die Früchte der Arbeit reifen nun. Die beiden lesbischen und schwulen Senior*innenverbände sind Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenverbände (BAGSO) und waren 2018 auf dem Deutschen Seniorentag mit einem gemeinsamen Stand und einem Workshop „Unterwegs am anderen Ufer – Ältere Lesben und Schwule in der Seniorenarbeit“ vertreten. Als Give-away fanden kleine Wasserflaschen mit Erinnerungswert reißenden Absatz. Wir werden zunehmend häufiger in Arbeitsgruppen eingeladen und in Beiräte berufen. Die Expertise beider Verbände findet Gehör und wird nachgefragt. Mit schwachen Strukturen und wenig Geld leisten wir starke Arbeit. Ohne viel ehrenamtliches Engagement der jeweiligen Vorstände ginge das kaum.

Altersarmut ist weiblich

Viel stemmen und inhaltlich auf die Beine stellen mit knappen Ressourcen – die Generation der frauenbewegten Lesben kennt das. Ohne ihre tatkräftige Aufbauarbeit wären weder Initiativen gegen Gewalt an Frauen und Frauenhäuser noch Projekte gegen sexuellen Missbrauch wie Wildwasser entstanden. Das häufige Arbeiten in unterbezahlten (wenn überhaupt) und allzu oft befristeten Jobs macht sich heute an anderer Stelle schmerzlich bemerkbar. Die Rentenansprüche lesbischer Frauen sind oft gering. Eine jahrzehntelang verfehlte Renten- und Sozialpolitik rächt sich hier bitter an den Leistungsträgerinnen des gleichstellungspolitischen und gesellschaftlichen Wandels.

Doch sie stecken den Kopf nicht in den Sand, sondern machen sich erneut auf den Weg. Einerseits individuell, andererseits strukturell. „Altersarmut ist weiblich – für eine geschlechtergerechte individuelle finanzielle Absicherung im Alter allein lebender lesbischer Frauen“: Unter diesem Titel suchten im Oktober 2019 Teilnehmende nach Verbesserungen des Rentensystems, das Frauen benachteiligt. Schon länger ist bekannt, der Gender-Pay-Gap verdoppelt sich im Rentenalter zum Pension-Pay-Gap.

Fast alle älteren lesbischen Frauen, die ich bislang kennengelernt habe, arbeiten auch nach dem Renteneintrittsalter weiter – um die schmalen Bezüge aufzustocken, aber auch um weiterhin etwas Sinnhaftes zu tun. Schon Lotti Huber, eine queere Ikone der frühen 90er-Jahre, schrieb ihre Memoiren unter dem Titel „Diese Zitrone hat noch viel Saft“. Ein Satz, der mir in den vergangenen Monaten immer wieder durch den Kopf geht. Voller Bewunderung für diese Generation.

Die Rolle der alten Frau neu schreiben

Die Juristin und Feministin Marie Sichtermann schrieb vor einigen Jahren in einem Essay: „Ich bin bald 60 Jahre alt und weiß, dass meine Generation die Rolle der alten Frau neu schreiben und inszenieren muss. Es kann nicht darum gehen, dass wir fit, elegant, sportlich und witzig sind, unsere Schäfchen auf eine Insel im Mittelmeer bringen, unsere kleinen Pfeifchen rauchen und immer zehn Jahre jünger aussehen. Wie, wer und welche wollen wir sein, wenn wir 75 sind?“ (siehe „Frauen, Macht und Politik“ in: „Carolina Brauckmann Alt, sichtbar, autonom?“).

Heute hat Marie Sichtermann das Alter erreicht, hält weiterhin Vorträge, spricht auf Veranstaltungen und organisiert Fachtagungen mit. Wie jede*r andere möchte sie im Alter Erinnerungen teilen, sagte sie 2014 in dem Video „lesbisch.schwul.älter“. Dazu gehört auch, Kürzel wie LFT oder CSD nicht erklären zu müssen (hier erklärt für alle, die diese Erfahrung nicht teilen: LFT = Lesbenfrühlingstreffen, seit über 40 Jahren jährlicher Treffpunkt für lesbische Frauen; CSD = Christopher Street Day.)

Kultursensible Pflege – auch wenn sie so noch nicht benannt wurde – und Lehrpläne für Pflegeschulen spielten bereits 2004 eine Rolle. Aber erst 2020 erscheint mit „LSBTIQ* und Alter(n) – Ein Lehrbuch für Pflege und Soziale Arbeit“ das erste Lehrbuch dazu. Ein weiter Weg, der noch nicht zu Ende ist.

Dieser Text erschien zuerst auf der Webseite des Goethe Instituts New York.

 

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