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Schwanger werden: Tipps für Queers

Wenn’s um Kinderwunsch geht, werden zunehmend auch LGBTI* - häufig mit kostspieligen Methoden - als Zielgruppe umworben. Wir unterhielten uns mit den Hebammen Cato und Imogen, die Queers beraten und Alternativen zu den oft teuren Angeboten aufzeigen.

Matt Druin, CC-BY-NC-ND

Von Franziska Schulteß, 10.3.2020 

Cato und Imogen: Was für Möglichkeiten gibt es, um schwanger zu werden?

Imogen: Viele glauben, ein Kind zeugen könne man entweder nur, wenn Leute mit einem Penis und einer Vagina miteinander Sex haben – oder mittels einer hochkomplizierten künstlichen Befruchtung mit modernsten medizinischen Geräten. Dabei gibt es noch einige andere Möglichkeiten. Wie zum Beispiel die „Bechermethode“: dabei werden die Spermien so nah an die Cervix, den sogenannten Muttermund, gebracht wie möglich. Dafür kann man zum Beispiel einen Moon Cup oder eine Portiokappe, eine Art Silikonkappe, verwenden. Das ist relativ einfach!

Aber dass es damit dann klappt, ist doch nicht sehr wahrscheinlich?

Imogen: Im Gegenteil! Die Wahrscheinlichkeit, über die „Bechermethode“ schwanger zu werden, kann sogar etwas höher sein, als wenn ein Penis in eine Vagina eingeführt wird – weil die Spermien länger direkt an der Cervix verbleiben.

Die meisten glauben, Kinder zu zeugen ginge am besten auf „natürlichem“ Weg...

Imogen: Ja, das denken sogar einige queere Leute mit Kinderwunsch. Es ist aber Quatsch. Allein die Unterscheidung, was „natürlich“ und was „künstlich“ sei – das scheint mir sehr willkürlich.

Gerade zum Thema Schwangerschaft existieren ja viele Bilder und Klischees, die heteronormativ sind… So wie die Vorstellung, dass es für die Zeugung eines Kindes die „sexuelle Vereinigung von Mann und Frau“ brauche.

Cato: Ja. Ich kenne übrigens auch Heteropaare, die über einen längeren Zeitraum versucht haben, schwanger zu werden – und dann die Bechermethode entdeckt haben. Das kann wahnsinnig viel Stress wegnehmen, wenn man nicht miteinander Sex haben muss, um ein Baby zu zeugen.

Gibt es noch andere Methoden?

Cato: Noch „erfolgversprechender“, aber auch etwas invasiver ist die „intrauterine“ Methode. Mit einem Spekulum – ein Instrument, das Leute von gynäkologischen Untersuchungen kennen – wird der Weg zur Cervix sichtbar gemacht. Mit einem Mini-Schlauchkatheter werden dann die Spermien eingebracht. Diese müssen allerdings vorher, wegen Infektionsgefahren, mit einem speziellen Verfahren gereinigt werden. Vornehmen dürfen das in Deutschland nur Ärzt*innen oder zertifizierte „Kinderwunschzentren“.

Imogen, du bist in den USA aufgewachsen. Der Vergleich ist interessant: dort scheint das alles etwas leichter zu sein als hierzulande?

Imogen: Ja. In den USA ist es üblich, dass Hebammen wie wir Leute dabei unterstützen, mit der intrauterinen Methode zu Hause schwanger zu werden. Das ist kostengünstig und entspannt. Als ich davon vor einigen Jahren erfahren habe, war ich hochmotiviert, das hier in Berlin auch anzubieten – und habe eine große Enttäuschung erlebt. Ich habe mit der Rechtsstelle des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) telefoniert, die mir sagten, ich dürfe das hier nicht. Wir Hebammen dürften Leute, die einen Kinderwunsch haben, lediglich beraten.

Bei einfacheren Verfahren wie der „Bechermethode“ dürft ihr auch nicht helfen?

Cato: Warum machen wir es in Deutschland queeren Familien so schwer? Das deutsche Embryonenschutzgesetz drückt sich hier deutlich aus: es besagt, dass alles, was als „künstliche Befruchtung“ eingestuft wird, in einer ärztlichen Instanz stattfinden muss. Das lässt natürlich die Methoden außen vor, die relativ leicht, ohne medizinisches Equipment und Personal, selbst vorgenommen werden können. Das ist der Grund, warum wir jetzt auch Workshops zu „DIY Insemination“ in Berlin anbieten. Wir dürfen zwar nicht praktisch bei Inseminationen unterstützen – aber wir können Leuten sagen, wie die Methoden, die sie selbst vornehmen können, funktionieren.

Auch viele Queers kennen ja nur den Weg über die Kinderwunschzentren…

Cato: Ja. Nicht wenige wenden sich an diese Zentren, weil sie keine andere Möglichkeit für sich sehen, um schwanger zu werden. Die Prozeduren, die dort angeboten werden, gehen aber oft mit einer für den Körper belastenden Hormonbehandlung einher...

privat Cato (l.) und Imogen sind freiberufliche Hebammen* in Berlin und arbeiten in der Geburtshilfe, Schwangerschafts- und Wochenbettbegleitung, Imogen bietet auch Trauerbegleitung an. Gemeinsam geben sie seit mehreren Jahren Geburtsvorbereitungskurse für queere Menschen.

Imogen: …die gerade für viele Queers nicht nötig wäre. Die Kinderwunschzentren haben ja eigentlich die Funktion, Leuten zu helfen, die physische Probleme damit haben, schwanger zu werden. Darunter fallen queere Personen, die Eltern werden wollen, nicht mehr oder weniger oft als andere Menschen. Sie haben schlichtweg häufiger nicht beide notwendigen „Zutaten“ – also Eizellen plus Spermien.

Ist das also alles bloß Geldmacherei?

Imogen: So platt würde ich das nicht ausdrücken. Was aber stimmt: die Eingriffe in diesen Zentren sind oft sehr teuer. Und sie werden gerade im queeren Kontext häufiger eingesetzt, als es physiologisch notwendig wäre.

Zahlt die Krankenkasse diese Eingriffe denn nicht?

Cato: Nicht offiziell. Die Kasse zahlt nur dann, wenn ein cis Heteropaar ein Kind zeugen will und das aus irgendwelchen physischen Gründen nicht klappt. Bei queeren Paaren, die nicht in das heteronormative Familienbild passen, übernimmt die Kasse das nicht – weil die potenziellen Eltern ja nicht als „krank“ gelten.

Die rechtliche Situation ist nicht nur in Bezug auf die medizinischen Maßnahmen schwierig – sondern auch, wenn es um das Sorgerecht geht. Wenn zum Beispiel zwei lesbische Frauen gemeinsam das Sorgerecht beantragen wollen, gibt es viele bürokratische Hürden (wir berichteten hier und hier).

Imogen: Ja. Obwohl wir jetzt offiziell heiraten können, werden uns noch viele Steine in den Weg gelegt. Es ist immer noch sehr schwer für queere Familien, Kinder zu adoptieren, und sowieso sind für uns intime Sachen hochreguliert – super viele staatliche Stellen oder medizinisches Fachpersonal mischen sich in den Prozess unserer Familienplanung ein.

Mit welchen Ideen, wie sie eine Familie gründen wollen, kommen die Leute zu euch?

Cato: Sehr unterschiedlichen. Manche sind allein, zu zweit, andere zu dritt oder zu viert… Eine Person will z. B. das Kind gebären, eine andere einfach nur als Begleitung oder Partner*in dabei sein, eine dritte ist Spender und eine vierte will das Sorgerecht beantragen. Da gibt es super diverse Ansätze, was ich sehr schön finde.

Habt ihr noch praktische Tipps, wie das mit dem Schwangerwerden klappt?

Cato: (lacht) Eine Mischung aus Himbeerblättertee und Hirtentäscheltee zu den richtigen Zeiten trinken, gut schlafen und essen, schauen, wann der Eisprung ist, und es einfach immer wieder versuchen.

Imogen: Wir als queere Menschen – im Grunde alle LGBTI*, aber nochmal verstärkt trans und nicht-binäre Personen – bekommen schon sehr früh im Leben das Gefühl vermittelt, dass mit unseren Körpern etwas nicht in Ordnung sei. Da möchten wir die Leute empowern! Nur weil eine Schwangerschaft nicht sofort klappt, bedeutet das nicht, das mit uns etwas nicht okay ist. Und wir benötigen nicht unbedingt medizinische Interventionen, um Kinder zu zeugen.

Cato: Zum Beispiel können auch transmännliche Personen schwanger werden.

Ihr plant, ein queer-feministisches Hebammenkollektiv zu gründen. Was versprecht ihr euch davon?

Cato: Wir wollen als Hebammen* queeren Menschen mit Kinderwunsch während Schwangerschaft, Geburt und der ersten Zeit mit dem Kind eine empowernde und evidenzbasierte Begleitung anbieten. Und für uns einen angenehmen Arbeitsplatz schaffen, der queer- und transfreundlich ist. Wir möchten außerdem politische Bildung machen.

Imogen: Wir bilden uns auch ständig weiter, schauen, wie andere Länder das regeln. Und wir lernen zusammen mit den Menschen, die wir begleiten! Mit jedem Jahr gibt es neue Erkenntnisse, wie wir queere Familien gründen können. Stück für Stück können wir es schaffen, uns in dem Bereich mehr Freiheit und Autonomie zu erkämpfen.

 

Weiterlesen: Filmtipp „Mom + Mom“: Regenbogenfamilie auf Italienisch

 

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