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Serientipp „WIR“: Große Liebe im zweiten Anlauf

Nach zwölf Jahren kehrt Annika in ihr Heimatstädtchen zurück und trifft ihre große Liebe Helena wieder, die längst mit Tayo liiert ist. Die Lovestory der beiden Frauen steht im Zentrum der ZDFneo-Serie „WIR“ über einen Freundeskreis in den Dreißigern.

Helena (Katharina Nesytowa, l.) und Annika (Eva-Maria Jost)

Von Karin Schupp

16.9.2021 - Häuschen gekauft, Beförderung durch, Baby in Planung und am Wochenende Grillabende mit der alten Clique: Das Leben von Helena (Katharina Nesytowa), frischgebackene Grundschulrektorin in ihrem Heimatstädtchen Teltow, sieht aus wie ein fröhlicher Limo-Werbespot.

Doch schon in der ersten Folge von WIR gerät die solide Lebensplanung mit ihrem Lebensgefährten Tayo (Malick Bauer) ins Wanken: Nach zwölf Jahren absoluter Funkstille kehrt Annika (Eva Maria Jost) zurück - ihre ehemals beste Freundin und erste große, aber geheim gehaltene Liebe.

Damals war Annika plötzlich und ohne Erklärung zum Studium weggezogen und hat nie wieder von sich hören lassen. Jetzt lebt sie nach Jahren im Ausland als erfolgreiche Architektin in Hamburg und kreuzt immer häufiger in Teltow auf, sei es, um ihrem Bruder Maik (Lorris Andre Blazejewski) beim Umbau der Familiengärtnerei unter die Arme zu greifen, aber ganz offensichtlich auch, um Helena zu sehen.

Lange verschüttete Gefühle füreinander brechen auf

Die beiden Frauen begegnen sich anfangs mit einer Mischung aus Sprachlosigkeit und unterdrücktem Ärger, aber schnell brechen auch lange verschüttete Gefühle füreinander auf. Was genau vorgefallen ist, bleibt zunächst unausgesprochen, aber jede Lesbe kann sich vorstellen, dass es mit dem zermürbendem Versteckspiel vor Familie und Freundeskreis – die bis heute ahnungslos sind - zu tun hatte.

Bei Einschulungsfeier, Kinderfußball und Campingwochenende begegnen sich Helena und Annika immer wieder und nähern sich langsam wieder einander an. Aber bis sich beide eingestehen, dass zwischen ihnen noch etwas - sogar mehr als nur „etwas“ - ist, dauert es eine Weile. Vor allem Helena wehrt sich dagegen, denn immerhin steht für sie ihre durchaus glückliche Beziehung mit Tayo auf dem Spiel.

ZDF/ Oliver Feist Wiedersehensfreude sieht anders aus: Annikas (l.) und Helenas erste Begegnung nach zwölf Jahren

Die gegenseitige Anziehung ist glaubwürdig dargestellt

Was in Annika vorgeht, ist schwieriger zu erkennen, obwohl die Geschichte auch aus ihrer Perspektive erzählt wird. Sie wirkt verschlossen, ist offenbar mit ihrer stressigen Arbeit „verheiratet“ und scheint außer ihren Kolleg:innen kein soziales Umfeld zu haben. Ob sie in der Ferne ihr Coming Out erlebte, ob es auch andere Frauen (oder Männer?) in ihrem Leben gab – all das erfahren wir leider nicht, sodass sie für uns ein fast genauso weißes Blatt bleibt wie für Helena.

Dennoch gelingt es den beiden Schauspielerinnen, die gegenseitige Anziehung glaubwürdig darzustellen, und so nett Tayo auch ist: Nicht nur die lesbische Zuschauerin wird sich wünschen, dass die beiden es mit zwölfjähriger Verspätung im zweiten Anlauf schaffen.

Sommerliche Leichtigkeit und eine fast utopisch diverse Clique

Wirklich neu ist diese Geschichte wahrlich nicht, sogar im deutschen Fernsehen gab's schon lesbische Liebesdramen in der Kleinstadt - Lieb mich! (ARD, 2000) mit Julia Richter und Naomi Krauss und Liebe und Verlangen (ZDF, 2003) mit Natalia Wörner und Katja Flint (und auch in diesen Filmen ist eine der beiden Frauen Lehrerin!) -, aber es ist eben eine Story, die immer wieder funktioniert. Und es macht auf jeden Fall Spaß, die von drei Regisseurinnen (darunter Kerstin Polte, Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?) inszenierte moderne Interpretation einer klassischen ZDF-Serie anzuschauen.

Sommerliche Leichtigkeit und sonnendurchflutete Bilder, die richtiggehend Lust aufs Kleinstadtleben machen, bilden die Kulisse für das Leben der fast utopisch diversen (und sehr authentisch agierenden) Clique, zu der auch Maiks Frau Linh (Le-Thanh Ho), Emre (Erol Afsin) und Mel (Natalia Rudziewicz) gehören: eine solche gelebte Vielfalt ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ja noch längst nicht selbstverständlich.

ZDF/ Oliver Feist United Colors of Teltow (jeweils v.l.n.r.): Annika (Eva Maria Jost), Helena (Katharina Nesytowa), Mel (Natalia Rudziewicz) und Linh (Le-Than Ho), Tayo (Malick Bauer), Emre (Erol Afsin) und Maik (Lorris Andre Blazejewski)

Staffel 2 wird zurzeit gedreht

Nach den ersten zwölf Folgen ist übrigens noch nicht Schluss, denn WIR ist als „langlaufendes Projekt“ geplant, wie ZDFneo-Chefin Nadine Bilke ankündigte. Wie es mit Annika und Helena weitergeht, werden wir also in Staffel 2, die aktuell gedreht wird (und dringend einen Untertitel bekommen sollte, damit die Serie leichter zu finden ist!), erfahren. Im Mittelpunkt stehen sie dann allerdings nicht mehr: Die neuen Folgen drehen sich um Grundschullehrer Emre, der unglücklich von seiner Jugendliebe Mel geschieden ist.

WIR (Trailer): Ab 17. Sept. (17 Uhr) in der ZDF Mediathek; jeden Freitag um 10 Uhr ist dort eine neue Folge der 12-teiligen Serie verfügbar. Ab 15. Oktober bei ZDFneo.

Lest nächste Woche auf l-mag.de unser Interview mit Katharina Nesytowa und der queeren Schauspielerin Eva Maria Jost.

 

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