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TV-Tipp: "Everything Sucks!" - Lesbisches Coming Out ohne Drama, Selbsthass und Kitsch

Die neue Netflix-Serie „Everything Sucks!“ verzaubert nicht nur mit warmer 90er-Jahre-Nostalgie und liebevollem Humor, sondern auch mit einer lesbischen Hauptfigur, die ihr Coming Out an einer Kleinstadt-Highschool erlebt.

Netflix/ Screenshot Kate (Peyton Kennedy, r.) und ihr Schwarm Emaline (Sydney Sweeney)

Von Karin Schupp

25.2.2018 - Es ist mir ein ewiges Rätsel, wieso die Trailer für TV-Serien und Filme lesbische Charaktere so oft verschweigen. Glauben die Marketingabteilungen etwa, dass sie mit dieser Information mehr Publikum verlieren als gewinnen? Haben sie noch nicht gemerkt, dass auch lesbische und bisexuelle Frauen eine Zielgruppe sind - und sich die meisten Heteros von einer queeren Storyline mitnichten abschrecken lassen?

Everything Sucks! ist mal wieder so ein Fall: Der Trailer rückt die männliche Hauptfigur Luke (Jahi Di'Allo Winston) in den Mittelpunkt, scheint eine Lovestory mit seiner Mitschülerin Kate (Peyton Kennedy) zu versprechen - und erzählt damit ziemlich exakt nur die halbe Wahrheit. Dabei ist Kate die - ziemlich gleichberechtigte - zweite Hauptfigur der Serie und erlebt über die ganze Staffel hinweg ihr lesbisches Coming Out.

Netflix/ Scott Patrick Green Willkommen in Boring: Luke und Kate

Andere Musik, andere Mode, aber die gleichen Probleme

Die Handlung einer Highschool-Serie ins Jahr 1996 zu verlegen, war ein geschickter Schachzug, denn das holt das Format aus der Teenie-Nische und lockt auch erwachsene Zuschauer an, die seinerzeit ihre Jugend erlebten und gerne ein bisschen in Erinnerungen schwelgen.

Die Musik (Oasis, Ace of Bace, Tori Amos…), die Mode und die moderne Technik – in der Pre-Smartphone-Zeit waren Pager (wer kennt die noch?!) der neueste Schrei, und während sich das piepsende Modem laaangsam ins frühe Internet quälte, konnte man ganze Romane lesen: Kaum zu glauben, dass das alles erst zwanzig Jahre her ist! Und dazu kommt: Homosexualität war viel weniger präsent als heute, und außer Melissa Etheridge und k.d. lang gab es noch keine offen lesbischen Stars.

Aber die Probleme waren dennoch die gleichen wie heute: Freundschaft, Liebe, dazu gehören wollen und einen Platz im Leben finden.

Kate hat viel mehr Interesse an Mädchen als an Luke

Luke und Kate besuchen die Highschool in Boring/ Oregon (= langweilig - und diesen Ort gibt's wirklich!), wo sich Luke mit seinen nerdigen Freunden McQuaid und Tyler dem Filmclub anschließt und direkt sein Herz an Kamerafrau Kate, Tochter des Schuldirektors, verliert.

Die hat allerdings viel mehr Interesse an Mädchen und vor allem an Dramaqueen Emaline (Sydney Sweeney), die mit Oliver, dem arroganten Star der Theatergruppe, zusammen ist.

Als ausgerechnet Emaline Lesbengerüchte über sie verbreitet, gibt Kate Lukes Werben halbherzig nach, um sich eine Heterofassade zu geben. Aber dabei bleibt es nicht, und während Filmclub und Theatergruppe über den gemeinsamen Dreh eines schrägen Alienfilms zusammenfinden, stellt sich heraus, dass sie nicht das einzige queere Mädchen an der Schule ist - und nicht mal den ersten Schritt machen muss!

Vorbild war der schwedische Lesbenfilm Raus aus Åmål

Kein Drama, kein Selbsthass, aber auch kein süßlicher Kitsch: Kates Coming Out ist so schön und authentisch erzählt, dass man hinter der Serie wohl nicht zwei Heteromänner vermuten würde.

Die beiden, Michael Mohan und Ben York Jones, waren aber schlau genug, sich vom LGBT-Medienverband GLAAD beraten zu lassen und unterschlagen nicht, dass sie ein starkes Vorbild hatten: „Den größten Einfluss auf unsere Serie hatte Raus aus Åmål, dieser schwedische Film von 1998, der eine wunderbare lesbische Story über ein Mädchen in einer Kleinstadt erzählt, das versucht, im Fegefeuer der Highschool zurechtzukommen“, sagte Jones (der auch den Leiter des Filmclubs spielt).

Everything Sucks! erfindet weder das Highschool-Genre noch das Coming Out-Thema neu – ganz im Gegenteil: das Abhaken sämtlicher Jugendserien-Klischees war der Hauptkritikpunkt der US-Rezensenten -, aber die jungen Schauspieler, die kleinen Details und der liebevolle Humor lassen die zehn Folgen nicht langweilig werden.

Nach einem Binge-Wochenende werdet ihr eure Tori Amos-CDs aus dem Schrank holen, alte Fotos anschauen und vielleicht den Namen eures ersten Schwarms, damals in der 10 b, googeln...  Ob es eine zweite Staffel geben wird, ist noch nicht bekannt.

Everything Sucks!, USA 2018, 10 Folgen - jetzt exklusiv auf Netflix

Und hier ist der zu 99% lesbenfreie Trailer (im englischen Original):

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