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Wie Frankfurterinnen für Deutschlands letzte Lesbenbar kämpfen - Spendenaktion verlängert

Wer das „La Gata“ hat, braucht kein Online-Dating! Deutschlands letzte Lesbenkneipe (und eine der ältesten der Welt!) trotzt seit fast 50 Jahren allen Krisen - doch Corona könnte ihr Aus bedeuten. Wir sprachen mit Wirtin Ricky Wild und Stammgästinnen.

Mercedes Rodriguez Garcia-Gutierrez Schon ein Weilchen her, dass Ricky Wild und ihre Kollegin gut beschäftigt hinterm „La Gata“-Tresen standen

Von Paula Lochte

16.2.2021 - Die Fenster unter der Leuchtreklame, auf der „Club La Gata“ steht, sind verrammelt. Aber das gehört so, damit niemand reingucken kann. Neben der schweren Eingangstür aus Metall ist noch die alte Klingel angebracht: Früher kam nur rein, wer beim Blick durch das Guckloch überzeugte. Diese Sicherheitsvorkehrung ist schon lange nicht mehr nötig – allerdings bleibt das „La Gata“ gerade für alle zu. Niemand sitzt auf den mit grünem Plüsch überzogenen Barhockern oder an den dunklen Holztischen voller Knabbereien, niemand bedient die Jukebox in der Ecke.

Nur Corona kann Barbetreiberin Erika „Ricky“ Wild davon abhalten, auch mit über 70 Jahren noch hinter dem Tresen zu stehen. Denn egal ob Wirtschaftskrise, Gentrifizierung oder die Sogkraft des heimischen Sofas, die Barbesucherinnen fernhält: Das kleine „La Gata“ in Frankfurt am Main trotzte bisher allen Krisen. Oder genauer gesagt: Ricky machte das.

1971 wagte Ricky Wild es, die „Damenbar“ zu eröffnen

„Wir sind eine der ältesten noch bestehenden Lesbenbars der Welt“, sagt Ricky am Telefon. Das „La Gata“ ist Deutschlands letzte Lesbenbar. In München, Nürnberg und sogar in Berlin gingen lesbische Kneipen reihenweise pleite oder die Betreiberinnen gaben erschöpft auf. Nicht so Ricky.

Im Jahr 1971 wagte sie es, die „Damenbar“ zu eröffnen. Bei der Gewerbeanmeldung auf dem Ordnungsamt, erzählt Ricky, schleuderte ihr ein Beamter entgegen: „Ich war im Krieg, da wurde mir mein Bein abgeschossen, während die Frauen daheimsaßen – und jetzt wollen Sie eine Kneipe nur für Frauen aufmachen?!“

Es war der Anfang von vielen Hürden. Ständig habe das Ordnungsamt vor der Tür gestanden, um das kleine Lokal zu kontrollieren, erzählt Ricky. Und dann waren da noch die Nachbarn und Nachbarinnen.

Die kleingeistige Nachbarschaft eingeladen

Das „La Gata“ liegt in der Seehofstraße im Frankfurter Stadtviertel Sachsenhausen. Heute ist Sachsenhausen ein hippes Ausgehviertel, das mal an Berlin-Kreuzberg, mal an den Ballermann erinnert. Aber damals regierte der Kleingeist: „In Sachsenhausen haben sehr viele alte Leute gelebt, die Gerüchte über uns verbreitet haben“, erzählt Ricky. Als eine Nachbarin ihren Werbeflyer sah, auf dem zwei Frauen und der Schriftzug „Klub La Gata“ abgebildet waren, habe diese behauptet: „Im La Gata springen Frauen nackig in die Badewanne!“

Ricky blieb gelassen. „Ich habe mir diese Leute vorgenommen und in die Bar eingeladen“, sagt sie. Mittlerweile habe sie keinen Ärger mehr: „Heute mögen mich die Leute in der Seehofstraße und ich bin mit allen gut befreundet.“ Sie hat es also geschafft, sogar konservative Omis um den Finger zu wickeln – und die Frankfurter Lesbenszene.

„Eine echte Institution in Frankfurt“

Ricky nennt ihre Stammgästinnen liebevoll „meine Mädchen“ – und diese nennen sie „Babba“, hessisch für „Papa“. Eine von ihnen ist Corinna Pohl. Das „La Gata“ ist für sie eine „Kultstätte“ und „echte Institution in Frankfurt“. Die 51-Jährige hat in der Bar Freundinnen gefunden und sich zum ersten Mal in eine Frau verliebt, erzählt sie: „Ich habe dort getanzt, gelacht, philosophiert, getrunken – ich habe dort gelebt.“

Auch die 39-jährige Annette Kühn hat vor sechs Jahren, bei ihrem allerersten Besuch, in der Bar ihre Freundin kennengelernt. Das sei eine der Besonderheiten dieser Kultkneipe: Wer das „La Gata“ hat, braucht kein Online-Dating. „Auch ganz viele andere Frauen haben sich dort kennen und lieben gelernt“, sagt Kühn. „Ricky erzählt immer mal wieder, auf wie viele Hochzeiten sie eingeladen wird.“

Was nun durch die Coronakrise auf dem Spiel steht, ist ein Safe Place, ein geschützter Ort für Frauen, sagt Stammkundin Pohl: „Hier darf jede so sein, wie sie möchte.“ Doch da dieser geschützte Ort zum Schutz vor Ansteckung mit dem Coronavirus gerade nicht mehr öffnen darf, steht Ricky jeden Monat mit gut 3.000 Euro Fixkosten da, die sie allein nicht bezahlen kann. Staatliche Finanzhilfen kämen bei queeren Barbetreibenden nicht rechtzeitig oder gar nicht an, warnt das „Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt“.

„Da pocht mein Herz, ich kriege Gänsehaut!“

Die Nichtregierungsorganisation hat deshalb eine Spendenkampagne ins Leben gerufen (wir berichteten). Ursprünglich war das Ziel, für das „La Gata“ 250 Euro Zuschuss für die Miete im Dezember und Januar zu sammeln. Doch dann kletterte das Spendenbarometer auf der Plattform Startnext auf über 9.000 Euro. Hinzu kam im Rahmen des Projektes „Support Your Local Bar“ ein Startnext-Zuschuss etwa 1.800 Euro.

Ricky war überwältigt: „Da pocht mein Herz, ich kriege Gänsehaut!“, erzählt sie. Als sie gesehen habe, dass auch viele spendeten, die sie nicht persönlich kenne, habe sie sich unwahrscheinlich gefreut: „Manchmal kommen mir hier zu Hause sogar die Tränen in die Augen, wenn ich das sehe.“

Ende des Lockdowns nicht abzusehen - Spendenaktion verlängert

Für eine Entwarnung ist es dennoch zu früh, so Josefine Liebing und Christian Gaa vom „Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt“. Ein Ende des pandemiebedingten Lockdowns sei nicht absehbar. Und neben dem „La Gata“ seien auch andere queere Bars in finanzieller Not. „Deshalb haben wir uns für eine Verlängerung der Spendenaktion bis Anfang April 2021 entschieden“, teilte das Bündnis mit.

Barbetreiberin Ricky hofft, dass es das „La Gata“ auch im Herbst noch gibt. Denn im September steht der 50. Geburtstag von Deutschlands letzter Lesbenbar an. Und Ricky plant schon die Party – trotz allem.

Hier geht's zur neuen Spendenaktion fürs „La Gata“ auf Startnext

 

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