L-Mag

Wie heilen wir nach dem CSD-Anschlag?

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD finden am Wochenende drei Events für Trauer und Community Care statt. Wir sprachen mit Sara Moshiri, die am Samstag den Trauerspace „Together“ anbietet. Ziel: Halt geben, Wut teilen und trotz allem Queer Joy erleben.

Siegessäule Zeichen der Trauer am Brandenburger Tor

Von Jan Noll

30.7.2026 - Wie heilen wir nach dem CSD-Anschlag? Sara Moshiri, Gründerin des FLINTA* Queer Garten Kollektivs, beantwortet diese Frage mit ihrem Trauerspace „Together" am 1. August im Berliner Mikropol. Das Ziel: Einander Halt geben, Wut teilen und trotz allem Queer Joy erleben. Wir sprachen mit ihr und haben zwei  weitere Veranstaltungen für Trauer und Community Care für euch gelistet.

Liebe Sara, wie hast du persönlich den vergangenen CSD und die schrecklichen Ereignisse des Attentats erlebt?

Als ich von den Ereignissen erfahren habe, war ich bereits im Frannz Club, wo meine offizielle FLINTA*-Pride-Party unter dem Motto Love Always Wins mit rund tausend Gästen stattfand. Im ersten Moment war ich geschockt. Gleichzeitig war vieles noch unklar, und ich wusste zunächst nicht, was genau passiert war. Plötzlich stand ich vor einer großen Verantwortung: Wie trifft man in einer solchen Situation die richtige Entscheidung – für so viele Menschen? Ich bin vielleicht kein Maßstab dafür, wie man in einer solchen Situation reagiert. Ich habe Krieg erlebt und gelernt, auch in Krisen handlungsfähig zu bleiben. Aber jeder Mensch verarbeitet Angst und Schock anders. Nach einer kurzen Rücksprache mit meinem Team und der Security habe ich entschieden, die Entscheidung den Anwesenden selbst zu überlassen. Mir war wichtig, unseren Safe Space nicht aufzugeben, sondern ihn für alle offen zu halten. Gleichzeitig haben wir die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort verstärkt. Ich bin über alle Floors gegangen, habe die Musik gestoppt und unsere Gäste offen informiert. Ich habe erklärt, dass unser Club ein sicherer Ort ist und wir die Türen bewusst geöffnet lassen, damit Menschen, die sich draußen unsicher fühlten, zu uns kommen konnten. Deshalb haben wir auch freien Eintritt angeboten. Jede und jeder konnte selbst entscheiden, ob sie oder er bleiben oder gehen wollte. Am Ende sind die Menschen geblieben. Wir haben zusammengehalten, uns gegenseitig aufgefangen und gemeinsam weitergefeiert – nicht, weil wir die Situation verdrängen wollten, sondern weil wir dem Täter nicht erlauben wollten, uns unsere sicheren Räume und unsere Freiheit zu nehmen. Auch heute empfinde ich vor allem Wut. Aber Wut allein verändert nichts. Ich habe gelernt, sie in etwas Konstruktives umzuwandeln. Ich bin ein Community-Mensch und sehe es als meine Verantwortung, Menschen zusammenzubringen – nicht nur bei Partys, sondern gerade in Zeiten wie diesen. Deshalb möchte ich Räume schaffen, in denen Solidarität nicht nur ausgesprochen, sondern auch gelebt wird.

Barbie Breakout hat ja in ihrer Rede am Brandenburger Tor im Rahmen der Mahnwache dazu aufgerufen, dass wir als Community jetzt zusammenhalten – auch über Meinungsverschiedenheiten hinweg. Wie erlebst du persönlich gerade die Community, vor allem in sozialen Medien?

Ich wünsche mir diesen Zusammenhalt von Herzen. Doch ehrlich gesagt erlebe ich im Moment vor allem viele Worte. Solidarität zeigt sich für mich nicht in Statements oder schönen Social-Media-Posts, sondern im Handeln. Gerade jetzt gibt es Menschen in unserer Community, die Angst haben, die sich nicht mehr sicher fühlen oder sich nicht mehr trauen, Veranstaltungen zu besuchen. Diese Menschen brauchen nicht nur Mitgefühl, sondern konkrete Unterstützung, sichere Räume und das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Ich bin jemand, der lieber handelt als redet. Deshalb habe ich beschlossen, meinen Beitrag zu leisten und Menschen zusammenzubringen. Für mich bedeutet Zusammenhalt, füreinander da zu sein – unabhängig von Meinungsverschiedenheiten oder persönlichen Befindlichkeiten. Ich hoffe, dass wir diese Situation als Chance begreifen. Dass wir aufhören, mit dem Finger aufeinander zu zeigen, und stattdessen als Community zusammenstehen. Denn genau das ist jetzt wichtiger denn je.

Was erwartest du jetzt von Politik und Gesellschaft?

Von der Gesellschaft wünsche ich mir, dass sie differenziert hinschaut und nicht vorschnell pauschalisiert oder Parolen übernimmt. Gerade nach einer solchen Tat ist es wichtig, besonnen zu bleiben und Menschen nicht gegeneinander auszuspielen. Hass darf niemals mit noch mehr Hass beantwortet werden. Von der Politik erwarte ich, dass sie die Sicherheit queerer Menschen ernst nimmt und konkrete Maßnahmen ergreift, damit unsere Community geschützt wird. Queere Menschen müssen sich auf Veranstaltungen und im öffentlichen Raum sicher fühlen können. Gleichzeitig dürfen queere Projekte, Beratungsstellen und Bildungsarbeit nicht gekürzt, sondern müssen nachhaltig gestärkt werden. Gerade sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag für Sichtbarkeit, Prävention und gesellschaftlichen Zusammenhalt.Außerdem müssen wir sehr wachsam sein, dass diese schrecklichen Ereignisse nicht von rechtsextremen oder populistischen Kräften instrumentalisiert werden. Ein Anschlag darf niemals dazu benutzt werden, gesellschaftliche Spaltung weiter voranzutreiben. Jetzt braucht es Verantwortung, Zusammenhalt und einen klaren Einsatz für Demokratie, Vielfalt und den Schutz aller Menschen.

Privat Sara Moshiri

Du veranstaltest am Samstag das Event „Together“ im Mikropol – eine Art Trauerspace und Party. Wie kam die Idee zustande? Und was können Menschen erwarten, die zu dieser Veranstaltung kommen?

Nach der Veranstaltung am vergangenen Samstag habe ich sehr viele Nachrichten erhalten. Viele Menschen haben mir geschrieben, dass sie dankbar waren, dass wir die Party nicht abgesagt haben, weil sie sich bei uns sicher und aufgefangen gefühlt haben. Gleichzeitig haben sich aber auch Menschen gemeldet, die zwar ein Ticket hatten, sich aus Angst jedoch nicht mehr getraut haben zu kommen. Diese Rückmeldungen haben mich sehr beschäftigt. Mir wurde bewusst, dass Menschen ganz unterschiedlich mit so einem Ereignis umgehen. Manche möchten allein sein, andere brauchen den Austausch. Manche wollen reden, andere tanzen oder einfach nicht allein sein. Deshalb habe ich beschlossen, mit Together im Mikropol einen Raum zu schaffen, der all das ermöglicht. Der Eintritt ist kostenlos, weil ich möchte, dass wirklich jede und jeder kommen kann. Ich sehe das als meine Verantwortung und meinen Beitrag für unsere Community. Die ersten beiden Stunden stehen bewusst im Zeichen von Begegnung, Gesprächen, Vernetzung und gegenseitiger Unterstützung ein Ort, an dem Menschen ihre Gedanken, ihre Trauer oder auch ihre Wut teilen können. Anschließend geht der Abend mit DJs und Live-Performances weiter. Ganz bewusst: Wir setzen damit ein Zeichen, dass wir uns unsere Räume, unsere Sichtbarkeit und unsere Lebensfreude nicht nehmen lassen. Alle Artists, das Mikropol und auch das Security-Team unterstützen den Abend ohne Gage. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Dieses gemeinsame Engagement zeigt, worum es in diesem Moment geht: füreinander da zu sein.

Together soll ein sichtbares Zeichen sein, dass wir uns nicht auseinanderbringen lassen. Dass wir zusammenkommen, uns gegenseitig stärken und als Community gerade dann zusammenhalten, wenn es darauf ankommt. Die Menschen erwartet ein Raum, in dem sie genauso sein dürfen, wie sie sich in diesem Moment fühlen. Ob sie reden, zuhören, neue Menschen kennenlernen, sich austauschen oder einfach nicht allein sein möchten – all das soll dort Platz haben. LOVE ALWAYS WINS!

 

„Together" – Trauerspace des Queer Garten Kollektivs: Sa, 1. Aug., 18:00 - 02:00 Uhr, Ort: Mikropol, Nollendorfplatz 5, Berlin - weitere Infos:@queer_garten

Demonstration „From Grief to Rage to Resistance“: So, 2. Aug., Start: 17:00, Neptunbrunnen, Berlin, Route: Rathausstr. 1 - Spandauer Str. - Karl-Liebknecht-Str. - Schlossplatz - Unter den Linden - Pariser Platz - weitere Infos: @priderebellion.berlin

Mahnwache für die Opfer des Anschlags auf den CSD Berlin, organisiert von LSVD+: So, 2. Aug., Start 18:00, Ahornsteig, Großer Tiergarten (Nähe Lennéstraße), Berlin - weitere Infos: @lsvdbundesverband

 

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