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Keine Lesbenküsse über 10.000 Meter Flughöhe?

Air Berlin-Reisende dürfen diesen Kuss (Foto) nur verpixelt sehen, die US-Airline Delta zeigt den Lesbenfilm „Carol“ ganz ohne Küsse: Im Bordkino vieler Fluglinien herrscht eine Doppelmoral, was Homosexualität angeht. Dagegen regt sich jetzt Protest.

Screenshot Wie dieser Kuss zwischen Gwyneth Paltrow und Tatiana Abbey bei Air Berlin (und anderen Fluglinien) aussieht, zeigt der Clip unten.

Von Karin Schupp

l-mag.de, 9.8.2016 - Dass viele Fluglinien in ihren Bordkinos nur „familienfreundliche“ Filme zeigen, ist bekannt: Sex, nackte Haut und Vulgaritäten werden sehr häufig rausgeschnitten (ich sah einmal eine auf gut 70 Minuten reduzierte Version der Komödie Bachelorette, deren Handlung kaum mehr nachvollziehbar war…). Doch was die Gefühle anderer potenziell verletzen könnte, wird offensichtlich sehr unterschiedlich ausgelegt. Anfang August machte die Berliner LGBT-Initiative Enough is Enough öffentlich, dass Air Berlin einen lesbischen Kuss in dem Film The Royal Tenenbaums nur verpixelt zeigt, während Gwnyeth Paltrow in derselben Montage mehrere Männer intensiv und unzensiert küsst (siehe Clip unten).

Aus "technischen Gründen" noch bis November im Programm

Die Airline, die die LGBT-Zielgruppe auf CSDs und Straßenfesten stark umwirbt, reagierte umgehend: In einer offiziellen Stellungnahme entschuldigte man sich und kündigte an, den Film „aus unserem Programm nehmen, da er in dieser Version nicht mit unseren Grundwerten übereinstimmt.“ Das wird allerdings aus „technischen Gründen“ frühestens im November passieren, wie ein Pressesprecher dem Berliner Tagesspiegel sagte, und auch dann nur, "wenn es denn technisch möglich" sei.

Carol - ganz ohne Küsse bei Delta Air

Doch während es sich bei den Tenenbaums nur um eine lesbische Sekunde in einem ansonsten heterosexuellen Film handelt, liegt der Fall bei der US-Airline Delta anders: Deren Version des Lesbenfilms Carol zeige keinen einzigen Kuss, empörte sich ein lesbischer Fluggast Anfang August auf Twitter, während ihr Sitznachbar eine unzensierte Hetero-S/M-Szene genieße. Und da es sich dabei um die bekannte Comedienne Cameron Esposito handelte (ab 25. Aug. in der Komödie Mother’s Day – Liebe ist kein Kinderspiel zu sehen), verbreitete sich ihr Protest - „Ohne einen einzigen Kuss, ist Carol nur noch ein Film über Blicke“, schrieb sie unter anderem - in Windeseile weiter. 

Zahlreiche Lesben erfuhren erst auf diesem Weg, was sie verpasst hatten. So schrieb die Musikerin Mary Lambert, („Same Love“): „Ich dachte: ‚Oh wow, eine wahnsinnige sexuelle Spannung, die nie aufgelöst wird – die armen lesbischen Ladies.‘“ Auch Phyllis Nagy, die lesbische Drehbuchautorin von Carol, kritisierte, dass der Film  „ohne die physische Intimität keinen Sinn“ mache, und wies darauf hin, dass die Konkurrenz-Fluglinien United und American Airlines das unzensierte Original zeigten.

Die Airlines zensieren die Filme nicht selbst

Sowohl Delta als auch Air Berlin erklärten, dass sie die Filme nicht selbst schneiden dürften, sondern die zensierten Versionen zugeliefert bekämen. Air Berlin spricht von „einem Dienstleister“, während Delta erklärte, direkt von den Studios beliefert zu werden. Im Falle Carol habe man sich eigentlich nur an der Sexszene gestoßen, heißt es in einem Statement gegenüber der Webseite After Ellen, aber nur die Wahl zwischen „alles oder nichts“ gehabt.

Das betreffende Studio, The Weinstein Company, reagierte bisher nicht auf Nachfragen, wieso man sich für diese radikale Variante entschied. Die Antwort könnte aber erschreckend schlicht sein: Jede Airline und jede Region der Welt hat andere Toleranzgrenzen – da wollte man es sich womöglich nur ersparen, etliche unterschiedliche Versionen zu schnippeln.

Nicht mit homophoben Film-Versionen zufrieden geben

Jetzt sind die Fluggesellschaften dran: Sie sollten den Studios ihre Richtlinien deutlich vermitteln und sich nicht mit homophoben Kahlschlag-Versionen zufriedengeben! Air Berlin hat schon Besserung versprochen: Man werde den „Dienstleister anweisen, diesen Aspekt bei der Filmauswahl zu berücksichtigen, um solche Situationen in der Zukunft zu vermeiden.“

Mit diesem verschwurbelten Satz meinen sie doch wohl hoffentlich, dass sie in Zukunft gezielt Filme mit unzensierten lesbischen Küssen ins Programm nehmen. Denn wer uns als Fluggäste will, sollte sich auch ein bisschen für uns ins Zeug legen!

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