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Thema HIV: Den Teufelskreis aus Stigma, Scham und Schweigen durchbrechen

Harriet Langanke, Sexualwissenschaftlerin, über Safer Sex bei lesbischen Frauen

Harriet Langanke, GSSG

Eine Anzeige von GILEAD Sciences 

Safer Sex für lesbische Frauen – an eine Schwangerschaftsverhütung denken da wohl die wenigsten. Aber was ist mit sexuell übertragbaren Infektionen (STI), allen voran HIV? Machen sich Frauen, die Sex mit Frauen haben, darüber Gedanken? Immerhin besagt die Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI), dass Ende 2016 in Deutschland etwa 88.400 Menschen mit HIV lebten, darunter rund 56.100 Männer, die Sex mit Männern haben, etwa 11.200 Heterosexuelle und ungefähr 8.200 Menschen, die Drogen injizieren [1] . Von Frauen, die Sex mit Frauen haben, ist hier keine Rede. Bedeutet das, lesbische Frauen können sich nicht mit HIV anstecken? Oder ist das auch nur ein Vorurteil unter vielen, wenn es um HIV geht?

Wir wollten es genauer wissen und haben mit Harriet Langanke gesprochen. Sie ist Sexualwissenschaftlerin, aktiv im bundesweiten Netzwerk Frauen und HIV/Aids engagiert und Gründerin der gemeinnützigen Stiftung Sexualität und Gesundheit, GSSG.

 

Sind sexuell übertragbare Infektionen – allen voran HIV – für lesbische Frauen ein Thema?

Das ist genau so unterschiedlich wie bei anderen Frauen auch. Es gibt lesbische Frauen, die sich viele Gedanken über STI machen, andere, die sich gar keine machen – und alles dazwischen. Das finde ich auch durchaus nachvollziehbar. Denn über das Risiko, sich mit einer STI anzustecken, entscheidet ja primär nicht die sexuelle Orientierung, sondern viel eher das jeweilige Verhalten. Für lesbische Frauen, die sich in queeren Zusammenhängen bewegen, also beispielsweise viele schwule Freunde haben, ist HIV als Thema deutlich präsenter als andere STI.

 

Warum sollte Safer Sex für lesbische Frauen eine Rolle spielen? Oder anders gefragt: Welche Übertragungswege, speziell für HIV, gibt es beim Sex unter Frauen und welche Verhütungsmöglichkeiten gibt es?

Selbst wenn alle Hygiene-Regeln beachtet werden und beispielsweise Spielzeuge immer gereinigt werden, bevor sie die Körperöffnungen wechseln: 100 Prozent Sicherheit gibt es nicht. Auch beim Sex unter Frauen können Bakterien, Viren und andere Krankheitserreger übertragen werden. Jedenfalls dann, wenn die Erreger bei einer der Beteiligten vorhanden sind und es zu Schleimhautkontakten und zum Austausch von Körperflüssigkeiten oder Hautpartikeln kommt. Auch wenn es natürlich lesbische Frauen mit HIV gibt: Das Übertragungsrisiko für dieses Virus ist beim Sex zwischen Frauen sehr gering[2]. Ganz besonders, wenn die Frau mit HIV in einer erfolgreichen Therapie ist und damit keine nachweisbaren HI-Viren im Blut hat – dann ist eine Ansteckung so gut wie ausgeschlossen. Da auch andere sexuell übertragbare Infektionen behandelbar oder sogar heilbar geworden sind, ist das früher manchmal analog zum Männer-Kondom als Schutz vor HIV eingesetzte Dental Dam – eine Folie, die den Genitalbereich bedeckt – heute selten geworden.


Männer, die Sex mit Männern haben, sind statistisch häufiger mit Syphilis und Tripper infiziert als die übrige Bevölkerung[3],[4]. Bei Frauen sind andere Infektionen häufiger: solche mit Bakterien wie Chlamydien oder mit Viren wie denen aus der Familie der Humanen Papillomaviren (HPV)[5]. Die sind zum Glück aber auch gut behandelbar, wenn sie frühzeitig diagnostiziert werden. Chlamydien können bei Schleimhautkontakten, wie sie auch beim Sex unter Frauen vorkommen, übertragen werden. HPV-Infektionen sind bei sexuell aktiven Menschen generell kaum auszuschließen, da die Viren bei intimen Haut-Kontakten als Schmierinfektionen übertragen werden[6]. In jedem Fall ist die schnelle Behandlung wichtig, auch um weitere Infektionen zu verhindern. Übrigens auch immer für die Partnerinnen, damit es keinen Pingpong-Effekt gibt. Vor HPV schützt inzwischen auch eine Impfung, die gegen neun verschiedene Typen aus der HPV-Familie wirkt und Genitalwarzen und auch Gebärmutterhalskrebs vorbeugt. Vor allem Frauen, die auch kondomlosen Sex mit Männern haben, sollten über diese Impfung nachdenken. Zu den STI zählt auch die Hepatitis B, das ist eine durch Viren verursachte Leberentzündung. Das Hepatitis B-Virus ist einhundertmal ansteckender als das HI-Virus, und eine HBV-Infektion bleibt oft unbemerkt. Sie wird durch Körpersekrete wie Blut und Speichel übertragen. Oder auch durch Sperma, das nicht nur zur Selbstinsemination bei Kinderwunsch auch unter lesbischen Frauen vorkommen kann. Das Gute: Auch hier gibt es eine Impfung, die vor einer HBV-Infektion schützt.

 

Menschen mit HIV haben noch immer mit vielen Vorurteilen und Stigmatisierung zu kämpfen. Welchen Vorurteilen begegnen gerade lesbische Frauen, die HIV-positiv sind? (sowohl in der Gesellschaft allgemein, als auch in der Community)

Ein Großteil der Vorurteile, mit denen sich Männer wie Frauen mit HIV konfrontiert sehen, hat etwas mit einer moralischen Bewertung ihres Infektionswegs zu tun. Mit Fragen wie „Woher hast Du das denn?“ oder „Wie konnte das passieren?“ verbindet sich allzu oft der Vorwurf, etwas Falsches oder Verwerfliches getan zu haben. Das gilt für alle Geschlechter. Doch viele Menschen bewerten Sexualität für Frauen anders als für Männer. Denken wir nur an die noch immer vorhandenen unterschiedlichen Zuschreibungen bei der Promiskuität: Ein Mann mit vielen unterschiedlichen Sex-Kontakten wird oft als „potent“ oder „toller Hecht“ bezeichnet, eine entsprechende Frau aber als „lasterhaft“ oder „Flittchen“.

Für lesbische Frauen mit HIV kam in der Vergangenheit oft noch die – manchmal, aber nicht immer zutreffende – Vermutung hinzu, Sex mit einem Mann gehabt zu haben und damit keine „richtige Lesbe“ zu sein. Solche Sprüche sind aber zum Glück selten geworden.

 

Wie kann man diesen Vorurteilen begegnen? Und was muss passieren, um Vorurteilen und Stigmatisierung ein Ende zu setzen?

Wie bei anderen Vorurteilen hilft am besten: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Kein Mensch ist frei von Vorurteilen. Aber wir alle können unser Wissen vergrößern und unsere eigene Haltung kritisch reflektieren. Dabei lohnt es, den Menschen zuzuhören, die aus eigener Betroffenheit sprechen – statt über sie zu reden. Dazu müssen wir allerdings den Teufelskreis aus Stigma, Scham und Schweigen durchbrechen.

 

Weitere Informationen unter: www.nochvielvor.de

 

 


[1] www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2017/13_2017.html

[2] www.aidsmap.com/Female-to-female-sexual-transmission/page/1323529/

[3] www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Gonorrhoe.html

[4] www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2016/Ausgaben/50_16.pdf?__blob=publicationFile

[5] www.frauengesundheitsportal.de/themen/sexuell-uebertragbare-infektionen-sti/mehr-zum-thema/

[6] www.gesundheitsinformation.de/humane-papillomviren-hpv.2109.de.html?part=ursachen-fc

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