L-Mag

Alison Bechdel: „Hart erkämpfte Rechte werden zurückgenommen“

L-MAG hat die Comiczeichnerin und Lesben-Ikone Alison Bechdel bei ihrem ersten Berlin-Besuch getroffen, mit ihr über ihre neue Graphic Novel gesprochen und gefragt: Wie steht es gerade um die Welt?

Alison Bechdel/Reprodukt Cover von Alison Bechdels neuer Graphic Novel „Kaputt“

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 4-2026 (Juli/Aug.)

Von Jeri Soleil

Bekannt wurde die US-Amerikanerin nicht nur durch ihre monatlich erschienene Comicserie „Dykes to Watch Out For“, die zwischen 1983 und 2008 in verschiedenen US-amerikanischen Wochenzeitschriften abgedruckt wurde. Nach der 1960 geborenen Comiczeichnerin wurde auch der legendäre „Bechdel-Test“ benannt, der noch heute fester Bestandteil in der feministischen Filmtheorie ist. Bechdels Comics sind äußerst unterhaltsam, klug, politisch reflektiert und vor allem: voller Lesben!

L-MAG: Dein neuer Comicroman heißt „Spent“ – was im Deutschen mit „Kaputt“ übersetzt wurde, wörtlich übersetzt aber auch „verbraucht“ beziehungsweise „ausgegeben“ heißen könnte. Deine Erzählung ist eine amerikanische Satire über den Kapitalismus und das Erbe der Babyboomer. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Alison Bechdel: Ursprünglich sollte es ein Memoir werden, eine autofiktionale Geschichte, so wie die Comics, in denen es um meine Eltern ging, oder der Comic „Das Geheimnis meiner Superkraft“, bei dem ich mich intensiv mit übermenschlichen Kräften und Fitness beschäftigt habe. Bei „Spent“ wollte ich ein Thema beleuchten – in diesem Fall Geld und Kapitalismus –, in dem ich mein eigenes Leben betrachte und es mit den Gedanken und Theorien anderer Schriftsteller:innen oder Denker:innen verknüpfe. Das war bisher immer meine Art, meine Geschichten zu erzählen. Doch dann stellte ich fest: Oh, für dieses Projekt werde ich Marx lesen und mich mit Wirtschaftswissenschaften auseinandersetzen müssen ... und ehrlicherweise kann ich mir kein langweiligeres Thema vorstellen. Als mir das klar wurde, nahm das Projekt eine Wendung. Mir wurde bewusst, dass ich auch eine fiktive Geschichte über eine Person schreiben könnte, die versucht, eine Autobiografie über den Kapitalismus zu verfassen. Ich dachte, dass das viel mehr Spaß machen und interessanter sein würde – und ich dann außerdem Marx nicht lesen müsste. Also habe ich genau das getan: Ich fing an, mir eine Geschichte auszudenken.

Elena Siebert Alison Bechdel

Ein völlig neuer Ansatz!

Ich liebe Memoiren. Ich liebe es, über mich selbst zu schreiben. Also konnte ich mich selbst als Figur beibehalten und mir tolle Sachen ausdenken. Und eines der ersten Dinge, die ich tat, war, meine alten Figuren aus „Dykes to Watch Out For“ in diese neue Welt zu holen. Das hat etwas in mir ausgelöst, ich fühlte mich voller Ideen und Inspiration für neue Geschichten, die ich erzählen könnte, wenn ich nicht durch Fakten oder die Wahrheit eingeschränkt war. Ich habe das Gefühl, dass ich meine beiden Arbeitsstile miteinander verschmolzen habe: Die Art der fiktionalen Seifenoper des Comics wird mit diesen Elementen aus meinem eigenen realen Leben und meinem Selbst kombiniert.

Deine Comics sind sehr witzig. Was bedeutet Humor für dich?

Ich glaube, mein Sinn für Humor kommt daher, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die ein Bestattungsunternehmen betrieb, wo wir ständig vom Tod umgeben waren. Wir scherzten darüber, um mit der allgegenwärtigen Angst fertig zu werden. Und so ist das wohl einfach zu meiner Art geworden, mit Dingen umzugehen. Ich versuche, nicht über Humor nachzudenken, oder darüber, ob meine Sachen lustig sind oder nicht. Denn ich habe Angst, dass ich sofort aufhöre, lustig zu sein, wenn ich darüber nachdenke.

Alison Bechdel/Reprodukt

Wie hat sich denn dein eigenes Leben und das queere Leben generell in den USA verändert?

Nun, da herrscht so eine seltsame Dissonanz. In gewisser Weise entwickeln sich die erstaunlichen Fortschritte, die wir bisher erreicht haben, weiter. Es gibt etwa queere, nicht binäre und trans Charaktere im Fernsehen. Ich meine, nicht, dass das der wahre Maßstab für politischen Erfolg wäre, aber man sieht überall Beispiele für Akzeptanz. Zugleich finden zunehmend heftige politische Kämpfe statt, bei denen es darum geht, trans Menschen ihre Rechte zu nehmen. Ich glaube, der Oberste Gerichtshof würde auch die Homo-Ehe gerne wieder rückgängig machen und ich habe das Gefühl, dass das als Nächstes auf der Agenda steht. Politisch fühlt es sich also sehr rückläufig an, aber die ganze Kultur ist noch immer da. Ich weiß trotzdem nicht, wohin das alles führt. Lange Zeit dachte ich, es habe sich so viel öffentliche Akzeptanz für LGBTIQ*-Menschen aufgebaut, dass dieser Fortschritt nicht wieder zurückgehen kann. Aber jetzt bin ich nicht mehr so zuversichtlich. Hart erkämpfte Rechte werden zurückgenommen und ich weiß nicht, wie weit das noch gehen wird, bevor diese Leute endlich die Macht verlieren.

Glaubst du, dass wird passieren? Dass sie ihre Macht verlieren?

Ja, das wird passieren. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ich meine, das ist eine völlig wahnsinnige, unhaltbare Bewegung. Die machen den Leuten einfach nur das Leben schwer. Wirklich allen, sogar ihren eigenen Anhänger:innen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Hast du Vorbilder, oder Menschen, die dir Hoffnung geben?

Wann immer ich Verzweiflung oder Verwirrung empfinde, wende ich mich an buddhistische Autor:innen. Dort finde ich die Botschaft der Akzeptanz. Es ist keine passive Akzeptanz, sondern eher das Gegenteil davon. Es geht darum, das Unbehagen zuzulassen, anstatt Dinge zu leugnen, die beunruhigend sind, wie zum Beispiel den Klimawandel. Ja, sich dem Unbehagen zuzuwenden. Die unangenehmen Dinge verstehen. Sich mit ihnen vertraut zu machen und sich nicht abzuschotten. Ich denke, das ist eine wichtige Art zu leben.

Alison Bechdel: Kaputt, Verlag Reprodukt, 272 Seiten, Hardcover, 24 Euro

 

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