L-Mag

Eva von Redecker: „Das Lesbische ist ein herrlicher Freiraum“

Die Philosophin und Autorin Eva von Redecker denkt über Freiheit, Eigentum und gesellschaftlichen Wandel in ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ nach. Im Interview mit L-MAG spricht sie über das Queersein und die Freiheit.

Sophie Brand Eva von Redecker

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 3-2026 (Mrz./ Apr.)

Von Stephanie Kuhnen

Der Philosophie hängt oft der Ruch des Unnahbaren und Unverständlichen an, lebensfern sei sie und nicht verbunden mit der Welt. Das gilt nicht für Eva von Redecker. Die 1982 in Kiel geborene Philosophin und Autorin ist genau die vermittelnde Weltbetrachterin, die wir gerade brauchen, um eine Gesellschaft voller politischer Umbrüche, der näher rückenden Klimakatastrophe, Artensterben und Verteilungskämpfe zu verstehen.

Wie derzeit keine andere Philosophin schafft von Redecker Lust am Denken, aber nicht als formschönes Gedankenspiel, sondern als ins Leben umsetzbare Handlungen. Gerade ist ihr dritter Band „Dieser Drang nach Härte. Überden neuen Faschismus“ erschienen, der an die beiden Vorgänger „Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen“ (2020) und „Bleibefreiheit" (2023) anknüpft.

Zentral sind für die Philosophin die Frage nach sozialem und politischem Wandel im Anthropozän, Freiheit in einer kapitalistisch strukturierten Welt und das Verhältnis zwischen Mensch, Macht und Eigentum. Die Autorin ist selbst gut mit unterschiedlichen Akteur:innen vernetzt und lebt in einer Art Kommune auf dem Land in Brandenburg, inmitten der Natur zwischen Berlin und Hamburg. „Kollektiver Haushalt“ nennt sie diese Lebensform.

L-MAG: Dein Buch „Bleibefreiheit“ beginnt mit der Ankunft der Schwalben im Frühjahr. Sind eure schon angekommen?

Eva von Redecker: Noch nicht. Der Storch ist da. Auch die Kraniche, die zum Teil hier überwintert haben, sind jetzt in Mengen zurück. Es war ein kalter Winter, die Schwalben erwarten wir erst in ungefähr zwei Wochen. Letztes Jahr kamen sie am 18. April.

Direkt auf der ersten Seite, fast schon solitär stehend, schreibst du, dass sogar Lesben in dieser Zeit ihre Katzen hassen würden. Musstest du mit dem Lektorat um diesen Satz kämpfen?

Genau, also die Zeit, wo dann die Küken schlüpfen, die zum Teil von den Katzen gefressen werden. Ich musste nicht direkt kämpfen um den Satz, ich musste eher Beruhigungsarbeit leisten, dass es nicht diskriminierend ist. In Richtung: Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede, manche Klischees gehören auch positiv zu unserer lesbischen Kultur. Es ist ein implizites Outing. In der russischen Übersetzung musste es jedoch umgeschrieben werden in „Katzenliebhaberinnen hassen ihre Katzen“. Ich finde das in dem Fall ok, der kleine Verlag riskiert sehr viel, denn es ist dem ganzen Buch ja zwischen den Zeilen anzusehen, wie queer es ist.

Wir erleben weltweit derzeit so viele Rückschläge und auch Verluste. Erkämpfte Freiheiten und Akzeptanz werden zurückgenommen. Das Außen wird feindseliger und gewalttätiger. Ist Queersein, ist Lesbischsein noch ein Freiraum oder war es das jemals?

Ja! Es ist ein Befreiungsraum. Ich gehöre zu einer Generation, die davon profitiert hat, dass so viele Möglichkeiten schon erkämpft wurden. Und gleichzeitig habe ich dieser „Political Correctness“ nie getraut, nur weil sich die Leute eine Weile zurückgenommen haben. Das bedeutet nicht, dass Queerfeindlichkeit jemals weg war, aber insofern bin ich jetzt auch nicht allzu überrascht über den Backlash. Ich glaube, dass das Lesbische ein herrlicher Freiraum ist, der eine punktuell wunderbar von den Zwängen des Patriarchats löst: allein, dass Intellektualität und Sexyness einander nicht widersprechen, dass Älterwerden die Attraktivität eher erhöht. Es gibt eine Lust bei der Aneignung klassisch männlicher Territorien, was bedeutet, dass man sich zumindest innerlich nicht so durchkämpfen muss zu einer professionellen Rolle. Auch Care-Arbeit wird oft etwas gerechter verteilt.

Das klingt schöner, als es sich derzeit anfühlt.

Ja, das sind die rebellischen Freiräume. Aber Freiraum besteht auch immer noch insofern, dass man als weiße cis Dyke gerade nicht genauso an vorderster Front der faschistischen Dämonisierung steht wie beispielsweise trans oder migrantisierte Menschen of Colour. Und auch hier auf dem Land habe ich das Gefühl, dass das Queere verhandelbarer ist, also der Rassismus tiefer sitzt als die Homophobie.

Du sprichst in deinem neuen Buch von einem neuen Faschismus, der entsprechend auch neue Strategien bedient, um sich umzusetzen. Was bedeutet das für den Antifaschismus?

Der Antifaschismus ist gut beraten, sich zu vergegenwärtigen, dass Faschismus niemals weg war. Es gab nur eine Weile einen größeren antifaschistischen Konsens in West- und auch Ost-Deutschland. Und die deutsche Erinnerungskultur verengt mitunter den Blick auf die Gegenwart. Wir sehen weltweit ein Umschlagen liberaler Demokratien hin zu Autoritarismus überall dort, wo der Neoliberalismus bereits „durchgeritten“ ist. Vor dem Hintergrund des Anthropozäns ist selbst unsere vermeintliche Nachkriegsnormalität an ein todespolitisches Projekt gekoppelt.

Was bedeutet das genau, wer stirbt?

Unsere liberalen und demokratischen Gesellschaften schaffen es gerade nicht umzusteuern, um zukünftiges Leben zu schützen. In einer frappierenden Schnelligkeit wird auch gegenwärtiges Leben entwertet oder sogar zur Vernichtung freigegeben. Dafür scheint mir Faschismus der angemessene Begriff zu sein. Das passiert alles vor dem Hintergrund, dass man glaubt, sowieso keine Zeit mehr zu haben, dass wir sowieso in einer Endzeit angekommen sind. Das ist der ideale Boden für faschistische Entwicklungen.

Aber was ist dann der Ausweg, wenn man den Glauben an eine Zukunft und Hoffnung nicht aufzugeben bereit ist? Auf welche Ressourcen können wir zurückgreifen, die nicht wegnehmbar oder zerstörbar sind?

Ich glaube, Hoffnung besteht darin, dass diese destruktive Herrscherklasse des Faschismus selbst gar nicht glaubt, dass es weitergehen wird. Sie sind besessen von lebensverlängernden Technologien und der Zerstörung als letzte Demonstration eines Besitzanspruches. Alles muss jetzt und sofort einverleibt werden, anstatt zu transformieren und wirklich Neues zu entwickeln. Das muss man nicht mitmachen. Wir können auch sagen: Doch, es wird eine Zukunft geben, auch in einer schwierigen und ökologisch katastrophalen Zeit. Es gibt weiterhin viel Potenzial für Solidarität, denn wo Leben ist, kann sich Leben auch regenerieren. Das kann sich nicht sofort entwickeln, das ist eine Strategie der Beharrlichkeit gegen die destruktive Macht. Aber genau diese destruktive Macht ist selbst auf Wahnvorstellungen aufgebaut: Sie braucht Zerrbilder und Ansprüche, die das tatsächliche Leben gar nicht hergibt. Man kann beispielsweise kein queeres Leben völlig zerstören, es wird neu entstehen, weil es nie wirklich weg ist. Wir haben noch unsere Vorstellungskraft, unsere Körper, unsere Beziehungen. Natürlich ist alles auch schmerzhaft und verlustreich. Aber am Ende kann diese wahnhafte Destruktivität nicht gewinnen, weil wir im Bunde mit der Realität sind.

 

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