L-Mag

Leben im Verborgenen: Trans Frauen in Syrien

Syrien erlebt seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Baschar al-Assad Ende 2024 ungewisse Zeiten. Auch die queere Community konnte seither kaum aufatmen. L-MAG berichtet,wie die Lage speziell für trans Frauen im Land aussieht

Romeo Kermarec

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 2-2026 (Mrz./ Apr.)

Von Jonas Karlow, Übersetzung aus dem Englischen: Sonya Winterberg

Triggerwarnung: Dieser Beitrag enthält Schilderungen von Gewalt

Im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses in Dscharamana, südlich der syrischen Hauptstadt Damaskus, schiebt eine Gestalt vorsichtig einen Vorhang zur Seite, um auf die Straße zu sehen. Ein kurzer Anruf gibt mir die Erlaubnis, zu ihr in die Wohnung zu kommen.

Hinter der Tür zeigt sich Maya (Name von der Redaktion geändert). Die 20 jährige trans Frau ist übel zugerichtet. Tags zuvor hatten zwei Männer sie am Eingang ihres Gebäudes überfallen. „Sie haben mich abgepasst und in die Wohnung gezerrt, während sie mich beschimpften und meinen Kopf auf den Boden drückten“, erzählt sie und zieht dabei an einer Zigarette mit lilafarbenem Filter.

Im Eingangsbereich ihres kleinen Studios zeugen noch einige Haarbüschel von der Gewalt des Angriffs. Ihre linke Gesichtshälfte ist von blauen Flecken gezeichnet, die sie gekonnt mit Make up verdeckt. „Ich träume davon, meine Heimat zu verlassen und Visagistin zu werden“, sagt sie mit einem schüchternen Lächeln, das von sichtlichen Schmerzen im Nacken unterbrochen wird.

Gefängnisstrafen unter al-Assad

Auch zu Zeiten des blutigen al Assad-Regimes, das am 8. Dezember 2024 überraschend fiel, wurden trans Menschen kriminalisiert. „Die Gesetze, die sich gegen die queere Gemeinschaft richten, sind seit der französischen Mandatszeit (1923 bis 1946, Anmerkung der Redaktion) unverändert. Ein Gesetz verbietet Männern beispielsweise das Tragen von Frauenkleidung und sieht dafür sechs bis neun Monate Haft vor“, erklärt François Zankih, Direktor der Guardians of Equality Movement (GEM), der ersten Organisation, die LGBTIQ* in Syrien unterstützt.

Maya hat diese Strafe bereits einmal abgesessen. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag wurde sie inhaftiert. Damals kam sie gerade aus dem Libanon zurück – wo sie sich vier Jahre in der Gewalt brutaler Zuhälter befunden hatte, nachdem sie von Zuhause weggelaufen war.

„Ich verbrachte mehrere Monate im Gefängnis, als ich nach Syrien zurückkam, darunter auch in einer Einrichtung ausschließlich für trans Frauen, in der ich nicht einmal die Beine ausstrecken konnte“, erzählt die junge Frau mit regungslosem Blick.

Auch nach dem Sturz des Regimes: Alltag hinter verschlossenen Türen

Nach der Entlassung aus den höllischen Assad Gefängnissen erwartet syrische trans Frauen eine andere Form der Strafe – in aller Öffentlichkeit. Auch wenn es ihnen heute besser gehen mag als vor dem Sturz des Diktators, müssen sie sich unsichtbar machen. In der konservativen syrischen Gesellschaft sind die Blicke auf der Straße gnadenlos; in den Ausweispapieren von trans Frauen steht gar der Vermerk „Gender Identity Dysphoria“.

Maya hat in ihrem Wohnort Dscharamana, einer Stadt im Süden des Landes, nur eine Handvoll Freund:innen, die meisten aus der LGBTIQ* Community. Der Rest ihrer sozialen Kontakte findet über Soziale Medien statt.

Für viele Syrer:innen bedeutete Baschar al Assads Flucht nach Russland ein zurückgewonnenes Gefühl von Freiheit nach einem halben Jahrhundert Diktatur. Doch Maya gab sich keiner Illusion über ihr eigenes Schicksal hin. „Ich wusste, dass für trans Frauen wie mich alles schlimmer werden würde als zuvor. Ich rechnete damit, getötet zu werden.“

Romeo Kermarec Damaskus Ende 2025

Auf der Polizeiwache schneiden sie Maya die Haare ab

Im vergangenen Sommer, als sie von einer Geburtstagsfeier mit vier trans Freundinnen zurückkehrte, wurde ihr Taxi an einem Kontrollpunkt der Regierungstruppen angehalten. „Der Soldat begann, mit uns zu flirten. Als wir ihm sagten, dass wir trans sind, änderte sich seine Haltung schlagartig. Er beschimpfte uns und brachte uns in das nächstgelegene Büro eines Religionsführers“, erzählt Maya. „Ich werde nachsichtig mit euch sein, aber ein anderer wäre es vielleicht nicht“, sagte dieser zu ihnen – ein Satz, der eher wie eine Drohung klang als nach Mitgefühl.

Nächste Station: die Polizeiwache. Dort wurden sie einen ganzen Tag lang festgehalten. Ihr langes Haar wurde mit einem Messer abgeschnitten und anschließend mussten sie eine Erklärung unterschreiben, in der sie sich verpflichteten, keine Frauen mehr zu „imitieren“. Seither trägt Maya aus Scham ständig eine Perücke.

Jahre des Bürgerkriegs haben die Gesellschaft radikalisiert

Seit der Machtübernahme islamistischer Rebellengruppen in 2025 hat die Organisation GEM vermehrt Angriffe auf trans Frauen dokumentiert. Nur wenige wagen es, über die erlebte Gewalt zu sprechen.

„Wir haben Angriffe sowohl durch Kräfte, die mit der neuen Regierung verbunden sind, als auch durch bewaffnete drusische Gruppen registriert“, klagt François Zankih. „Sie bekämpfen zwar einander, aber Einigkeit besteht darin, die queere Community ins Visier zu nehmen.“

Im Laufe des Jahres 2025 verzeichnete die Organisation einen massiven Anstieg der Hilfsgesuche. „Die vierzehn Jahre Bürgerkrieg seit 2011 haben die Gesellschaft radikalisiert, und viele haben heute weitaus religiösere Ansichten“, erklärt Zankih.

Als Reaktion darauf versucht GEM, ihre Sichtbarkeit innerhalb der Communitys zu verstärken, um ihre Unterstützungsangebote bekannter zu machen.

Kein Zugang zum Arbeitsmarkt für trans Frauen

Eine der größten Herausforderungen für trans Frauen in Syrien ist, dass es so gut wie unmöglich ist, eine Arbeit aufzunehmen. Die Angst, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, führt zwangsläufig in die Isolation.

Maya verlässt ihre Wohnung in Dscharamana nur mit einem Hijab, um nicht aufzufallen – und auch nur, um im Laden an der Ecke das Nötigste zu kaufen. Auf ihre Familie kann sie nicht zählen: Ihr Vater hat sie verstoßen und Anzeige gegen sie erstattet.

Die einzige Möglichkeit, nicht obdachlos zu werden, ist Sexarbeit. Als Reaktion auf solche Notlagen hat GEM ein Trainingsprogramm entwickelt, das Zugang zu Arbeit im Homeoffice ermöglichen soll.

Romeo Kermarec

Viele versuchen zu fliehen

„Wir vergeben Stipendien, damit die Frauen einen Computer und eine Büroausstattung kaufen können. Das Programm dauert ein Jahr und soll ihrer Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt entgegenwirken“, berichtet François Zankih.

Trotz dieser Unterstützung haben die meisten trans Frauen nur einen Traum: Syrien zu verlassen. Seit dem Sturz des Assad Regimes haben rund 400 Kontakt zu Helem aufgenommen, einer Organisation, die sich im Nachbarland Libanon für die Rechte der LGBTIQ*-Community einsetzt. Sie ist die erste Anlaufstelle für queere Geflüchtete aus Syrien.

Grace spielt eine Person, die sie nicht ist

Doch die Reise ist ein gefährliches Unterfangen, das auch bedeutet, das eigene Leben in die Hände von Schmuggler:innen zu legen. Im Dezember 2024 verschwanden vier trans Frauen auf dem Weg in den Libanon – eine Geschichte, die eine weitere trans Frau tief geprägt hat und sie bis heute in Angst versetzt. Wir nennen sie Grace.

Die gerade achtzehn Jahre alte Frau kann sich nicht vorstellen, dieses Risiko einzugehen. Grace ist in einen großen weißen Mantel gehüllt, der im Gegensatz zu ihrer zerbrechlichen Erscheinung steht. Ihr Leid wird schon nach wenigen Sekunden spürbar. „Ich verbringe mein Leben damit, hetero zu spielen. Ich hasse mein Aussehen. Es macht mich völlig fertig“, vertraut sie mir leise in einem Café in der Altstadt an.

Grace wurde in eine religiöse Familie hineingeboren. Ihr Vater starb, als sie noch jung war. Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen, die die wahre Identität ihres Kindes lieber ignoriert. Auch zu Hause hat sich die junge Frau daran gewöhnt, in die Rolle einer Person zu schlüpfen, die sie nicht ist.

Konversionstherapien sind in Syrien weit verbreitet

Doch als ihre Mutter intime Nachrichten entdeckt, die sie mit einem Jungen ausgetauscht hat, zerbricht das Bild der Mutter von ihrem Kind. Die Strafe folgt prompt. „Nachdem sie diese Nachrichten gefunden hatte, gingen wir zu meinem Onkel, und er hat mich verprügelt“, erzählt Grace und zeigt Fotos ihres blauen, geschwollenen Auges.

„Dann brachte sie mich zu einem Psychologen für eine Konversionstherapie. Er versuchte, mir Schuldgefühle einzureden und meine sexuelle Identität zu ändern. Ich bin nie wieder hingegangen.“

Konversionstherapie ist in Syrien weit verbreitet und die Traumata, die diese Praktiken verursachen, gehen mitunter weit über psychische Gewalt hinaus. „Wir haben zahlreiche Berichte von Betroffenen, die von Folter berichten, darunter der Einsatz von Stromstößen durch die Psycholog:innen selbst“, sagt François Zankih.

Träumen von einem besseren Leben

Wie viele trans Frauen findet auch Grace online Trost bei ihren Freund:innen. Sie hatte eine Instagram-Seite, auf der sie sich frei ausdrücken konnte – doch ihre Klassenkamerad:innen entdeckten sie schnell. „Nach der Schule wartete ein junger Kerl auf mich und stach mir ins Handgelenk. Danach redeten die Lehrer nicht mehr mit mir“, erzählt Grace mit gesenktem Blick.

Es fällt ihr schwer, sich eine Zukunft vorzustellen – gefangen zwischen einer Familie, die sie ablehnt, einer gewaltvollen Schulumgebung und einer Gesellschaft, die sie ausschließt. Sie flüchtet sich in ihre Träume, und davon hat sie viele. „Ich möchte ins Ausland gehen, meine Transition machen, Apothekerin werden, aber vor allem meine eigene Band gründen. Wenn ich Gitarre spiele, bin ich glücklich und vergesse alles“, sagt sie und lächelt zum ersten Mal während des Gesprächs.

Für einen Moment scheint die Gewalt der Realität zu verblassen. Im Raum ihrer Fantasie stellt sie sich anderswo vor, anders gesehen, frei in ihrem Körper und ihrem Selbstbild.

Den Namen Grace hat sie nicht zufällig gewählt. Sie hat ihn sich von Grace Zakk geliehen, einem syrischen Model – der Verkörperung eines Ideals, das ihr hier verwehrt bleibt. Ein Name als Zufluchtsort, ein stilles Versprechen.

In einem Land, das versucht, sie auszulöschen, erschafft sich Grace eine andere Existenz – zerbrechlich und nach innen gekehrt –, in der sie für einen Augenblick atmen und sie selbst sein kann.

 

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