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„Lesbian Joy“: Zusammenhalt, Selbstliebe und geteilte Momente der Freude

Die Begriffe „Lesbian Joy“ oder „Queer Joy“ begegnen uns immer häufiger in den Sozialen Medien. Was steckt dahinter?

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Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 6-2025 (Mrz./ Apr.)

Von Selina Hellfritsch

Queere Rechte sind durch den weltweiten Rechtsruck so gefährdet wie lange nicht mehr. Hass und Gewalt gegen LGBTIQ* nehmen zu. Doch trotz – oder gerade wegen – der vielen negativen Nachrichten betont die Community immer wieder, wie wichtig „Lesbian Joy“ oder „Queer Joy“ sei. Was steckt hinter diesen Begriffen?

Sich selbst zu feiern, ist politisch

„Unsere Freude zu fühlen und andere zu berühren, lässt uns von einer Welt träumen, in der wir alle erfüllt sein können mit ,Joy‘. Eine andere Welt und ein liebevoller Umgang miteinander sind verdammt nochmal möglich. Fangen wir hier, unter uns Dykes, an.“

Mit diesen Worten eröffnete Mads vom Orga-Team des Dyke* March Köln 2023 die Demo für lesbische Sichtbarkeit. Tausende Lesben, FLINTA*-Personen und Unterstützer: innen kamen und zogen gemeinsam durch die Kölner Innenstadt – unter dem Motto: „Dyke* Joy: Uns selbst und einander zu feiern, ist politisch!“

Audre Lordes „geteilte Freude“

Der Text von Mads Rede war angelehnt an Audre Lordes Essay „Die Macht der Erotik“. Darin beschrieb die lesbische Schriftstellerin und Aktivistin bereits 1978 die Kraft, die entstehen kann, wenn man eine Leidenschaft mit einer anderen Person teilt.

Lorde stellte fest: „Die geteilte Freude – ob körperlich, emotional, psychisch oder intellektuell – bildet eine Brücke zwischen den Teilenden, die Grundlage für das Verständnis von vielem sein kann, was sie nicht miteinander teilen, und die Bedrohung durch ihre Unterschiede verringert.“

Einfach und zugleich radikal

„Lesbian Joy“ oder auch „Queer Joy“ – auf Deutsch übersetzt „lesbische oder queere (Lebens-)Freude“ – sind für lesbische und LGBTIQ*-Bewegungen wichtige Schlagwörter geworden. Die Ausdrücke beschreiben die simple und zugleich radikale Idee, in einer Welt, die nicht für einen geschaffen ist, Freude zu empfinden, sie zu zeigen und auszuleben.

Besonders wenn die heteronormative Gesellschaft das eigene Begehren oder die eigene Geschlechtsidentität als „Abweichung von der Norm“ deklariert und versucht, sie unsichtbar zu machen, ist es ein Akt des Widerstands, lesbische und queere Lebensweisen offen zu feiern.

Ocean Vuong: „Queer zu sein hat mir das Leben gerettet“

„Queer zu sein hat mir das Leben gerettet. Oft sehen wir Queerness als Entbehrung. Aber wenn ich auf mein Leben schaue, sehe ich, dass Queerness von mir eine alternative Art der Innovation gefordert hat. Es hat mich neugierig gemacht. Es hat mich dazu gebracht zu fragen: ‚Reicht mir das?‘“, sagte der Schriftsteller und Dichter Ocean Vuong 2021 in einem Podcast.

Vuong wird international für sein literarisches Können gefeiert und veröffentlichte dieses Jahr seinen zweiten Roman. In dem Podcast scherzte er darüber, dass, wenn er nicht queer sei, er wahrscheinlich eine Frau und sieben Kinder hätte und sich in einem Casino in Vietnam mit Bier betrinken würde, weil ihn das heteronormative Leben so unglücklich machen würde.

Vuongs Zitat bekommt ein Eigenleben

Mit der Aussage, dass ihm Queerness das Leben gerettet habe, sprach Vuong vielen aus dem Herzen. Das Zitat aus dem Podcast entwickelte ein Eigenleben und wurde von zahlreichen Menschen auf Sozialen Medien geteilt und millionenfach gelikt. User:innen erstellten Videos mit Filmszenen oder privaten Videoaufnahmen.

Zu sehen sind in diesen Beiträgen LGBTIQ*-Ikonen, queerfeministische Kunst und Performances, Pride-Demonstrationen, aber auch lesbische Pärchen, Menschen mit ihrer Wahlfamilie oder mit ihren queeren Freund:innen im Alltag.

„Thank God I’m a Lesbian!“

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Ausspruch „Thank God I’m a Lesbian“, der sich heute ebenfalls in vielen Posts auf Sozialen Medien finden lässt – eine augenzwinkernde Hommage von Lesben an ein Leben außerhalb der Heteronorm, das queere Existenz in all ihrer Diversität feiert.

Die Posts zeigen: Bei queeren und feministischen Kämpfen geht es nicht nur um gesellschaftliche Veränderung, sondern auch darum, Emotionen und Momente der Freude miteinander zu teilen.

Dyke* Marches für lesbische Lebensfreude

Lesben wissen das schon lange: So lautete das Motto des Berliner Dyke* Marches für viele Jahre „Für mehr lesbische Sichtbarkeit und Lebensfreude“. In einem Interview mit der taz erklärte Manuela Kay, L-MAG-Verlegerin und Gründerin und Initiatorin des Berliner Dyke* Marches, dass politische Aktionen Spaß machen dürften und auch Feiern eine Aktionsform sei.

Der Ausdruck „lesbische Lebensfreude“ rückte in den 1980ern und 1990ern in den Fokus, um ein neues Selbstbewusstsein der Bewegung auszudrücken. Da lesbische Liebe und Begehren in der Geschichte immer wieder unsichtbar gemacht oder nicht ernst genommen wurden, schlossen sich Lesben zusammen, um dem entgegenzuwirken – vor allem mit den Dyke* Marches.

Zusammenhalt, Liebe und Freund:innenschaft

Die erste Demonstration unter diesem Namen wurde 1993 in Washington von den „Lesbian Avengers“ organisiert. Nach fünf Jahren löste sich die Gruppe zwar auf, aber sie legten den Grundstein für viele weitere Dyke* Marches – wie den Berliner Dyke* March, mitbegründet von L-MAG im Jahr 2013 – und für eine Gemeinschaft, die „Lesbian Joy“ zelebriert.

Denn während die meisten Diskussionen über Queerness sich um Schmerz, Marginalisierung und den Kampf dagegen drehen, lenken „Lesbian Joy“ und „Queer Joy“ den Blick auf den Zusammenhalt in der Community und in der Wahlfamilie, auf Liebe und Freund:innenschaft.

Schließlich ist geteilte Freude nicht nur das, was uns kämpfen lässt, sondern auch das, wofür wir kämpfen.

 

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