Scharfe Scheren - was ist dran am „Scissoring“?
Lesbenklassiker – oder doch nur Klischee der Pornoindustrie? Um „Scissoring“, die Scherenstellung, kursieren viele Mythen. L-MAG hat lesbische und queere Personen gefragt, was sie von der Sexpraktik halten und wie sie sich anfühlt.
Pexels/Yankrukov Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 5-2026 (Sep./Okt.)
Von Annabelle Georgen
Zwei leicht geöffnete Scheren, die ineinander verschränkt sind. Als Ohrringe getragen, auf den Arm tätowiert, auf T-Shirts gedruckt. In vielen lesbischen und queeren Subkulturen symbolisiert die Schere das Spektrum sapphischer Sexualität. Sie ist zu einem Code geworden, mit dem man seine Zugehörigkeit zur Community zeigen kann, ähnlich wie der Karabiner oder die Doppelaxt.
Die Sexstellung, auf die dieses Symbol verweist, wird „Scissoring“ oder Scherenstellung genannt. Ein anderer, wenn auch heute weniger gängiger Begriff ist Tribadie, was vermutlich vom lateinischen Verb terere für „reiben“ abgeleitet ist. Die Praktik besteht darin, die Beine mit denen der Partner:in so zu verschränken, dass beide ihre Vulven (oder allgemeiner: ihren Intimbereich) aneinander reiben können.
Zwischen Kamasutra und Fitnessübung
In ihrem „Kamasutra queer“ beschreiben dies die französischen Autor:innen Lou Dvina und Leontin Lacombe wie folgt: „Ob liegend, auf der Seite oder aufrecht – die beiden Körper finden zueinander und kommen in einer Hin- und Her-Bewegung innig in Kontakt. Es ist eine Stellung, die sowohl körperliches Vergnügen als auch Erregung durch die Vorstellung bereiten kann, die beiden Vulven einander näherzubringen und sich küssen zu lassen.“
Was wie ein sinnlicher Fick klingt, kann sich mitunter auch wie eine unangenehme bis schmerzhafte Fitnessübung anfühlen. Vor allem dann, wenn der Anspruch ist, schnell den perfekten Winkel für beide Partner:innen zu finden – und man an diesem Ziel (erstmal) scheitert.
L-MAG hat mit verschiedenen lesbischen und queeren Personen gesprochen und sie gebeten, ihre Erfahrungen mit „Scissoring“ mit uns zu teilen. Das Ergebnis: Manche genießen die Praktik sehr, andere stehen ihr skeptisch gegenüber – oder finden sie zumindest herausfordernd.
„Wie Liegestütze, nur umgekehrt“
„Man muss schon eine gewisse Beweglichkeit mitbringen“, erklärt zum Beispiel Tina gegenüber LMAG (Anmerkung der Redaktion: Die Vornamen der Interviewten wurden auf deren Wunsch geändert). „Sonst kann es ziemlich katastrophal werden und endet meistens in einem Lachanfall.“
Stef sagt, dass sie die Scherenstellung zwar liebt, sie aber zugleich als unbequem empfindet. „Beide müssen gut beweglich sein, beide müssen auch genau wissen, wo die Punkte sind. Es ist aber schon krampfig, das ist keine rückenfreundliche Stellung. Ich habe oft Schmerzen in den Handgelenken, da man sich auf die Hände stützt.“
Es sei wie „Liegestütze, nur umgekehrt“, fügt Stef hinzu und lacht. „Nach einer Weile tun mir die Hände und der Rücken übrigens so weh, dass ich mich einfach fallen lasse, obwohl ich in dem Moment total aufgeregt bin.“
Unbequeme Verrenkungen?
Katia hat die Scherenstellung kürzlich zum ersten Mal mit ihrer Freundin ausprobiert und bestätigt: „Das ist gar nicht bequem. Nach mehreren Versuchen haben wir es geschafft und es war eigentlich ganz nett. Aber das ist definitiv keine Stellung, die man regelmäßig praktizieren sollte.“
Jay empfindet die Scherenstellung ebenfalls als unpraktisch, da man in dieser Position „die Lieblingsstelle der anderen Person nicht genau stimulieren“ könne. Gaëlle hat „Scissoring“ seit etwa zwanzig Jahren nicht mehr praktiziert und habe dies früher nur getan, um „der anderen Person eine Freude“ zu machen. „Diese Stellung nervt mich, ich habe keinen Spaß daran und mag diese Verrenkungen nicht.“ Laurie sieht das genauso: „Das hat mich nie gereizt, ich fand es immer super langweilig und außerdem sind meine Knie kaputt.“
Pexels/Olha Rushykh Bei jenen hingegen, die diese Stellung wirklich mögen – und die gibt es! –, spielt vor allem die emotionale und körperliche Nähe zur Partner:in eine Rolle. „Wenn es richtig gemacht wird, ist das eine absolut intime Erfahrung“, sagt Stella. Katia mag die starke Verbindung, die die beiden Körper eingehen können: „Es ist mal was anderes, den Körper des oder der Anderen ganz zu sehen.“ Und Stef findet, „Scissoring“ könne immer dann „extrem gut sein, total anregend, wenn beide sich gut platzieren können und gelenkig sind“.
Für Tina ist die Scherenstellung eine Möglichkeit, das Liebesspiel zu intensivieren: „Es ist kein Ziel an sich, bis zum Orgasmus zu kommen. Der Aufbau der Erregung kann darüber erfolgen, oft ist es ein Mittel, um zu anderen Dingen und noch mehr Erregung zu gelangen.“
„Das Einzige, was Heteros über Lesbensex wissen“
Abgesehen von den rein praktischen Aspekten stehen manche Lesben „Scissoring“ auch deshalb skeptisch gegenüber, weil diese Praktik von der Pornoindustrie aufgegriffen wurde. In Mainstreampornos, die vor allem von und für heterosexuelle Männer produziert werden, zeigen die als lesbisch bezeichneten Sexszenen oft zwei Frauen in dieser Stellung, inszeniert in teils unrealistischen Posen, die darauf abzielen, den „Male Gaze“ zu befriedigen.
Der Eindruck entsteht, dass „Scissoring“ – neben Penetration mit Dildos oder Oralsex – die einzigen existierenden lesbischen Sexualpraktiken wären. Eine falsche Darstellungsweise, die so manche Lesbe davon abbringen kann, selbst Lust auf die Scherenstellung zu entwickeln.
„Ich habe den Eindruck, dass es unter Lesben eine Ablehnung davon gibt, weil es das Einzige ist, was Heteros über Lesbensex wissen“, sagt zum Beispiel Jenny gegenüber L-MAG.
Auf dem australischen Newsportal Refinery 29 geht die Autorin Sophie Saint Thomas ein Stück weiter in der Analyse und schreibt: „Es herrscht der Mythos, dass Lesben nur auf diese Weise Sex haben.“ In gewisser Weise sei die Scherenstellung so etwas wie die „queere-weibliche Version der 69er- Stellung der Heteros. Ja, es wird praktiziert; manche lieben es, manche hassen es, aber es ist nicht die ultimative Stellung. Mit anderen Worten: Es ist nicht die lesbische Version des Missionarssex.“
Die Überbewertung von „Scissoring“ durch die hetero Mainstreamgesellschaft kann der Praktik ihren Reiz nehmen. „Weil es ein Klischee ist“, wie Jenny betont. Und bei vielen als unecht verschrieen sei. „Dabei sollten wir uns unsere Kultur und unser Begehren wieder aneignen und das Recht haben, die Scherenstellung auszuprobieren, sie zu lieben und darüber zu sprechen.“ Und der Praktik damit den richtigen Platz in unserem sexuellen Erleben zu geben: als eine Option unter vielen anderen.
Mit Geduld, Zeit und Spaß
Auf einer praktischen Ebene ist es wichtig, wenn man „Scissoring“ ausprobieren möchte, sich gegenseitig genug Zeit einzuräumen, um eine bequeme Stellung zu finden. Eine, die es ermöglicht, dass beide Intimbereiche sich an der richtigen Stelle treffen und bei der man auch ein bisschen beweglich bleiben kann.
Es gibt nicht die eine Scherenstellung, sondern viele verschiedene, die sehr unterschiedlich aussehen, gestaltet und erlebt werden können. Das US-amerikanische, queere Magazin them hat einen kleinen Guide veröffentlicht und einige Varianten vorgestellt: „Für manche funktioniert es am besten, wenn eine Partner:in auf dem Rücken liegt, die Beine angewinkelt und gespreizt, während die andere Person seitlich sitzt. Andere sagen, es fühle sich am besten an, wenn man nebeneinander liegt, die Beine an den Knien angewinkelt, und sich aneinander reibt.
Man kann auch versuchen, sich im Sitzen bequem gegenüberzusitzen oder sogar Fuß an Fuß zu liegen und sich nach unten zu bewegen, bis sich die Genitalien berühren. Zwei weitere Tipps von L-MAG hierzu: viel Gleitgel und optional auch Sextoys wie Vibratoren benutzen, die die Stimulation bei beiden Partner:innen intensivieren können.
Und wie immer gilt die goldene Regel: Weitermachen nur solange es Spaß macht!

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