L-Mag

Wie geht inklusive Gynäkologie?

Queerfreundliche und inklusive Gynäkolog:innen sind noch immer selten. L-MAG sprach mit der Berliner Medizinerin Helen Sange über ihr Praxiskonzept und darüber, was sich ändern muss.

Helen Sobiralski „Die Menschen müssen durch die Kunst hindurch, um in die Praxis kommen“: Eingangsbereich der Berliner Praxis „Obenrum Untenrum“

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 4-2026 (Juli/Aug.)

Von Nina Süßmilch

2023 eröffnete Helen Sange in Berlin-Charlottenburg ihre Privatpraxis „Obenrum Untenrum“. Das Besondere daran ist das queerfreundliche und inklusive Konzept, das sich bis auf die Praxisräume erstreckt. Wer in die Praxis kommt, muss zuerst durch einen Galerieraum gehen, in dem Kunstobjekte zum Thema Medizin ausgestellt werden. Die Mitarbeiter:innen sprechen Deutsch und Englisch. Ausschließend ist lediglich die Tatsache, dass Besuche in der Privatpraxis nicht von der Krankenkasse gedeckt werden und aus eigener Tasche bezahlt werden müssen.

L-MAG: Wie bist du auf die Idee gekommen, den Eingangsbereich zur Praxis mit Kunst zu gestalten und als Galerie zu nutzen?

Helen Sange: Ich glaube, in mir wohnt eine Künstlerin. Nach dem Medizinstudium hatte ich mich auch an der UdK und an der Hochschule Weißensee beworben, weil es schon immer ein großes Thema für mich war. Und für die Praxis hatte ich Räumlichkeiten direkt an einer Straße gesucht, denn ich wollte in einer ebenerdigen Ladensituation sein. Jetzt habe ich zwei Schaufensterfronten. Eins ist ein Behandlungszimmer, bei dem das Fenster zugeklebt ist. Und dann hatte ich diese Eingebung, den zweiten Raum wie eine Art Begegnungsstätte zu gestalten, wie ein soziales Projekt. Ich habe viele Freund:innen, die Künstler:innen sind und ich weiß wie schwierig es ist, in Berlin Räumlichkeiten für Kunst zu finden. Ateliers sind sehr teuer geworden, öffentliche Räume wie das Tacheles weichen der Gentrifizierung. Hier in Charlottenburg bin ich außerdem im Galerieviertel, und so wollte ich einen Raum schaffen, wo Kunst gesehen wird und wo nicht elitär darüber entschieden wird, was Kunst eigentlich ist. Die Künstler:innen können kostenfrei ausstellen, die Erlöse gehen ausschließlich an sie und ich habe den Vorteil, dass ich alle sechs Wochen neue Kunst an den Wänden habe.

Du hast dich zwischen der Kunst und der Medizin für die Gynäkologie entschieden. Was hat dich zu deinem Beruf gerufen? Was magst du am liebsten daran?

Meine Mutter ist Krankenschwester und sie praktiziert den Beruf so, wie er sein sollte: Neben dem Heilen oder Symptome Lindern schaut sie auf echten zwischenmenschlichen Kontakt. Das ist, was mich zutiefst beeindruckt hat, und das ist auch das, was ich – hands down – am meisten mag an meinem Job. Dieser zwischenmenschliche Austausch, die gute Kommunikation. Ich mag aber auch, Detektiv zu spielen, die Diagnostik, eins uns eins zusammenzählen und ein Ergebnis zu finden. Ich kann mich außerdem gut in Menschen hineinversetzen.

Das sollte ja eigentlich eine Grundvoraussetzung sein.

Natürlich, aber das trifft leider nicht auf alle Kolleg:innen zu. Es sitzt immer eine neue Person vor mir und ich lasse mich auf sie ein. Es ist nie eintönig, auch aufgrund der menschlichen Vielfalt, die mich besucht.

Wir wissen aus Studien, dass lesbische und queere Personen Vorsorgeuntersuchungen seltener in Anspruch nehmen, einerseits aus Unwissenheit, aber auch aus Scham oder Angst davor, sich outen zu müssen. Was denkst du, wie könnten Vorsorgeuntersuchungen generell LGBTIQ*-freundlicher gestaltet werden, sodass diese Versorgungslücken geschlossen werden?

Ich finde, das beginnt schon bei der Namensgebung: Frauenarztpraxis. Das stimmt einfach nicht immer. Auch wenn Gynäkologie übersetzt „Frauenheilkunde“ heißt, ist es zumindest nicht so in den Köpfen verwurzelt. Ich habe auf meine Tür noch „inklusiv“ geschrieben, obwohl das da nicht extra stehen müsste. Denn theoretisch sind alle Ärzt:innen inklusiv, politisch neutral, und wir sollten für alle da sein. Aber praktisch stimmt das einfach nicht. Man sollte auch die Praxis so neutral wie möglich halten und kommunizieren: Alle Menschen können zu uns kommen, die ein gynäkologisches Organ haben. Es fängt alles in der Praxis an, die Gestaltung, die Offenheit nach außen und im Kopf. Das sehe ich als Grundbaustein. Ich möchte, dass sich alle in meinem Warteraum wohlfühlen und keine Person sich wundert, was die andere da will. Dazu gehört aber auch viel Aufklärung. Wir fragen zum Beispiel immer die Pronomen ab und wie die Patient:innen angesprochen werden wollen.

Privat Helen Sange eröffnete 2023 ihre Privatpraxis in Berlin-Charlottenburg

In der Ausbildung spielt diese Offenheit wahrscheinlich keine Rolle, oder?

Ich weiß nicht, wie es jetzt aussieht. Ich bin 43. Aber als ich die sexualmedizinische Weiterbildung gemacht und trans* Personen begleitet habe, war ich entsetzt zu hören, welche Erfahrungen sie in Berliner gynäkologischen Praxen gemacht haben. Aber so kam die Idee auf, dass unsere Praxis proaktiv sein muss. Die Patient:innen sehen in uns, dass wir echt und offen sind und trauen sich dann auch eher, sich zu öffnen. Damit ist der erste Grundstein gelegt.

Wenn du auf andere Mediziner:innen triffst, sprecht ihr über das Thema Inklusivität und Queerfreundlichkeit? Also fragst du zum Beispiel danach, wie sie die Patient:innen ansprechen oder wie sie den Anamnesebogen gestalten?

Jein. Meiner Erfahrung nach ist es am besten, wenn man nicht so belehrend und konfrontativ ist. Viele Kolleg:innen denken sogar, dass sie inklusiv sind. Sie denken, es reicht, wenn man nett und freundlich ist. Ich glaube, es ist besser, mit positivem Beispiel voranzugehen. Ich mache ja auch ganz viel Aufklärung auf Instagram und versuche so, viele Menschen zu erreichen und dafür zu sensibilisieren.

Was siehst du an strukturellen Hindernissen für den Kinderwunsch bei queeren, trans und lesbischen Paaren? Oftmals gibt es kaum Raum für trans Menschen bei diesem Thema. Was müsste auch da in der Versorgung verändert werden?

Es fängt wieder in der Praxis an. Unser heteronormatives, binäres Denken führt dazu, dass man zum Beispiel davon ausgeht, das eine nicht binäre oder eine trans Person wahrscheinlich eher keine Kinder möchte. Und so wird das Thema gar nicht erst angesprochen. Studien belegen das auch, dass trans Personen sehr wenig vorab aufgeklärt werden. Das nächste Problem ist: Wie komme ich zum Kind? Nach der deutschen Gesetzeslage wird künstliche Befruchtung bei einem verheirateten heterosexuellen Paar unter 40 für sie, und 50 für ihn mitfinanziert. Samenspenden sind erlaubt, Eizellspenden nicht. Aber die Samenspende darf nur die Partnerperson leisten, sonst zahlt die Kasse auch bei hetero Paaren nicht. In der gynäkologischen Vorsorge geht es dann weiter. Auch der Name „Mutterpass“ ist nicht passend, finde ich, denn nicht jede Person, die ein Kind austrägt, fühlt sich auch als Mutter. Wir nennen das „Schwangerenpass“. Menschen, die trans und schwanger sind, werden oft wie das achte Weltwunder betrachtet und am besten werden dann zur Geburt noch fünf Student:innen mitgebracht. So etwas ist disrespektvoll.

Erinnerst du dich an ein Erlebnis, das dich in dem bestätigt, was du machst?

Ich habe das fast täglich. Aber eine Person ist mir besonders im Kopf: Ich habe eine Angstpatientin, die Angst vor den gynäkologischen Untersuchungen und Spritzen hat. Sie braucht sehr viel Unterstützung zum Beispiel bei der Blutabnahme. Und sie sagt inzwischen: Ich freue mich auf meine Arztbesuche bei euch. Da haben wir was bewegt. Und als sie kürzlich auf eine Rettungsstelle gehen musste nachts, meinte sie, durch das Üben bei uns fühlte sie sich sicherer und konnte auch besser für sich einstehen.

 

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