L-Mag

Zwei Millionen Herzen: Lesben auf TikTok

Immer mehr „TikTok-Lesben“, lesbische und queeree Inhalte sind auf der Plattform TikTok sichtbar. L-MAG-Autorin Luciana Ferrando hat das Phänomen unter die Lupe genommen.

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 1-2026 (Jan./Feb.)

Von Luciana Ferrando

Neulich organisierte Lil Lesbian Nan mit zwei Masc-Freundinnen einen Wettbewerb: Wer würde als Femme besser aussehen? Sie probiert einen Rock an und betrachtet sich damit ein paar Sekunden lang im Spiegel. „Oh nooo!“, ruft sie entsetzt – und die beiden anderen lachen. „Zu viel Wein, Mädels“, sagt sie noch. Sie verliert den Wettbewerb, gewinnt dafür aber knapp 58.000 Likes.

Eine 67-jährige Lesbe wird zum Star

„Schon mal über eine maskuline Lesbe statt über einen Ehemann nachgedacht?“, fragt sie in einem anderen Video, das erste, das ich vor ein paar Monaten von ihr sah. Darin trägt die 67-Jährige aus Manchester eine Sonnenbrille und eine Wollmütze über ihren weißen kurzen Haaren. Sie fährt Auto, läuft als Nächstes gelassen eine Promenade mit Palmen entlang, die Hände in den Jeans taschen. Dazu klingt „Where Is My Husband!“ von Raye. Unter den zwei Millionen Herzen, die sie für den 19 Sekunden langen Clip bekam, war auch meins.

Dieses Video von Lil Lesbian Nan (@lil.lesbian.nan) war das allererste TikTok meines Lebens. Bis dahin dachte ich: TikTok sei diese „neue“ Plattform, auf der Schüler:innen auf dem Pausenhof zu Popsongs selbst erfundene Gaga-Choreos tanzen – ein Soziales Medium nur für Teenager. Dass ich dort lesbischen Content suchen könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Online Verehrerinnen sammeln

Als ich es dann probierte, fragte ich mich am Anfang das Gleiche wie Lotti von „Princess Charming“ 2025 (@lottikappes) in einem TikTok Video: „Kann das sein, dass alle halbwegs attraktiven Lesben auf der Welt toxisch, vergeben oder neunzehn sind?“ Nur auf Tik-Tok übertragen – denn die lesbischen Inhalte, die ich auf der Online-Plattform fand, tat ich zunächst als „oberflächlich, klischeehaft und viel zu jung für mich“ ab.

Natürlich hatte ich Unrecht. Schnell merkte ich, dass auch „TikTok-Lesben“ vor allem eines sind: divers. Laut Google-Suche zählen dazu jene Accounts mit mehr als 20.000 Follower:innen, die gefühlt täglich „Thirst Traps“ (kurze sexy Clips) posten und in den Kommentaren Verehrer:innen sammeln.

Lil Lesbian Nan zeigte mir: Alter ist keine Ausrede, um TikTok keine Chance zu geben. Ihr Aufstieg zur viralen lesbischen Ikone begann, nachdem ihre Enkelin mit ihr einen Outfit-Check gemacht und das Video davon auf TikTok gepostet hatte. Wenn Lil Lesbian Nan es mit ihren fast siebzig Jahren geschafft hat, ein TikTok-Star zu werden, kann ich es mit fast fünfzig zumindest schaffen, das Phänomen zu verstehen.

TikTok TikTok-Star mit 67: Lil Lesbian Nan (@lil.lesbian.nan)

Erfolg der Plattform TikTok – und Kritik daran

„TikTok ist ein soziales Netzwerk für kurze, oft lustige Videos, in dem Nutzer:innen miteinander interagieren und Inhalte produzieren und teilen“, spuckt Google als erstes Ergebnis aus, wenn man TikTok in die Suchmaschine eintippt. Dass die Plattform Musik, Mode, Sprache, Diskussionen und selbstverständlich auch die LGBTIQ*-Community prägt, war mir klar, noch bevor ich mir einen eigenen Account erstellte. Hier entstehen Trends, werden Memes geboren und für Creator:innen ist TikTok, neben anderen Sozialen Medien wie Instagram, ein Werkzeug, um sichtbar zu werden.

Zahlen bestätigen die Relevanz dieses acht Jahre alten (oder jungen) Mediums: Laut des Datenanalysedienstes Demand Sage gab es im Jahr 2025 monatlich etwa 1,6 Milliarden aktive TikTok-Nutzer:innen weltweit. In Deutschland lag laut Statista diese Zahl im ersten Halbjahr 2025 bei rund 25,7 Millionen.

Die Plattform steht auch in der Kritik. Tik-Tok gehört dem in China ansässigen Konzern Byte Dance und Datenschützer:innen befürchten, dass Nutzerdaten an staatliche Stellen weitergegeben werden könnten. Außerdem gibt es Diskussionen über den Umgang des Mediums mit Themen wie Fake News oder Jugendschutz im Netz.

Flirten, Kitsch und Promis auf „Lesbian Tok“

So weit, so kontrovers. Welche Rolle spielen aber nun Lesben dabei? Die Antwort ist einfach: In erster Linie, so wie alle anderen, verwenden sie die Plattform, um sich zu zeigen. Ob provokative Blicke in die Kamera, Slow-Motion-Lächeln oder ironische Flirtmomente – diese Clips von lesbischen TikToker:innen bringen bei anderen lesbischen TikToker:innen das Herz zum Stolpern und den „Gefällt mir“-Button zum Glühen.

Klingt das kitschig? Je kitschiger, desto besser, das habe ich auf „Lesbian-Tok“ gelernt. Bei Heiratsanträgen oder Versöhnungen fließen Tränen, es gibt Blumen und romantische Musik, ohne dass sich jemand dafür schämen muss. Im Gegenteil. Und das, musste ich nach ein paar Recherchestunden einräumen, gefällt mir!

Privat „Wir möchten anderen Mut machen, zu sich selbst zu stehen“, sagen Maria und Sina aus dem Saarland, auf TikTok als @the_halfis unterwegs

Etwas, das mich auch berührte: Alle haben auf der Plattform einen Platz. Singles oder Regenbogenfamilien mit Kindern, frisch verliebte Pärchen, Baby-Dykes … Zuvor komplett unbekannte Lesben, deren Auftritt auf einmal von Tausenden anderen Lesben bewundert und kommentiert wird. Andersherum: „Celesbians“ – also Berühmtheiten im lesbischen Universum – zeigen ihren „ganz normalen“ Alltag oder stellen sich banalen bis wichtigen Fragen des lesbischen Lebens.

Im Fokus: Der Alltag als lesbisches Paar

So macht es beispielsweise das Paar Laura Tashina und Alina Effertz, die eine Schauspielerin und Musikerin, die andere Journalistin. Auf ihrem Account @l_tashina posten sie nicht nur sexy bis fast intime Momente aus ihrem Zusammenleben, sondern beschäftigen sich auch mit den Tiefen und Höhen ihrer Beziehung (und lesbischer Beziehungen im Allgemeinen) – so wie sie es seit 2024 auch in ihrem Podcast „Queerly Ever After“ tun. Darin kommen Alltagsthemen vor wie unterschiedliche Wünsche im Urlaub oder Fragen wie „Wäre das fremdgehen?“ – etwa, wenn man mit einer Kellnerin flirtet. Spiele spielen sie auch vor der Kamera. „Wärest du mit mir zusammen, wenn …?“ heißt eins davon. Dann will zum Beispiel Laura wissen, ob Alina auch mit ihr als „Drogenbaron“ klarkäme. Alina lacht – und ich lache auch.

Lauras und Alinas Videos sind nicht die einzigen, über die ich grinsen muss – mit einem Lächeln, das „Süüüß!“ bedeutet und hin und wieder einen Hauch Neid versteckt. Zugegeben: Manchmal würde auch ich gerne wie eine Prinzessin behandelt werden und hätte nichts dagegen, wenn meine Freundin mitten auf der Straße meine Schnürsenkel zubindet, so wie es Laura in einem Clip für Alina macht.

Laura Tashina Alina und Laura (@l_tashina) sind auf TikTok aktiv, „um queeres Leben zu zeigen und unseren Weg als Paar zu teilen“

Trends von lesbischer Maniküre bis „Black Cat“- Lesbe

Süß – und hot – finde ich auch King Captain (@king.captain91), der sich als „trans non-binärer Daddy und lesbischer Drag King“ bezeichnet. Wenn er seinen nackten Rücken und seine Schultern vor dem Spiegel bewegt, blendet über der Videoaufnahme der Text ein: „Meine Schulter trainieren, um ihr zu helfen, ihre Lasten zu tragen.“

Ich realisierte schnell, dass TikTok nicht nur von seinen tollen Nutzer:innen lebt, sondern auch von POVs (Points of View), Hashtags und Trends – und hatte sofort Basics wie #LesbiansOfTikTok, #WLW oder #Sapphic drauf. Andere Schlagworte waren mir noch ein unbekanntes Terrain, das meine Neugier weckte. So landete ich bei Trends wie „Lesbian Manicure“, „Lesbian Vampire Nails“ oder „Lesbian Finger Movement“ oder bei neuen (und nicht mehr so neuen) Slangbegriffen für lesbische Typen. Meine Lieblingskategorie ist die „Golden Retriever-Lesbe“ – eine besonders liebenswürdige, treue und fast überenthusiastisch zugewandte Partnerin. Das Gegenstück, aber zugleich das perfekte Match dazu, ist die „Black-Cat-Lesbe“: feminin, sinnlich, mit einer schwer zu erobernden Catwoman-Persönlichkeit.

Mut zum Coming-out

Das Ehepaar Kelly (55) und Olivia (36) aus Maryland in den USA bedient keins dieser Klischees. Sie nutzen Hashtags wie #agegapmarriage oder #latecomingout und beantworten fleißig FAQs (Frequently Asked Questions, deutsch: häufig gestellte Fragen) — zum Thema Age Gap-Lesbians, also zu Paaren mit großem Altersunterschied, aber auch zu ihrer Beziehung.

Immer wieder erzählen sie gerne, dass Kelly vor Olivia noch nie in eine Frau verliebt war, dass sie nur drei Monate nach dem Kennenlernen heirateten und dass sie ihre Freizeit am liebsten miteinander verbringen. Bewegend ist, wie die beiden andere FLINTA* dazu ermutigen („vielleicht doch — warum nicht?“), sich zu trauen, lesbisch zu leben, unabhängig von ihren Alter. Auf ihrem Profi l @livandkelly stellen sie sich so vor: „Two wives proving it’s never too late for your happy ending“, also: „Zwei Ehefrauen, die beweisen, dass es für ein Happy End nie zu spät ist“).

TikTok/ Privat Lesbischer trans nonbinärer Drag King und Age Gap-Couple: King Captain (@king.captain91) und Olivia & Kelly (@livandkelly)

Auch für mich und TikTok ist es nicht zu spät, denke ich. Dann stelle ich mein Handy vor mir ab und fange an, mein erstes Video aufzunehmen. Denn bei aller berechtigter Kritik an der Plattform – „Lesbian Tok“ ist ein Phänomen, das man als lesbische Journalistin nicht ignorieren kann.

Und wer noch weiter denken will: Das Internet hält mittlerweile einige alternative Videodienste wie das als datenschutzfreundlicher geltende Loops bereit, um lesbischen Content in die Welt zu tragen.

 

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