L-Mag

Brittany Howard: Abrechnung mit der Ex und die Suche nach der wahren Liebe

In ihrem ersten Soloalbum „What Now“ verarbeitet Brittany Howard, Ex-Sängerin der Alabama Shakes, die Scheidung von ihrer Ex-Frau und besingt ihr neues Liebesglück. Im L-MAG-Interview spricht sie über ihre Gefühls-Achterbahn und ihr Coming-out.

Bobbi Rich „Nachdem ich erst einmal ich selbst war, schien die Welt um mich herum plötzlich viel mehr Farbe zu haben“: Brittany Howard über ihr Coming-out

Von Marcel Anders

17.3.2024 - Als Frontfrau der US-amerikanischen Rockband Alabama Shakes wurde Brittany Howard international bekannt. Mit 25 outete sie sich als lesbisch, 2019 veröffentlichte sie ihr erstes Soloalbum. Jetzt legt die LGBTIQ*-Ikone mit „What Now“ ein therapeutisches Album vor über ihre gescheiterte Ehe mit Bandkollegin Jesse Lafser. Sie besingt darauf Traumata, den langen Prozess der Selbstfindung und ihr neues Liebesglück

 

Dein zweites Solo-Album nach den Alabama Shakes ist eine Abrechnung mit deiner Ex und eine Liebeserklärung an eine neue Partnerin – wie viel Selbsttherapie steckt dahinter?

Brittany Howard: Es ist pure Lebenserfahrung. Ironisch formuliert würde ich sagen: Man muss etwas erleben, um über etwas schreiben zu können. Und solche einschneidenden Sachen passieren halt. Beziehungen bauen sich auf und fallen auseinander, sie kommen und gehen. Das ist das Leben, wie eine Achterbahnfahrt. Und die fange ich hier ein, weil ich sie selbst erlebt habe: Ich bin auf ein Kliff zugerast, habe im letzten Moment die Bremse getreten, bin umgedreht und habe neu angefangen. Diese Songs reflektieren meine Gefühle während dieser Zeit – und es hatte sich viel aufgestaut, weil ich während der Pandemie nicht nur in meinem Haus, sondern auch in meiner Beziehung gefangen war. Insofern ist das Album wie ein musikalisches Tagebuch – in einer Zeit, in der alles in Flammen zu stehen schien.

Wie hast du dann – zumal während der Pandemie – jemand Neues gefunden? Hast du dich an Online-Dating versucht?

Nein, auch wenn ich nichts dagegen habe. Aber in diesem Fall war das nicht notwendig. Ich hatte ein Mantra – eine verrückte, kleine Formulierung, die man in dem Stück „Earth Sign“ nachhören kann. Ich dachte mir: „Wenn ich das demnächst Nacht für Nacht auf der Bühne singe, sollte ich da etwas einbringen, das nach einer neuen Liebe schreit.“ Damit meine ich nicht irgendeine Liebe, sondern die einzig wahre, nach der jeder strebt. Ich sagte mir: „Lass mich das in einem Song festhalten.“ Und es hat tatsächlich funktioniert! Als ob mich die Engel erhört hätten. Dabei waren wir zuerst nur so etwas wie Pandemie-Buddys – zwei Menschen, die sich während dieser schrecklichen Zeit geholfen haben. Daraus wurde dann mehr …

Du bist im Süden der USA aufgewachsen und hast dich erst mit 25 als lesbisch geoutet. Warum so spät – und wie schwierig war das?

Es hat wirklich lange gedauert, bis ich das hinbekommen habe. Einfach, weil mich das verwirrt hat und ich dachte, die beste Art, damit umzugehen, wäre sich zu verstecken. Als ich aufgewachsen bin, war da auch niemand, an den ich mich hätte wenden können, bzw. es gab keine Möglichkeit, sich darüber zu informieren und sich selbst besser zu verstehen. Deswegen dachte ich, Homosexualität wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte. Denn ich wurde sehr religiös erzogen und hatte eine Riesenangst davor, ich selbst zu sein. Dabei hatte ich allein deshalb Probleme, weil ich meine Homosexualität verborgen habe. Weil ich dieses tiefe Gefühl hatte, dass etwas „falsch“ mit mir wäre. Aber nachdem ich erst einmal ich selbst war, schien die Welt um mich herum plötzlich viel mehr Farbe zu haben.

Sich selbst zu verstecken ist also das Schlimmste, was man tun kann?

Ganz genau. Aber wenn man aufwächst, herrscht da eben auch jede Menge Druck. Und queer zu sein, war bei mir zu Hause etwas, das nicht verstanden und folgerichtig nicht akzeptiert wurde. Heute ist die Welt zum Glück etwas anders. Es gibt viele Menschen in der Medien- und Unterhaltungswelt, die offen dazu stehen – und alles tun, um das als etwas ganz Normales, Alltägliches darzustellen.

Derzeit feiern viele Mainstreammedien gerade solche Künstler:innen als „hip“, die sich als queer präsentieren. Wie empfindest du diese Entwicklung?

Ich sehe das so: So lange die Leute in der Lage sind, ihre Geschichte zu erzählen, ihre Erfahrungen zu teilen und andere zu ermutigen, sehe ich darin nichts Falsches. Wenn man aber vorgeführt und ausgenutzt wird, ist das ein Problem – dann ist die vermeintliche Offenheit nur ein Schmierentheater und somit ein Problem. Niemand sollte vorgeführt und ausgenutzt werden.

„What Now“ ist seit 9. Feb. im Handel.

Das Interview erschien zuerst in unserer Schwesterzeitschrift Siegessäule (3/2024).

 

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