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DVD-Tipp "Lizzie Borden": Die Axtmörderin und ihre Loverin

In "Lizzie Borden - Mord aus Verzweiflung" sind die berühmt-berüchtigte Hauptfigur, die ihre Eltern mit einer Axt erschlagen haben soll, und ihr Hausmädchen – Kristen Stewart in ihrer ersten queeren Rolle – ein Liebespaar. Jetzt auf DVD.

Concorde Home Entertainment Lizzie (Chloë Sevingy, r.) und Bridget (Kristen Stewart)

Von Karin Schupp

17.12.2018 - „Lizzie Borden took an axe/ And gave her mother forty whacks/ When she saw what she had done/ She gave her father forty-one.“ – Dieser schaurige, noch heute bekannte Kinderreim zeigt, wie berühmt-berüchtigt Lizzie Borden und ihre mutmaßliche Tat -  sie soll 1892 ihren Vater und ihre Stiefmutter mit einer Axt erschlagen haben (wenn auch mit nicht ganz so vielen Hieben) - in der US-Kultur sind. 

Der nie endgültig aufgeklärte Doppelmord war schon damals ein riesiges Medienereignis und wurde seitdem in zahlreichen Büchern, Songs und Filmen, einer Oper und einem TV-Mehrteiler mit Christina Ricci aufgegriffen und die mutmaßliche Täterin darin abwechselnd als grausame Hexe oder feministische Heldin beschrieben.

Nach zarter Annäherung verzweifeltes Aneinanderfesthalten

Wer sich heute also dieses Themas annimmt, muss ihm einen neuen Dreh geben – und das tut Lizzie Borden: Der schwule Drehbuchautor Bryce Kass macht die Titelfigur, gespielt von Chloë Sevigny (Oscar-nominiert für das Trans-Drama Boys Don't Cry), und das Hausmädchen Bridget Sullivan (Kristen Stewart) in den Wochen vor dem Mord zu einem Liebespaar, das sich nach zarter Annäherung verzweifelt aneinander festhält. 

Lizzie, kränklich und mit Anfang 30 unverheiratet, wird von ihrem hartherzigen und geizigen Vater (Jamey Sheridan) permanent gegängelt und klein gehalten. Bridget, die zu Beginn des Films neu im Haushalt ist und ganz unten in der Hierarchie steht, wird von ihm vergewaltigt (was man zum Glück nicht sieht!).

Als Frauen sitzen sie in einem Gefängnis ohne Gittern -  bei Bridget kommt noch ihr niedriger Status dazu -, und Gegenwehr ist keine Option. Lizzie rebelliert dennoch versteckt und auch offen gegen den tyrannischen Vater, die nie akzeptierte Stiefmutter (Fiona Shaw) und den schmierigen Onkel (Denis O’Hare), der sie um ihr Erbe bringen will. Aber erst die Liebe zu Bridget gibt ihr die Kraft und zudem einen weiteren Grund, sich ihre Freiheit zu holen.

"Eine Liebesszene wollten wir ihnen gönnen"

„Es ist ein Film über die Zerschlagung des Patriarchats.“ - Mit diesen Worten gewann Sevigny, die Lizzie Borden auch produzierte, Kristen Stewart für ihre erste queere Rolle (und stellte übrigens mit ihr, Shaw und O’Hare einen recht homosexuellen Cast zusammen).

Sevigny, die von Lizzies Schuld und Brigdets Mitwisserschaft überzeugt ist, ließ dem tragischen Paar ausdrücklich eine Liebesszene ins Drehbuch schreiben. „Das wollten wir ihnen gönnen“, sagte sie in The Advocate. „Der ganze Film ist so beherrscht und zugeknöpft.“

Damit hat sie Recht: Trotz des reißerischen Untertitels „Mord aus Verzweiflung“ (im Original heißt der Film einfach nur Lizzie) ist die Atmosphäre zwar düster und kündigt durch dramatische Musik unnötigerweise permanent Unheil an, von dem wir ja von Anfang an wissen, aber – abgesehen von der Tat an sich - emotional nicht besonders packend.

Wieso Sevigny mit dem Film nicht ganz zufrieden ist

Sevigny, für die der Film ein Herzensprojekt war, äußerte sich gegenüber der Huffpost selbst unzufrieden über die „sehr zurückhaltende“ Arbeit des Regisseurs Craig Macneill, der unter anderem Szenen zwischen Lizzie und ihrer Stiefmutter und Momente der Annäherung zwischen Lizzie und Bridget rausschnitt. „Ich sagte ihm, ‚Du bist doch dumm, wenn du eine weitere Szene mit Kristen Stewart hast und sie nicht in deinen Film tust“, sagte sie nach der Premiere beim Sundance Film Festival 2018 ungewohnt offen.

Macneill habe auf vieles verzichtet, was „die Beziehungen komplizierter machte und besser erklärte, wieso Lizzie die Morde beging. Jetzt bleibt es ein bisschen stärker im Vagen, als Bryce und ich das ursprünglich geplant hatten. […] Aber wir haben ihn angeheuert, und das war seine Vision und Interpretation.“

Das ist schade, vor allem was Kristen Stewart angeht, die ihre Bridget schüchern und stoisch sein lässt. Wäre ihre Rolle weniger zweidimensional angelegt, hätte das dem Film sicherlich mehr Dynamik gegeben. Und vielleicht hätte es Lizzie Borden dann auch ins Kino geschafft und wäre nicht direkt auf DVD erschienen. 

Lesbengerüchte um die echte Lizzie Borden

Die echte Lizzie Borden blieb übrigens in ihrem Heimatort in Massachusetts wohnen und starb dort im Alter von 67 Jahren. Die Theorie, dass sie eine Affäre mit Bridget Sullivan gehabt haben könnte, kam erst viel später auf. Zu ihren Lebzeiten gab es allerdings durchaus Spekulationen über ihre enge Freundschaft mit der Schauspielerin Nance O’Neil, die als bisexuell oder lesbisch galt. Bridget Sullivan, die die wichtigste Zeugin vor Gericht war, zog nach Montana, heiratete dort und starb 1948.

Wer mehr über den echten Mordfall und seine Hintergründe lesen will: Dieser englischsprachige Artikel fasst Fakten und (lesbische) Spekulationen zusammen.

Lizzie Borden – Mord aus Verzweiflung (USA 2018), Buch: Bryce Cass, Regie: Craig Macneill, mit Chloë Sevigny, Kristen Stewart, Fiona Shaw, Denis O’Hare, Kim Dickens u.a., 105 min., auf DVD/ BluRay

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