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Filmtipp „Clashing Differences“: Funkensprühen beim Token-Bingo

Schwarz und weiß, queer und hetero, radikal und realpolitisch, modern und oldschool - bei der Vorbereitung auf eine feministische Konferenz fliegen die Fetzen. Die Filmsatire mit hohem Wiedererkennungswert steht jetzt in den Mediatheken von ZDF und Arte.

ZDF/ Diara Sow V.l.n.r.: Paula (Lisa Hrdina) Sus (Rabea Lüthi) Simone (Minh-Khai Phan-Thi) Kisha (Thelma Buabeng) Flora (Jane Chirwa) Çena (Şafak Şengül)

Von Karin Schupp

9.10.2023 - Das „House of Womxn“, eine feministische Stiftung, hat ein Problem: Ihr Panel bei einer internationalen Frauenkonferenz ist zu weiß besetzt und muss dringend diverser werden. Um nicht ausgeladen zu werden, wird hektisch eine neue Gästinnenliste zusammengestellt, die die Diversity-Kriterien erfüllt. Und so trifft die Neubesetzung nach und nach im Vereinshaus in Brandenburg ein, um sich unter Paulas (Lisa Hrdina) Moderation – „die ist doch superviel in diesen ganzen Communities unterwegs“ - auf die Veranstaltung vorzubereiten.

Wirklich motiviert scheint aber nur Paulas beste Freundin Flora (Jane Chirwa) zu sein, die „weißen Leuten in den Arsch kriecht, anstatt wirklich radikale Forderungen zu stellen“, wie ihre ehemalige Mitstreiterin Çena (Safak Sengül) erklärt. Çena hat nämlich gar keine Lust, „anzutanzen, wenn eure Diversity-Hütte brennt“, und ist nur angereist, um das Event aufzumischen. Auch die erfolgreiche Geschäftsfrau Kisha (Thelma Buabeng), die gerne über Weiße und „Light Skin Girls“ lästert, steht der Veranstaltung mehr als skeptisch gegenüber, und die Anwältin Simone (Minh-Khai Phan-Thi) scheint sich irgendwie fehl am Platze zu fühlen. Als Kameraperson mittendrin und nicht nur dabei ist Paulas nichtbinäre Beziehung Sus (Rabea Lüthi).

Unterschiedliche Lebensrealitäten und politische Einstellungen

Und direkt sprühen die Funken, denn inmitten des „Token Bingos“ (man könnte sie auch „Alibi-Schwarze“ oder „Quoten-Queers“ nennen) knallen die unterschiedlichsten Lebensrealitäten und politischen Einstellungen aufeinander: da fliegen Vorwürfe einer „Opfer-Kultur“ oder der Anpassung an den weißen Feminismus hin und her. Und wieso nur der Blick auf Frauen – wo bleiben die Nichtbinären? Und was ist mit den trans Personen und Behinderten? Ist „FLINTA“ ein weißes Wort? Und – was alle vorübergehende von den ganz großen Fragen ablenkt - wie kann man auch ohne Penis im Stehen pinkeln?

Gestresst merkt Paula, wie ihr das ganze Treffen so langsam entgleitet, und Sus‘ Eifersucht auf Flora ist auch nicht gerade hilfreich – lief zwischen den beiden etwas, als Paula und Sus neulich eine Beziehungspause machten? Erst eine bedrohliche Situation am Abend führt dazu, dass alle auf die Pause-Taste drücken und sich einander zuwenden…

„Wütend sein will gelernt sein“

Auch wenn nicht jede Szene sitzt und die Film-Satire am Ende ein wenig an Schwung verliert: Selten wurden die queerfeministischen Streitpunkte und politischen Differenzen zwischen weißen und BIPOC-Feministinnen (BIPOC = Black, Indigenous and People of Color) so unterhaltsam auf den Punkt gebracht wie in Clashing Difference. Wer sich in diesen Bubbles bewegt (und zu Selbstironie fähig ist), wird sich hier wiederfinden. Und wer diese Diskussionen bisher nur am Rande kannte, wird die Konflikte besser verstehen (hier und da aber wahrscheinlich zurückspulen müssen, denn das Tempo ist rasant). Die Schauspielenden tragen mit ihrer authentischen Darstellung ihren Teil dazu bei - man merkt, dass sie ihre Charaktere mitentwickeln durften.

Regisseurin/ Drehbuchautorin Merle Grimme (Regretting Motherhood), die übrigens den im Film erwähnten Künstler:innen-Verein „Connected Differences“ initiierte, verarbeitete mit dem Drehbuch ihre „jahrelange Erfahrung mit Vereinen, politischem Engagement und sogenannten Diversity-Panels in der Filmbranche“, wie sie in einem Statement für das ZDF schreibt und will mit ihrem Film zu „Mut zur Wut“ aufmuntern. „Wut kann Veränderung und Wandel hervorbringen. Aber wütend sein, will gelernt sein. Dafür bietet Clashing Differences eine praktische, für manche ungewohnte Hilfestellung an, die Trauma und (Selbst-)Zerstörung verhindern kann.“

Und noch etwas anderes hinterlässt Clashing Differences: Für die Produktion entwickelte Grimme ein inklusives und antidiskriminierendes Konzept für Cast und Crew, das sie film- und serienschaffenden Kolleg:innen zur Verfügung stellen will - hoffentlich ein Vorbild für weitere Produktionen im deutschen Kino und Fernsehen!

Clashing Differences, D 2023, Regie/ Buch: Merle Grimme, 69 min., ab 5. Okt. in der ARTE-Mediathek, ab 6. Okt. in der ZDF-Mediathek; TV-Premiere: ZDF, Mo, 9. Okt., 0:20 Uhr

 

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