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Filmtipp: „Vita & Virginia“ – Eine leidenschaftliche, literarische Lovestory

Das Biopic über das berühmte Frauenpaar Virginia Woolf und Vita Sackville-West hat seine Schwächen, zeigt aber einen faszinierenden Einblick in ihre Liebe und die sexuelle freizügige Bohème der 1920er Jahre. Jetzt auf DVD und im Streaming.

Thunderbird Releasing Gemma Arterton (l.) als Vita Sackville-West und Elizabeth Debicki als Virginia Woolf

Von Dana Müller

12.9.2021 - Virginia Woolf war eine begnadete Schriftstellerin und außergewöhnliche Vorreiterin. Mit ihrem Werk „Orlando“ (1928) legte sie einen feministischen Grundstein in Sachen Gendertrouble. Obwohl (oder auch gerade weil) sie immer wieder unter manisch-depressiven Schüben litt, schuf sie außergewöhnliche Werke, die ihrer Zeit weit voraus waren; bis heute gilt sie als eine der berühmtesten Vertreterinnen der klassischen Moderne.

Faszinierend ist neben ihren literarischen Schaffen auch ihre drei Jahre dauernde Beziehung zu der extravaganten Vita Sackville-West. Höchste Zeit, dass sich ein Film dieser leidenschaftlichen Beziehung widmet, die dank zahlreicher erhaltener Briefe zwischen den Liebenden hinlänglich dokumentiert ist.

Vita & Virginia – Eine extravagante Liebe wirft einen Blick in ein kurzes Kapital im Leben der avantgardistischen Autorin und erzählt zugleich mit reichlich Drama die Entstehungsgeschichte von „Orlando“, damals nicht nur eine neue Form von fiktiver Biografie, sondern auch eine Hommage an Vita Sackville-West, deren Familiengeschichte Woolf darin verarbeitete.

Vita ist vom ersten Moment an hingerissen von Virginia

1922 begegnen sich Vita (Gemma Arterton) und Virginia (Elizabeth Debicki) auf einer Party der legendären „Bloomsbury Group“, einem erlesenen Intellektuellenkreis im Londoner Stadtteil Bloomsbury, den Vita als Verlegerin der Hogarth Press maßgeblich mit gestaltete.

Vom ersten Moment an ist die aufmüpfige und liebeshungrige Vita hingerissen von der zarten, zerbrechlichen Virginia. Genau diesen ersten Moment fängt der Film sinnlich und doch ein wenig zu kitschig ein. Bis zu den ersten Berührungen und Zärtlichkeiten dauert es jedoch, denn Virginia Woolf ist in ihrer eigenen Welt gefangen, meidet Körperlichkeit und leidet an Wahnvorstellungen, so zumindest zeigt es der Film. Biografisch bekannt ist ihre Bipolare Störung und ein wahrscheinlicher familiärer Missbrauch in der Kindheit.

Innige Leidenschaft, berufliche Zusammenarbeit, gute Freundschaft

Dennoch lässt sich die intellektuelle, schüchterne Virginia auf die aufbrausende und leidenschaftliche Vita ein. Die beiden Schriftstellerinnen, die zeitlebens mit Männern verheiratet waren, verband gleichzeitig eine innige Leidenschaft und ein berufliches Interesse, so verlegte Woolf 1927 Sackville-Wests „Meine Reise nach Persien“. Auch nach ihrer Affäre blieben sie bis zu Woolfs Tod – sie nahm sich 1941 das Leben - gute Freundinnen.

In den letzten Jahren entstanden immer mehr Biopics über starke Frauen. Mary Shelley (2017), Wild Nights with Emily (2018) und Colette (2018) punkteten mit einem neuen und massenkompatiblen Blick auf historische Frauen. Endlich bekommen auch weibliche Figuren ihren wohlverdienten Platz im Rampenlicht der Geschichte. Da ist die Lovestory von der englischen Schriftstellerin und Gartengestalterin Vita Sackville-West und der bahnbrechendenVirginia Woolf theoretisch ein ganz besonderes Schmankerl.

Faszinierende Story, leider langatmig inszeniert

Leider ist die Umsetzung des Dramas nur allzu sanft und langatmig. Obwohl als Grundlage für die Verfilmung die vielen erhaltenen Briefe zwischen den Liebenden dienten, kommen beide Protagonistinnen nicht glaubwürdig rüber – Virginia ist schwach und wehrlos, während Vita egoistisch und unempathisch daherkommt. Es ist einfach schmerzlich, eine Ikone so zerbrechlich zu sehen.

Dennoch präsentiert Vita & Virginia einen faszinierenden Einblick in die Ideen der „Bloomsbury Group“, die bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhundert sexuelle Freizügigkeit zwischen allen Geschlechtern frönten. So lebte Vita Sackville-Weste mit ihrem Diplomaten-Ehemann in einer offenen Ehe, in der beide homosexuelle Affären hatten.

Alles in allem ein Film, den man allein seiner historischen Relevanz wegen sehen kann, bei dem man aber dringend vorher genügend Kaffee getrunken haben muss. Spannender wäre letztlich ein Biopic über Vita Sackville-West und ihre diversen Affären.

 

Vita & Virginia - Eine extravagante Liebe (IRL/ GB, 2018), Regie: Chanya Button, mit Gemma Arterton, Elizabeth Debicki, Isabella Rossellini, Emerald Fennell u.a., 110 min., auf DVD/ Blu-ray und im Streaming

 

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