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Interview mit der lesbischen Band MUNA: „Die Welt braucht mehr horny Musik“

Wir sprachen mit Katie Gavin, Josette Maskin und Noami McPherson von der US-Band MUNA über ihr neues Album und ihre queeren Videos, ihre Highschoolzeit als Baby-Lesben – und darüber, wie „horny“ sie während der Corona-Pandemie waren.

Isaac Schneider V.l.n.r. Naomi McPherson, Katie Gavin (liegend) und Josette Maskin

Von Julian Beyer

28.8.2022 - Mit „MUNA“ veröffentlicht die gleichnamige US-Band ihr erstes Album auf neuem Label, eine Ode an die queere (Selbst-)Liebe. Auf den Vorgängerplatten „About U“ (2017) und „Saves The World“ (2019) besangen die drei Band-Mitglieder bereits Themen wie mentale Gesundheit und queere Liebe. Letztere wurde teils noch mit Selbstzweifeln, Verunsicherung und Schmerz thematisiert, so wie es viele von uns kennen. In den drei Jahren seit ihrem letzten Album haben sich Katie Gavin, Josette Maskin und Naomi McPherson allerdings stark weiterentwickelt und „MUNA“ erscheint selbstbewusster, authentischer und queerer denn je. Wir trafen die Band zum Interview in Berlin.

 

Euer neues Album „MUNA“ kommt am 24. Juni raus. Viel ist passiert seit der Veröffentlichung der letzten Platte „Saves The World“ von 2019. Wie waren die vergangenen drei Jahre für euch?

Katie: „Saves The World“ war ein schwermütiges Album, das reflektiert hat, wo wir uns zu diesem Zeitpunkt in unserem Leben befunden haben. Nach der Veröffentlichung stellte sich eine Leichtigkeit ein und dann kam 2020. Wir hatten bereits eine Idee, in welche Richtung wir mit dem neuen Album gehen wollten, aber das Universum hat uns gesagt, dass wir noch nicht bereit waren. Wir haben uns eine kleine Auszeit genommen und dann wurden wir von unserem Plattenlabel gedroppt. Wir mussten uns mit der Frage auseinandersetzen, ob wir weiterhin als Band zusammenarbeiten wollen. Zum Glück sind wir sehr eng befreundet und können miteinander ehrliche und schwierige Konversationen führen. Durch die Pandemie hatten wir genug Zeit für diese Gespräche. Und dann hat uns quasi das Schicksal einen Plattenvertrag bei Phoebe Bridgers‘ Label verschafft. Wir fingen an, im Studio einer Freundin zu arbeiten. Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keine klare Vision, aber wir kamen täglich zusammen und arbeiteten an den Songs und Ideen. Mit der Zeit fing alles an, Sinn zu ergeben. Der Spaß, die Leichtigkeit, die Selbstsicherheit, die auf dem Album zu hören sind, das war alles in uns. Wir brauchten nur die Zeit und die Herausforderungen, um zu den Personen zu werden, die wir sein mussten, um dieses Album zu machen.

Wie war der Videoshoot für die Single „Silk Chiffon“?

Josette: Es war super! Wir haben das Video mit Naomis Partnerin Allie gedreht und circa 80 Prozent der Menschen am Set waren queer.

Naomi: Auch die Leute hinter der Kamera. Allie nimmt das sehr ernst!

Josette: Ich habe so was noch nie erlebt. Ein Videodreh ist in der Regel sehr anstrengend. Der Shoot von „Silk Chiffon“ war hingegen total locker. Wir konnten mit tollen Menschen Zeit verbringen und neue Freundschaften schließen. Es herrschte ein richtiger Zusammenhalt am Set. Wir wollten den Film „But I’m a Cheerleader“ neu interpretieren. Er war zu seiner Zeit wegweisend, wurde von vielen aber nicht wahrgenommen. Im Zentrum unseres Videos steht glückliche queere Liebe, die es schon immer gab. Sie wird allerdings eher selten gezeigt.

Im Video spielt ihr Teenager in einem Konversions-Camp, bei eurem Liveauftritt mit dem Song bei James Corden habt ihr starke Prom-Vibes gegeben. Wie war eure Highschool-Zeit?

Katie: Ich ging auf Proms und war noch komplett in the closet. Ich hatte einen Freund, Honey.

Josette: LOL.

Naomi: Ich weiß im Grunde seit meinem fünften Lebensjahr, dass ich queer bin. Wie kann es nicht genetisch sein, wenn ich das mit fünf zwar wusste, aber noch nicht mal buchstabieren konnte? Ich habe diesbezüglich keine Scham empfunden, bis ich um die 13 Jahre alt war. Ich war recht beliebt in der Schule, weil ich lustig war. Niemand wusste, was in meinem Privatleben passierte, bis auf eine Person, mit der ich gut befreundet war. Ich habe mich zwar nicht abgegrenzt von anderen, aber ich hatte trotzdem nicht das Gefühl, dass ich sein konnte, wer ich bin. Diejenigen, die nach außen hin so waren, wie ich mich fühlte, hatten es nämlich sehr schwer, akzeptiert zu werden.

Josette: Ich bin in Kalifornien aufgewachsen und musste mich also nicht verstecken. Dennoch wurde auch mir die „Gay Shame“ aufgedrückt, da wir in einer heterosexuellen Gesellschaft leben. Generell würde ich sagen, dass meine Highschool-Zeit okay war. Ich wurde nicht gemobbt. Ich war nie mit einem Date bei einem Schulball, sondern immer mit Freund:innen. Ich erinnere mich an die, die ekeliges heterosexuelles Zeug auf der Tanzfläche getrieben haben, und daran, wie ich mir dachte: „Wann können wir endlich abhauen und Alkohol trinken?“

Naomi: Die Gesellschaft lässt dich in sehr jungen Jahren wissen, dass du anders bist. Mich hat sie es definitiv wissen lassen.

Katie: Durch mein Femme-Sein ist es bei mir etwas anders.

Naomi: Du hast einfach länger gebraucht, dich zu finden. Ich ging nie als non-queer durch. Ich konnte mich gar nicht anpassen.

Josette: Ich auch nicht.

Katie: Ich weiß, dass es ein gewisses Privileg ist, als heterosexuell durchzugehen. Aber es ist auch mit viel Kummer verbunden. All die Erfahrungen, die ich lieber nicht gemacht hätte ...

Josette: Ich habe auch Erfahrungen gemacht, auf die ich lieber verzichtet hätte. Wenn man erst mal in eine Großstadt zieht und eine Community findet, ist es okay. Aufwachsen ist ohnehin schon schwer und als queere Person noch mal mehr.

Naomi: Und wir hatten das Glück, bereits in großen Städten aufzuwachsen. Menschen aus ...Bumblefuck ... Ich hätte es vermutlich nicht überlebt.

In eurem Podcast „Gayotic“ sprecht ihr darüber, dass ihr gern mal als Dragkings performen würdet, was ihr im Video zu „Kind of Girl“ dann auch getan habt. Ich muss jetzt einfach eine „Ru Paul’s Drag Race“-Frage stellen: Welchen MUNA-Song hättet ihr gern als „Lipsync For Your Life“-Song?

Josette: Meine Freundin und ich sind total obsessed mit „Drag Race“, meine absolute Lieblingsshow. Sie hat erst neulich geträumt, dass wir im Musikvideo zu „What I Want“ von unserem neuen Album auf den Plätzen der Judges sitzen und zwei Leute einen „Lipsync For Their Lives“ performen. Der Song hat auf jeden Fall den besten Refrain.

Katie: Ich will, dass wir in dem Video sowohl die Judges sind als auch auf der Bühne performen.

Josette: Ich auch! In Biodrag und natürlich auch als Dragking.

Katie: In dem Song sind wir auf jeden Fall full pussy.

Josette: Leland, der bei „Drag Race“ Lieder komponiert, hat den Song mit uns geschrieben.

Wie war der Songwriting-Prozess für „What I Want“?

Katie: Ich hatte während der Pandemie quasi ein zweites Coming-out: „Ich bin wirklich gay und sehr horny.“

Josette: So horny.

Katie: So horny! Das war die Inspiration. Es passierte alles ziemlich schnell.

Josette: Du solltest schreiben: „MUNA is so horny“.

Katie: Die Welt braucht mehr horny music.

Naomi: Horny gay music. Und dann einen traurigen Song hinterher. (Alle lachen)

Josette: Und wenn das nicht queer ist, dann weiß ich auch nicht.

 

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