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Mit Fahrrad, Freundin und Zelt um die Welt - Wenn Lesben reisen (Teil 2)

10 Länder und 6.500 km hat Ex-L-MAG-Chefredakteurin Dana Müller in den letzten acht Monaten bereits geschafft. Aus einer Jurte in der Türkei berichtet sie heute von kurzfristigen Planänderungen und ihren Reise-Erfahrungen als lesbisches Paar.

Fabulous Female CyclistsDana (l.) und Anke in der bulgarischen Stadt Varna

Von Dana Müller

25.9.2022 - 6.500 km liegen bereits hinter uns. Was für eine Strecke, um sie aus reiner Muskelkraft mit dem Fahrrad zu strampeln! Wir sind selbst ganz überwältigt. Seit acht Monaten sind Anke und ich schon unterwegs, schlafen die meiste Zeit im Zelt und kochen unser Essen auf einem kleinen Kocher.

Die bisherige Route: Wo ging es lang?

Seit meinem letzten Reisebericht für L-MAG sind drei Monate vergangen. In dieser Zeit fuhren wir an der Donau entlang. Badeten im Schwarzen Meer, den Dardanellen und der Ägäis. Und wir stürzten uns in Belgrad (Serbien) und Bukarest (Rumänien) ins queere Nightlife.

Jetzt sind wir seit vier Wochen in der Türkei… und wir sind begeistert. Eigentlich wollten wir gar nicht so lange im Süden bleiben. Auf unserer geplanten Reiseroute standen ursprünglich Russland, Mongolei und China. Damit wären wir im Juli, August - mit Russland und der Ukraine - deutlich nördlicher (und kühler) unterwegs gewesen. Doch schon kurz nach dem Start im Januar mussten wir umplanen.

Also sind wir die letzten Monate über den Balkan gefahren - im Kreis. Griechenland, Nordmazedonien, Albanien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Bulgarien, Rumänien und jetzt Türkei. Wir verbrachten die heißen Monate - Juli, August - bei über 35 Grad in der Walachei und am Schwarzen Meer.

Wildcampen und Gepäck: Alltag auf der Weltreise

Nach all der Zeit auf der Straße stellt sich selbst im Nomadinnenleben eine gewisse Routine ein: Morgens Zelt abbauen, tagsüber bei Wind und Wetter radeln, abends das Zelt wieder aufbauen.

Fast jeden Monat hatten wir Besuch von Freund:innen und Familie, alle mussten uns Sachen aus Deutschland mitbringen und wesentlich mehr wieder mit zurücknehmen. So hat unser Zelt unter heftigen Hitzegewittern ganz schön gelitten. Zum Glück hatten wir ein Ersatzgestänge in Berlin gelagert. Nun schleppen wir (inklusive Essen) von den anfänglichen fast 60 kg (pro Person) nur noch zirka 30 kg mit uns rum. Besonders abspecken konnten wir bei den Ersatzteilen. Wir hatten einfach zu viele Schläuche, Bautenzüge und Speichen dabei. Dafür ließen wir ein neues Frontlicht einfliegen und auch der Tacho hat bei beständiger Hitze irgendwann seinen Geist aufgegeben.

Fabulous Female CyclistsWalachei in Rumänien: „Das war einer unserer Lieblingsspots beim Wildcampen“, schreibt uns Dana. „Da haben wir beim Essen im Sonnenuntergang noch in der Ferne einen Schakal übers Feld rennen sehen.“

Wwoofing - Arbeiten und Leben in der Türkei

Jetzt wwoofen wir seit einer Woche im Ovacik Nationalpark unweit von Izmir. Das heißt: wir arbeiten auf einer Farm gegen Kost und Logis und lernen dabei so einiges über das Leben auf einem ökologischen Hof. Unsere Bio-Farm liegt mitten in der Natur, das nächste Dorf ist einige Kilometer entfernt. Hier schlafen wir nicht mehr in unserem kleinen 2-Personen-Zelt, sondern in einer bequemen Jurte mitten in einem Olivenhain mit Blick auf die grünen Berge.

Weil wir uns rundum wohlfühlen wollen, haben wir uns bereits online beim ersten Kontakt als lesbisches Paar geoutet. Wir wollen uns auf keinen Fall mehrere Wochen verstellen. Leider sind die aktuellen News, die in Deutschland zum Thema LGBTQ aus der Türkei ankommen, nicht erfreulich. Tausende demonstrierten kürzlich in Istanbul gegen „LGBTQ-Propaganda“ und für den „Schutz der Familie“. Doch unsere Erfahrungen (im westlichen Teil des Landes) sehen ganz anders aus. Auf unsere Wwoof-Anfragen als Paar haben wir in Anatolien viele positive Antworten bekommen.

Allerdings fragen wir uns unterwegs viel zu oft, wie offen wir uns eigentlich zeigen können. Als wir neulich am Strand der Ägäis zelteten, sprach uns ein deutsch sprechender Türke an, ob wir Zwillinge seien. Oh je. Wie üblich verneinten wir vehement, woraufhin er sofort schlussfolgerte: „Ach so, dann seid ihr also ein Paar?“ Erleichtert stimmten wir zu, denn oft trauen wir uns eben nicht, das einfach klarzustellen, wenn uns ein Passant auf der Straße fragt. Uns fällt es schwer, die jeweilige Situation einzuschätzen. Doch in diesem Fall am türkischen Strand ernteten wir ein freudiges: „Ah, ja. Sehr schön.“

Reiseplanung - Welche Länder sind für LGBTQ tabu?

Was mich jedoch besonders nervt: In der Radreise-Community ist der Iran sehr beliebt, und immer wieder begegnen wir Deutschen, Schweizern oder Niederländern, die uns großspurig erklären: „Iran ist überhaupt kein Problem zum Reisen. Die Leute sind so gastfreundlich.“ Auf unserem Weg nach Asien wäre das Land eine wichtige Etappe. Wenn ich dann kontere, dass dort Kopftuchpflicht für Frauen besteht und Homosexualität mit der Todesstrafe verfolgt wird, machen alle große Augen. Dass Homosexualität in 70 (!) Ländern noch strafbar ist und in elf Staaten sogar die Todesstrafe droht, wissen viele nicht.

Meine Erfahrungen aus muslimischen Ländern haben mich gelehrt, wie gastfreundlich die Bevölkerung ist. Dennoch zeigt der aktuelle Fall der zum Tode verurteilten Lesben Zahra Sedighi Hamedani und Elham Choubdar (wir berichteten), wie gefährlich es für Homosexuelle im Iran sein kann. Für uns jedenfalls steht nach langer Überlegung fest: Iran mit Fahrrad und Zelt kommt nicht in Frage. Da bauen wir lieber einen Flug ein.

Doch auf einer Weltreise kommen wir nicht umhin, auch in LGBT-feindliche Länder zu reisen. Für uns ist es immer eine Abwägung, welches Risiko wir in Kauf nehmen wollen. Mit Fahrrad und Zelt sind wir ungeschützter als auf einer Pauschalreise.

Lesben in der Teestube und geschlechtergetrenntes Arbeiten

Schon hier in der Türkei gibt es für uns ungewohnte Grenzen. Unzählige Teestuben sind ausschließlich für Männer. Dennoch setzen wir uns selbst in den abgelegensten Dörfern genau dorthin und trinken einen Çay. Das Ergebnis: Wir dürfen zwar das WC nicht benutzen, da nur Männer-Toiletten vorhanden sind, werden aber sehr herzlich empfangen. Mal schenkt uns der Bauer vom Nachbartisch einen Teller voll Feigen oder eine ganze Melone, mal ist es dem Wirt eine Ehre, uns auf den Tee einzuladen.

Und auch auf der türkischen Webseite von WWOOF entdeckten wir einiges Ungewohntes, wie etwa eine sehr konservative Geschlechtertrennung. So gab es überraschend viele Familienfarmen, in denen es männlichen Freiwilligen nicht erlaubt ist, gemeinsam mit den Frauen des Gehöftes zu arbeiten.

Hier auf unserer Farm reden wir dagegen sehr offen mit unserer Gastfamilie. Sie fragen neugierig nach, wie die Situation für LGBTQ in Deutschland ist und wie unser Coming-out war. Täglich kommen Menschen zu Besuch, und keine:r scheint sich an uns zu stören. Alle sind begeistert von unserer Weltreise, geben uns Tipps, was wir alles noch sehen sollen.

Alles werden wir wohl nicht schaffen. Jetzt bleiben wir erst mal ein paar Wochen in der Türkei und fahren danach weiter nach Georgien. Da der Weg über den Iran für uns ausgeschlossen ist, werden wir von Tiflis nach Thailand fliegen, um den Winter weiterhin in warmen Gefilden zu verbringen. Aber das ist dann das nächste Kapitel …

Dana Müller wird in unregelmäßigen Abständen weiter von ihrer Reise berichten - so erfahrt ihr, ob sie wirklich in Australien ankommt und was sie auf dem Weg dorthin erlebt. Teil 1 ihres Berichts (Juni 2022) könnt ihr hier lesen.

Danas und Ankes Reise könnt ihr auch in ihrem Blog Fabulous Female Cyclists und  auf Instagram begleiten.

 

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