Queere Start-Up-Gründer:innen: „Ihr müsst nicht alles allein schaffen“
Auf welche Hürden treffen Frauen und queere Personen, die ein Start-up gründen möchten? L-MAG hat Jil und Tinush vom europaweiten Netzwerk „She/They – Queer Start-up Founders Club“ gefragt.
Tima Miroshnichenko/Pexels 4.10.2026, red. - Die Idee ist da, die Motivation auch, aber ihr wisst nicht, wie ihr anfangen sollt? So geht es vielen, sagen Tinush Weise und Jil Landtau. Sie engagieren sich beim „She/They – Queer Start-up Founders Club”, ein europaweites Netzwerk für queere Frauen* und nicht binäre Personen, die ein Startup gründen wollen oder bereits gegründet haben.
Tinush und Jil, welche Startups betreibt ihr selbst und wie seid ihr auf die Idee zu She/They gekommen?
Tinush: Ich komme aus der Unternehmensberatung und bin IHK zertifizierter Detektiv. Mein Startup Trueffles ist ein Mappingtool, wie The Chart von „The L Word” oder die berühmte Detektivwand im Krimi. 2022 habe ich in Berlin an einem Event namens „Queer Founders meet Queer Investors” teilgenommen, bei dem überwiegend männlich gelesene Personen anwesend waren. Mir wurde klar, dass wir queere weibliche* und nicht binäre Gründer:innen noch keine eigene Community haben. Da habe ich die Idee zu She/They entwickelt.
Jil: Ich habe Amendio gegründet, eine Plattform für digitale Hilfe bei Haushaltsreparaturen. Über Tinush bin ich zu She/They gekommen. Mir ist wichtig, queere Frauen* und nicht binäre Personen sichtbarer zu machen und ihre wirtschaftliche Stärke zu fördern.
Was bietet ihr mit She/They an?
Jil: Co-Working- und Networking- Events, Meet-ups, Pitch-Formate, Investor: innendinner und Masterclasses mit Expert:innen. Wir schaffen einen Safer Space, in dem sich unsere Mitglieder austauschen können. Dazu kommen Wissen, Feedback und Unterstützung, um mit dem eigenen Gründungsvorhaben weiterzukommen.
Was genau ist ein Startup? Was begeistert euch daran?
Tinush: Das ist ein junges Unternehmen mit einer neuen, heute häufig digitalen Geschäftsidee. Es will ein Problem lösen und dabei schnell wachsen. Typisch sind ein innovatives Produkt, ein skalierbares Geschäftsmodell und viel Offenheit fürs Ausprobieren. Mich begeistert, eigene Ideen umzusetzen, etwas wachsen zu sehen und dabei selbst mitzuwachsen.
Jil: Ähnlich wie Tinush begeistert mich, etwas Eigenes aufzubauen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Man gestaltet die Idee, das Team und die Entwicklung selbst und ist direkt für den Erfolg verantwortlich.
She/They Club Die She/They-Gründer:innen Jil (l.) und TinushWieso braucht es eigene Netzwerke für Frauen und queere Personen, die ein Startup gründen wollen?
Tinush: Der Startup-Bereich ist noch immer stark von cis Männern geprägt. Das zeigt sich beim Zugang zu Kapital: Weniger als zwei Prozent der Finanzierungen gehen an Frauen. Statistisch wird der Anteil queerer Frauen* und nicht binärer Personen nicht einmal eigens erfasst. FLINTA* haben oft weniger Zugang zu Kontakten und weniger sichtbare Vorbilder. Dazu kommen Vorurteile, ungleiche Chancen und manchmal das Gefühl, sich stärker beweisen zu müssen. Gute Netzwerke können hier Türen öffnen. Es braucht transparentere Auswahlprozesse, diversere Teams und mehr FLINTA* Personen in Entscheidungspositionen.
Erzählt von einem Moment aus eurer Arbeit bei She/They, der euch besonders in Erinnerung geblieben ist.
Jil: Ein schöner Moment war unser Bar-Meet-up während des diesjährigen Berliner Pride Month. Viele der Teilnehmenden waren am Gründen interessiert, hatten aber noch keine konkrete Idee oder waren unsicher, ob sie den Schritt wirklich gehen wollen. Durch die Gespräche hatte ich das Gefühl, dass einige danach deutlich mehr Klarheit und Mut hatten.
Tinush: Für mich war ein toller Moment unser Investor:innen-Dinner. Rund zwanzig FLINTA*-Gründer:innen waren dabei. Die Stimmung war sehr offen und inspirierend. Ähnlich geht es uns bei unseren regelmäßigen FLINTA*-Co-Working-Treffen. Es berührt uns immer wieder, wie schnell ein Gefühl von Gemeinschaft entsteht.
Was sind eure drei Tipps für FLINTA*, die ein Startup gründen wollen?
Jil und Tinush: Erstens, denkt langfristig. Ein Startup zu gründen ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Teilt euch eure Energie gut ein, gründet etwas, das euch persönlich interessiert und feiert die kleinen Fortschritte. Zweitens: Wartet nicht auf die perfekte Idee oder den perfekten Moment. Ganz bereit fühlt man sich wahrscheinlich nie. Und Konkurrenz ist nicht automatisch schlecht. Sie zeigt oft, dass es einen Markt und echte Kund:innen gibt. Und drittens: Sucht euch ein starkes Netzwerk. Ihr müsst nicht alles allein schaffen.
SHE/THEY Queer Start-up Founders Club: she-they.com
Dieser Artikel erschien zuerst in L-MAG 5/2026 - hier als E-Paper.

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