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„Wir haben viel Zuhause in der Welt gefunden“: Ein Frauenpaar radelt von Kapstadt nach Wien

Tanja und Johanna sind ein Paar und machten eine Fahrradreise von Südafrika bis Österreich - 21 Länder, über 24.000 Kilometer und 40 platte Reifen. Im Gespräch mit L-MAG erzählen sie von ihren Erlebnissen.

Roaming Pedals Johanna (l.) und Tanja auf einem Zwischenstopp vor Wüstenkulisse

Von Dana Müller

13.5.2026 - Ein Abenteuer der Superlative: mit Fahrrad, Zelt und Freundin um die Welt! Tanja Willers und Johanna Hochedlinger haben es nach nur zwei Monaten Planung gewagt und sind von Südafrika bis nach Österreich geradelt.

Die beiden heute 38-Jährigen lernten sich einst bei einem Snowboardkurs kennen. Ihre Leidenschaft fürs Draußensein verbindet sie. Fahrradmechanikerin Tanja hat eine familiengeschichtliche Verbindung zu Ostafrika, ihre Schwester lebt in Kapstadt und so stand die Route schnell fest. Im Herbst 2022 machten sie und Johanna sich auf den Weg und radelten von Kapstadt bis nach Wien. Das Ergebnis: 445 Tage, 24.100 Kilometer und 21 Länder in Afrika, dem Mittleren Osten und Europa.

Auch L-MAG-Autorin Dana Müller machte im Jahr 2022 eine lange Fahrradreise gemeinsam mit ihrer Partnerin (L-MAG-Reportage). Sie kamen ihrerseits auf 476 Tage und über 12.200 Kilometer. Für L-MAG hat Dana Tanja und Johanna zu einem Videocall geladen und mit ihnen Erfahrungen ausgetauscht.

 

L-MAG: Tanja und Johanna, ihr habt gezählt: Am Ende eures Trips, nach über 24.000 Kilometer im Sattel, hattet ihr vierzig Platten...

TANJA: Es waren zehn Flicken auf jedem Schlauch, das war sicher den Dornen in den afrikanischen Ländern geschuldet. Aber das war kein Problem. Flicken bekommst du überall.

Wenn man erzählt, dass man als lesbisches Paar Fernreisen macht, fragen viele Leute erstmal nach negativen Erfahrungen. Fangen wir hier deshalb anders an: Was ist eure schönste Erinnerung?

JOHANNA: Für mich der erste Tag in Botswana. Wir sind am Rand der Kalahari entlanggeradelt. Dann waren da plötzlich Elefanten, die vor uns die Straße überquerten.

TANJA: Für mich ist es der Gesamteindruck der Menschen im Iran. Wir sind noch immer in Kontakt mit vielen Leuten, die wir dort kennengelernt haben.

Roaming Pedals Unterwegs mit voll bepackten Rädern in Tansania

Wir hatten uns dagegen entschieden, durch den Iran zu fahren, und mussten dann ein Stück fliegen. Hattet ihr vorher Zweifel, ob der Iran für euch eine Option ist? (Anm. der Red.: Das Interview fand im Januar 2026 vor Ausbruch des Krieges der USA und Israels mit Iran statt.)

JOHANNA: Wir haben uns auch darüber Gedanken gemacht. Deshalb haben wir über Couchsurfing Leute vor Ort angeschrieben und sie gefragt, wie sie die Situation einschätzen.

TANJA: Wir haben allerdings nicht geschrieben, dass wir ein lesbisches Paar sind, sondern haben gefragt, wie das für zwei Frauen wäre, dort alleine herumzuradeln. Die Antworten waren alle positiv: „Kommt her, wir kümmern uns um euch.“ Im Dezember 2025 sind wieder Massenproteste im Iran aufgeflammt, die von der Regierung blutig niedergeschlagen wurden. Das zeigt einmal mehr: Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Bevölkerung und dem Regime im Iran.

JOHANNA: Zuerst haben wir uns dort sehr angepasst. Später haben wir gesehen, dass die Menschen auf ihre Weise protestieren. Das hat uns echt Mut gegeben. 

Ihr seid durch einige Länder gefahren, in denen auf Homosexualität viele Jahre Gefängnis oder sogar die Todesstrafe stehen.

JOHANNA: Wir haben sie erst nach unserer Reise gezählt, was gut war.

TANJA: Wir haben uns diese Gedanken nie gemacht...

JOHANNA: ...weil wir uns nicht einschränken lassen wollten und weil wir wissen: Nicht alle Menschen sind so.

TANJA: Aber wir schmusen auch nicht in der Öffentlichkeit. Das ist nichts, was uns einschränkt, wenn wir das eine Zeit lang nicht tun. Und auf dem Fahrrad kannst du sowieso nicht Händchen halten. 

Von der politischen Lage in den Ländern einmal abgesehen ist es schon eine Herausforderung, über den afrikanischen Kontinent zu radeln und die ganze Zeit über im Zelt zu übernachten. Wie war das für euch?

JOHANNA: Wir haben uns langsam daran gewöhnt. In Südafrika, wo wir gestartet sind, ging es zuerst mit kleineren Tieren wie Springböcken los. Nachts hörst du Schakale, Hyänen... und merkst dann, die tun dir nichts. Die respektieren uns, wenn wir sie respektieren. Abends haben wir Feuer gemacht und unsere ,Bush-Rules‘ angewandt, wie kein Essen im Zelt und nicht zur Jagdzeit von Raubtieren unterwegs sein.

TANJA: Wir haben viel recherchiert. Kann man überall campen? Gibt es Menschen, die das schon gemacht haben? Und wir haben viel mit Locals gesprochen. Uns wurde oft bestätigt: Sobald du im Zelt bist, bist du für die Tiere quasi abstrakt und keine Beute mehr.

Aber schläft man dann auch?

JOHANNA: Tanja schläft gut, sobald sie sich hinlegt. Bei mir hat es etwas gedauert. Am Anfang hat mich jedes Geräusch nervös gemacht. Der Busch lebt in der Nacht. Du kannst erst nicht einschätzen: Ist das eine Raupe unter dem Zelt oder pirscht sich gerade eine riesige Katze an? Aber irgendwann bist du so erledigt, dass du schläfst.

Wir haben zum ersten Mal auf unserer Weltreise in Griechenland wild gezeltet. Da haben wir stundenlang gesucht, um den perfekten Spot zu finden. Wir sind durchs Schilf an einem Fluss entlang, damit uns kein Mensch finden kann. Am nächsten Morgen sind wir aufgewacht und ein Bauer mit seinen Schafen stand direkt neben unserem Zelt. Das Ergebnis: Er hat uns ein Kilo frische Orangen geschenkt, weil gerade Erntezeit war.

JOHANNA: Ja, das sind irrationale Ängste zu Beginn. Du hast dich dann eingegroovt, oder?

Klar. Aber ich habe es bis heute nicht geschafft, alleine wild zu zelten.

TANJA: Das sage ich auch immer. Das klingt jetzt alles so mutig, aber ich hätte das alleine nie gemacht! Ich glaube, neunzig Prozent der Campspots, an denen wir waren, hätten mir allein viel mehr Angst gemacht als zu zweit. Das ist allerdings auch ein irrationales Sicherheitsgefühl – denn was willst du zu zweit tun, wenn der Löwe kommt?

Unsere Erkenntnis nach unserer langen Reise war: Die Welt ist netter, als man glaubt. Was nehmt ihr mit von eurem Trip?

TANJA: Die meisten Menschen auf der Welt sind gute Menschen. Wir sind uns alle ähnlicher, als wir glauben.

JOHANNA: Wir haben unterwegs immer gesagt: „Wir sind auf dem längsten Heimweg unseres Lebens.“ Und dann waren wir plötzlich wieder in Wien, und das Zuhause hat sich fremder angefühlt.

TANJA: Weil sich so vieles andere plötzlich auch nach Zuhause angefühlt hat.

JOHANNA: Wir haben viel Zuhause in der Welt gefunden.

 

Tanja Willers, Johanna Hochedlinger: Zwei Frauen, zwei Räder, ein Zelt, Tyrolia-Verlag, 288 Seiten, 28 Euro

Reiseblog von Tanja und Johanna: roamingpedals.wordpress.com

 

Dieses Interview erschien zuerst in L-MAG 2-2026

 

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