L-Mag

Stephanie Hollenstein: Lesbisch im Schatten des Hakenkreuzes

Stephanie Hollenstein (1886-1944) war Malerin, lesbisch und begeisterte Nationalsozialistin. Wie kann das sein? Die Antwort auf diese Frage erzählt viel über Macht, Anpassung und Selbstverrat im 20. Jahrhundert – und heute.

Archiv Lustenau Stephanie Hollenstein in Uniform bei den Standschützen 1915

Erschienen in der L-MAG-Ausgabe 2-2026 (Mrz./ Apr.)

Von Saskia Balser

1886 wird Stephanie Hollenstein im österreichischen Lustenau in eine arme Bauernfamilie geboren. Ihr Schicksal hätte es sein können, für immer auf dem elterlichen Hof zu arbeiten. Stattdessen wurde sie zu einer zentralen Figur des NS-Kunstbetriebs.

Erste Malversuche mit zerdrückten Beeren

Denn Hollensteins künstlerische Begabung zeigt sich früh: Mit einem Kuhschwanz und zerdrückten Beeren beginnt sie im Stall zu malen. Um mit ihrem Talent Karriere zu machen, geht sie an die Königliche Kunstgewerbeschule nach München. Diese Jahre prägen sie. Sie kann sich in einer männerdominierten Szene durchsetzen, intime Beziehungen zu Frauen führen und damit einem Lebensentwurf jenseits patriarchaler Rollen folgen – doch schon hier schimmern erste Risse.

Als „Stephan“ an die Front

1915 will Hollenstein im Ersten Weltkrieg dienen, wird aber als Rotkreuzschwester abgelehnt. Also zieht sie als Mann verkleidet unter dem Namen „Stephan“ an die italienische Front. Erst Monate später fällt ihre Identität auf. Ihre Tarnung ist gescheitert, aber ihre Anerkennung beginnt. Statt abgestraft zu werden, wird sie dem Kriegspressequartier zugeteilt und malt Szenen von Lazaretten und Schlachtfeldern – propagandistische Bilder, die dem Staat dienen. So beginnt Hollensteins Karriere als expressionistische Malerin, mitten in den Schützengräben.

Lesbische Beziehungen und Männlichkeitskult

Parallel dazu hat Hollenstein zahlreiche lesbische Beziehungen und intensive Affären. Briefe aus der Zeit zeigen, wie viele Frauen Hollenstein gedatet hat. Die Kunstwelt scheint diesen Trubel zu dulden. Zugleich nähert sich Hollenstein in den 1930er-Jahren den Idealen des NS-Männlichkeitskults an. Das spiegelt sich auch in ihrem Äußeren: Die Kurzhaarfrisur von „Stephan“ behält Hollenstein bei. Ihre Faszination für Männlichkeit, Kraft und Hierarchie passt perfekt zum aufziehenden Nationalsozialismus.

Galerie Stephanie Hollenstein Hollensteins „Bildnis eines Soldaten“ (1917) gilt als Selbstporträt, rechts ein Porträt von ihrer Freundin Dr. Franziska Groß (1939)

Aufstieg in der Wiener Kunstszene

Und hier verfestigen sich die Widersprüche: Hollenstein tritt bereits vor dem „Anschluss“ Österreichs in die NSDAP ein und steigt zu einer zentralen Figur im Wiener Kunstapparat auf. Besonders ihre Landschaftsmalereien sind gefragt. Dank ihres „Dienstes am Vaterland“ wird sie von Männern im Kunstbetrieb ernst genommen. Sie wird Präsidentin der Vereinigung Bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ), organisiert Ausstellungen und schlägt 1941 sogar vor, ein Frauenkunstmuseum zu schaffen. Ein feministischer Vorstoß? Sicher nicht, denn es fällt ihr nicht schwer, die misogynen, rassistischen und antisemitischen Ideologien des NS-Regimes zu reproduzieren.

Karriere in einem totalitären System

Hollenstein lebt weiterhin offen lesbisch, wird aber im Kulturapparat des „Dritten Reichs“ akzeptiert. Das ist eine bemerkenswerte Ausnahme innerhalb einer Ideologie, die Homosexualität vehement ablehnt. Dieser Widerspruch ist nicht nur biografisch, er ist strukturell: Hollenstein verknüpft queere Identität und Patriotismus so miteinander, dass sie in einem totalitären System nicht nur überlebt, sondern sogar Karriere machen kann. Während andere Künstler:innen als „entartet“ verfolgt werden, verdient Hollenstein so viel Geld wie nie zuvor.

Hollensteins Geschichte wurde lange verschwiegen

Dass sie ihren Erfolg auch jüdischen Mäzenen und Kund:innen verdankt, kehrt sie bewusst unter den Teppich, ihren Antisemitismus hingegen nicht. Der zeigt sich in Schriften der Zeit: Hollenstein war keine „Mitläuferin“, sondern überzeugte Nationalsozialistin.

Stephanie Hollenstein starb 1944 in Wien. Ihr Nachlass, über 1200 Werke und Dokumente, liegt heute in Lustenau. Erst in den letzten Jahrzehnten rückten Homosexualität und politische Verstrickung in den Fokus der Forschung – lange wurde beides verschwiegen.

Mit der Biografie „Hitlers queere Künstlerin“ leistet die Kulturjournalistin und Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer einen wichtigen Beitrag zur kritischen Aufarbeitung von Hollensteins Geschichte.

Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit

Was an Stephanie Hollenstein so irritiert, ist keine historische Einmaligkeit. Auch heute gibt es Biografien, in denen persönliche Lebensrealitäten im Widerspruch zu den politischen Überzeugungen stehen. Das prominenteste Beispiel dafür ist sicher AfD-Chefin Alice Weidel. Trotz einer langjährigen Beziehung und Ehe sowie zwei Kindern mit einer Frau distanziert sich Weidel öffentlich von queeren Bewegungen und führt eine Partei, deren Programm traditionelle Familienwerte betont und gegen LGBTIQ*-Rechte agitiert.

Der Kern dieses Paradoxons ist eine Machtfrage: Welche Teile der eigenen Identität werden sichtbar, wenn sie politisch nützlich sind, und welche verschwinden, wenn sie der ideologischen Linie widersprechen?

Hollenstein zeigt, dass man sich während der NS-Zeit selbst verraten konnte, um aufzusteigen. Und Weidel bestätigt, dass man das heute noch kann.

 

Die aktuelle Ausgabe der L-MAG  erhältlich am Kiosk, im Abo, als e-Paper und bei Readly.

 

Folge uns auf Instagram, Facebook und Bluesky

Aktuelles Heft

Queerer Widerstand

Protest, Kunst & Community: Zivilgesellschaft und queere Power. Wallis Bird im Interview, die Festivalsaison 2026 und mehr ...
Hier abonnieren!



Anzeige

Inventing Queer Cinema

Mit »Inventing Queer Cinema« eröffnet die Deutsche Kinemathek ihre erste Ausstellung am neuen Standort im Berliner E-Werk. Im Fokus stehen Filme und Filmarbeitende, die seit den 1970er-Jahren das ...
Mehr >>


Bleibt out und proud!

 

Nur mit euch, unseren Leser:innen und online-Nutzer:innen, bekommen wir das hin! Helft uns, damit wir diese Zeiten durchstehen, die in politischer wie finanzieller Hinsicht nicht einfach sind. Journalismus, der nicht nur in Social Media Bubbles stattfindet, unabhängig ist und dialogbereit bleibt, hat es zunehmend schwer.

Unterstützt unsere Arbeit!

Vielen Dank!
Euer L-MAG-Team

 

 


L-MAG.de finde ich gut!

Bleibt out und proud!

 

Nur mit euch, unseren Leser:innen und online-Nutzer:innen, bekommen wir das hin! Helft uns, damit wir diese Zeiten durchstehen, die in politischer wie finanzieller Hinsicht nicht einfach sind. Journalismus, der nicht nur in Social Media Bubbles stattfindet, unabhängig ist und dialogbereit bleibt, hat es zunehmend schwer.

Unterstützt unsere Arbeit!

Vielen Dank!
Euer L-MAG-Team

 

 


L-MAG.de finde ich gut!
x